Terrorangriff der HamasWüst, Reul und hunderte Kölner gedenken jüdischen Opfern bei Schweigegang

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Hunderte Kölnerinnen und Kölner folgten dem Aufruf der Kirchenverbände zum pro-israelischen Solidaritätsmarsch in Köln am Mittwochabend, mit dabei waren unter anderem NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU, m.) und NRW-Bildungsministerin Dorothee Feller (CDU, 2.v.l.)

Hunderte Kölnerinnen und Kölner folgten dem Aufruf der Kirchenverbände zum pro-israelischen Solidaritätsmarsch in Köln am Mittwochabend, mit dabei waren unter anderem NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU, m.) und NRW-Bildungsministerin Dorothee Feller (CDU, 2.v.l.)

Die Kirchen hatten zu Marsch durch Köln aufgerufen, hunderte Kölnerinnen und Kölner folgten am Mittwochabend dem Aufruf.

Zum Schluss hatte der Regen etwas nachgelassen und die Kerzen, die die Teilnehmer des Schweigegangs an der Synagoge abstellten, gingen nicht mehr aus. Während an die Fassade des altehrwürdigen Gebäudes Bilder der jüdischen Opfer projiziert wurden, die von der palästinensischen Terrororganisation Hamas am 7. Oktober in den Gazastreifen verschleppt worden waren, sangen der Kantor und der Rabbiner der Synagogengemeinde ein Segensgebet und ein Gebet für die Verschleppten. Es war das eindrucksvolle Ende einer gelungenen Solidaritätsveranstaltung.

Nach Polizeiangaben waren rund 2500 Menschen dem Aufruf der katholischen und evangelischen Kirche gefolgt, schweigend vom Dom zur Roonstraße zu gehen, um auf diese Weise den Opfern des Terrors gegen Israel und dem Novemberpogrom vom 9. November 1938 zu gedenken. Die Veranstalter hatten mit weitaus weniger Zuspruch gerechnet. Gregor Stiels, Vorsitzender des Katholikenausschusses, sprach dann auch von einem „starken Zeichen“.

Solidarität mit Israel in Köln: Geiseln der Hamas sind an die Synagoge projiziert.

Solidarität mit Israel in Köln: Geiseln der Hamas sind an die Synagoge projiziert.

Solidaritätsmarsch in Köln: Viele trauern mit jüdischen Opfern der Hamas-Gewalt

Nicht nur Mitglieder des Kölner Rats hatten sich dem Gang durch die Innenstadt angeschlossen, auch die Landesregierung war stark vertreten. Vorne weg gingen NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, NRW-Bildungsministerin Dorothee Feller sowie ihre Kabinettskollegen Nathanael Liminski, Benjamin Limbach und Herbert Reul. Zusammen mit Kirchenvertretern hielten sie ein Transparent mit der Aufschrift. „Wir trauern um die Opfer des Terrors gegen Israel. Wir stehen an der Seite unserer jüdischen Mitbürger*innen!“.

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Die Veranstaltung wurde von rund 120 Polizisten gesichert. Zwischenfälle gab es an diesem Abend keine, doch der 7. Oktober hat das Sicherheitsgefühl der Juden erschüttert: „Die Gemeinde-Mitglieder haben echte Angst, die es ihnen schwer macht, an den Angeboten der Gemeinde teilzunehmen“, so Synagogen-Vorstand Abraham Lehrer, der ebenfalls am Schweigegang teilnahm.

Ausgangspunkt war der Roncalliplatz, wo zum Auftakt kurze Ansprachen gehalten wurden. „Der schreckliche Terroranschlag war der tödlichste Tag für Juden seit dem Schrecken des Holocausts“, sagte Stadtdechant Monsignore Robert Kleine am Fuße des Doms. Der Terrorakt dürfe durch „nichts in der Welt“ gerechtfertigt und relativiert werden. Doch Stadtsuperintendent Bernhard Seiger musste feststellen, dass es nicht nur Gleichgültigkeit und Kälte gegenüber den jüdischen Opfern gebe, „sondern dass sich offener Antisemitismus Bahn bricht auf Demonstrationen und in den sozialen Netzwerken und in den Schulen“. Man habe das Gefühl, Antisemitismus sei nicht mehr nur ein Thema der extremen Rechten, sondern auch in Teilen des linken, des migrantischen und des kulturellen Milieus.

Zu den Teilnehmerinnen des Schweigegangs gehörte Andrea Döhrer aus Erftstadt. „Ich hätte nie gedacht, dass so eine antisemitische Stimmung wieder möglich wäre“, sagte die evangelische Pfarrerin. Sie sei erschrocken darüber, „dass unsere jüdischen Mitbürger in Angst leben, dass Häuser mit dem Davidstern gekennzeichnet werden, dass jüdische Schüler in der Schule beleidigt werden, dass sie Angst haben und teilweise nicht mehr zur Schule gehen“. Sie gehöre der Generation an, die ihre Großeltern gefragt habe, warum sie in der Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr getan hätten, um jüdische Mitbürger zu schützen, so die 58-Jährige. Jetzt stelle sich erneut die Frage: „Tun wir etwas oder tun wir nichts?“ Auch Kabarettist Jürgen Becker hatte sich der Menge angeschlossen. Er freue sich über die Initiative der Kirchen: „Man muss den Leuten mehr Angebote machen, wo sie sich zeigen können.“ Der jetzt aufbrandende Judenhass sei unerträglich.

Einen kurzen Zwischenstopp legten die Teilnehmer an der Glockengasse ein, wo einst ebenfalls eine Synagoge stand. Sie wurde im November 1938 von Nazis ebenso zerstört wie die Synagoge an der Roonstraße. Doch nur letztere wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut.

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