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Mein VeedelJürgen Wiebicke schätzt das ländliche Flair in Holweide

5 min
Ein Mann in blauem Hemd und Jeans hält einen leeren Eierkarton.

Der Philosoph, Autor und Journalist Jürgen Wiebicke liebt das ländliche Flair in seinem Veedel Holweide. Die Eier, die eine Bäuerin hier verkauft, sind leider schon ausverkauft. 

Der Autor, Philosoph und Hörfunk-Journalist Jürgen Wiebicke wurde im rechtsrheinischen Köln geboren. Er liebt das ländliche Idyll seines Stadtteils Holweide.

Wer an Jürgen Wiebickes Tür klingeln möchte, muss ein Brücklein über die Strunde passieren. Von seinem Arbeitszimmerfenster im alten Fachwerkhaus schaut er direkt auf den viel befahrenen Teil des Radschnellwegs im Mikroviertel Schweinheim. Genau das gefällt dem Philosophen und Hörfunk-Journalisten. „Ich selbst habe kein Auto, mache alles mit dem Rad. Meine Eltern haben mir das vorgelebt, ich kenne es seit Kindesbeinen nicht anders“, sagt der 62-Jährige, der damit heute voll im Nachhaltigkeitstrend liegt.

Für ihn ist Radfahren aber mehr als Fortbewegung: Es hat für ihn etwas Meditatives. Nach seinen Sendungen, zu denen er eine halbe Stunde zum WDR-Funkhaus in der City radelt, eben entlang des Radwegs, der teils an der Straßenbahntrasse entlang bis nach Deutz führt, kann er abschalten. „Für mich ist das Seelenhygiene, ich gewinne dabei Abstand zu meinen Arbeitsinhalten, kann über Dinge nachdenken.“

Ein Mann mit Brille, blauem Hemd und Jeans steht vor einem Bauzaun, dahinter liegen eine unfertige Tiefgarage und ein altes Backstein-Fabrikgebäude.

Seit Jahren ist unklar, wie es mit der alten Baumwollbleicherei in Holweide weitergehen soll. Zahlreiche Investoren sprangen ab, zurück blieb eine unfertige Tiefgarage hinter einem Bauzaun.

Vermutlich ist er auch beim Radeln auf die Punkte von Interesse gekommen, die er der Besucherin aus dem Linksrheinischen in seinem Veedel Holweide zeigen will. Der erste Stopp ist kaum 100 Meter entfernt von Wiebickes Domizil, in dem er seit fünf Jahren lebt. Der gebürtige Brücker ist abgesehen von ein paar Jahren in Berlin dem rechtsrheinischen Köln zumeist treu geblieben.

Alte Baumwollbleicherei in Holweide: Baustelle seit zweieinhalb Jahren stillgelegt

An der Schweinheimer Straße/Ecke Kochwiesenstraße halten wir an einem natürlich gewachsenen Biotop: Nachdem sich mehrere Investoren für die alte Baumwollbleicherei interessierten, hatte vor einigen Jahren eine Firma aus Leipzig Pläne für mehr als 200 Wohnungen vorgestellt, doch seit zweieinhalb Jahren ruhen die Arbeiten. Immerhin hinterließ der Investor vor seinem Absprung das fertige Dach der Tiefgarage, auf dem sich heute ein Teich gebildet hat, den invasive Nilgänse samt Nachwuchs in Beschlag genommen haben. Das 21.000 Quadratmeter große Areal ist von einem Bauzaun umgeben. Wie und wann es hier weitergeht, steht in den Sternen. 

Der Schornstein der Bleicherei ist aber noch vor dem gescheiterten Neubauvorhaben fertig restauriert worden. „Für mich ist er mein Dom“, sagt Wiebicke. Für ihn ist der Backstein-Turm sein Synonym fürs Nach-Hause-Kommen. Vom „Dom“ aus radeln wir an der Stadtbahnlinie entlang zu einem weiteren von Menschen gemachten und der Natur überlassenen Wasserbauwerk. Am Kreuzwasser fließen Strunde und Faulbach zusammen. Schon im Jahr 1000 gebaut, sollte die Flusskreuzung die Fließgeschwindigkeit der Strunde hochhalten, damit die mehr als 20 Mühlen, die entlang des Bachlaufs bis zum Ursprung im Bergisch Gladbacher Ortsteil Herrenstrunden standen, zuverlässig angetrieben werden konnten.

Ein Mann im blauen Hemd und Jeans steht neben einem Bachlauf.

Am Kreuzwasser fließen Flehbach und Strunde zusammen.

Wir nehmen den Radweg zurück Richtung Holweide und schauen in der Ferdinand-Stücker-Straße vorbei. Wiebicke will die freilaufenden Hühner auf einer großen Weide präsentieren. Sie gehörten dem Sohn der letzten Bäuerin, deren Hof ums Eck an der Schweinheimer Straße liegt. Dort werden die Eier der garantiert glücklichen Hühner verkauft, aber an diesem Tag sind sie schon ausverkauft. „Die Schweinheimer Straße hat für mich etwas Belgisches, sie ist so improvisiert“, schwärmt Wiebicke, auf die unbefestigten, beziehungsweise nicht vorhandenen Bürgersteige deutend.

Viele Weiden in Köln-Holweide

Dafür murmelt die Strunde entlang der Straße, hinter den Häusern liegen die Weiden, die dem Stadtteil seinen Namen gaben. Doch bevor wir uns gänzlich im städtischen Landidyll verlieren, geht es rüber auf die Schäl Sick von Holweide. Die große Trennlinie ist die Bergisch Gladbacher Straße. „Hier sind oft ärmere Leute zu Hause, aber das Schöne ist, dass sich im Veedel noch alle vermischen. Es gibt nicht so eine starke Segregation, wie in vielen beliebten Wohnvierteln im Linksrheinischen“, findet Wiebicke.

22.05.2026 Köln. Veedelsspaziergang durch Holweide mit dem Philosophie-Journalisten Jürgen Wiebicke im Rahmen der Serie „Mein Veedel“. In der Bäckerei mit Claudia Bisceglia. Foto: Alexander Schwaiger

In der Bäckerei mit Claudia Bisceglia.

An der Piccoloministraße liegt seine Lieblingsbäckerei „Ährensache“. Bei Claudia Bisceglia kauft er ein Überraschungsbrot und die „beste Müslimischung Kölns“. Weiter geht es zum im Holweider Jargon liebevoll getauften Piccoplatz. Wiebicke ist dieser Ort wichtig. Es ist ein Treffpunkt der weniger Betuchten, auch der Trinker, die sich am Kiosk versorgen und auf den Bänken lagern. An diesem Freitagvormittag sieht der Platz gepflegt aus. Die Initiative Runder Tisch Holweide hat gemeinsam mit der Stadt Pflanzbeete und Bänke aufgestellt. Ein Bücherschrank komplettiert das Ensemble. „Die Verwandlung von Hässlichem in Schönes – solche Orte interessieren mich“, sagt Wiebicke, der sich wünschen würde, dass mehr solcher Projekte auf die Tagesordnung von Politik und Verwaltung geraten.

Ein Mann im blauen Hemd sitzt auf einer Holzbank, mit dem Rücken an ein Holz-Hochbeet gelehnt.

Der Piccolominiplatz, den alle nur Piccoplatz nennen, liegt Wiebicke am Herzen.

Wir radeln weiter, kreuzen erneut die Bergisch Gladbacher Straße und finden uns im Märchen wieder. Tatsächlich verströmen die kleinen Häuser der Märchensiedlung, die teils in Holweide, teils in Dellbrück liegt und ihre Bezeichnung Straßennamen wie Rapunzelgässchen und Rotkäppchenweg und Drosselbartstraße verdankt, pures Bullerbü-Flair. Was heute märchenhaft anmutet, auch weil sich die Immobilienpreise vervielfacht haben, wurde in den 1920er-Jahren als Siedlung Iddelsfeld angelegt. Vom jüdischen Architekten Manfred Faber, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

Wir verlassen die Märchensiedlung und stehen auf der Neufelder Straße. Gegenüber ist die katholische Grundschule. „In den 70er Jahren bin ich hier zum Gymnasium gegangen, bevor es ins Gebäude der heutigen Gesamtschule umgesiedelt wurde. Wir hatten sehr linke Lehrer, oftmals welche, die gerade erst aus der Ausbildung kamen“, erinnert sich Wiebicke, der später nach Bensberg ins dortige Albertus-Magnus-Gymnasium wechselte. „Dort war es dann genau das Gegenteil, der Schwenk von links zu sehr konservativ hätte nicht krasser ausfallen können.“

22.05.2026 Köln. Veedelsspaziergang durch Holweide mit dem Philosophie-Journalisten Jürgen Wiebicke im Rahmen der Serie „Mein Veedel“. Im Café mit Anne Schultes und Peter Schmitz. Foto: Alexander Schwaiger

Der Kuchen-Freund Wiebecke liebt Madame Miammiam, die Konditorei von Peter Schmitz und Anne Schultes, die dort feinste Konditorei-Produkte servieren.

Jürgen Wiebicke ist davon nicht überrascht, denn der Brücker Jung hat es schon immer gewusst. Das Zentrum in einer halben Stunde erreichen zu können, aber die Ruhe des ländlichen Stadtteils im Alltag genießen zu können, ist für ihn die perfekte Kölner Mischung. „In Holweide kann ich mit den Augen ausruhen.“ Dabei hat er zuletzt sogar eine Forelle in der Strunde entdeckt. Aber am liebsten sind ihm die Kühe, die hinter seinem Haus auf einer der vielen Weiden von Holweide grasen. „Kühe sind für mich irgendwie die Urviecher des Menschen. Wo Kühe sind, da lass dich gerne nieder.“


Wiebickes Tipps:1) Ein Ausflug zum Kreuzwasser, das in der Verlängerung der Chemnitzer Straße liegt2) Die Vollkornbäckerei Ährensache, Piccoloministraße 3043) Ein Spaziergang durch die Märchensiedlung, zum Beispiel von der Stadtbahn-Haltestelle der Linie 3 Neufelder Straße aus4) Madame Miammiam, Suitbertstraße 12