Wo zu preußischer Zeit Munition zur Versorgung der Festungswerke im Äußeren Festungsring aufbewahrt wurde, entstand vor mehr als 100 Jahren ein Park.
Köln früher und heuteWie der Fritz-Encke-Volkspark zum Ruhepol für alle wurde

Tanzvorführung auf dem „Reigenplatz“ im Raderthaler Volkspark, der mittlerweile nach Gartendirektor Fritz Encke benannt ist.
Copyright: Sammlung Joachim Bauer
Der schnöde Alltag endet an der Sinziger Straße. Hier befindet sich der kunstvollste Eingangsbereich zum Fritz-Encke-Volkspark. Es ist ein Entree in eine entspanntere Welt. Den Auftakt bildet ein rundes Tempelgebäude mit Brunnen unter dem Kuppeldach. Dahinter geht es weiter mit Blumenbeeten, Sitzbereichen und kleinen Portalen, an denen die Rosen ranken dürfen. Damit hat das Areal in Raderthal sein Pulver noch lange nicht verschossen: Wer sich weiter vorwagt, stößt auf eine weitläufige Wiese mit Blick in den Äußeren Grüngürtel und sonderbare Erdwälle an den Randbereichen, die einen genaueren Blick lohnen.
Ulrich Markert wohnt in der Innenstadt, hat sein Herz aber an die Grünfläche zwischen Brühler Straße, Bonner Straße und Militärring im Kölner Süden verloren. „Es wird keinen Volkspark geben in Deutschland, wo es diese Vielfalt gibt“, sagt der 83-Jährige beim Rundgang. Der Kölner Gartendirektor Fritz Encke verwandelte vor mehr als 100 Jahren das stark zerklüftete Gelände eines „Friedenspulvermagazins“ in einen inspirierenden Tummelplatz für alle Bevölkerungsschichten. Wo zu preußischer Zeit Munition zur Versorgung der Festungswerke im Äußeren Festungsring aufbewahrt wurde, sollte sich nun Reich und Arm, Jung und Alt gleichermaßen ausleben.

Ulrich Markert hat sich maßgeblich für die Revitalisierung des Raderthaler Parks stark gemacht. Auch der „Reigenplatz“ kann wieder genutzt werden.
Copyright: Tobias Christ
Gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrags mussten Verteidigungsanlagen nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg unbrauchbar gemacht werden. Vier Erdwälle, die im Falle einer Explosion den Druck nach oben ableiten sollten, integrierte Encke geschickt in seine Planung. Sie wurden Teil von thematischen Nischen zur kreativen Betätigung. Auf diese Weise entstanden umwallte Plätze zum Tanzen, zum Lesen, außerdem ein Naturtheater, ein Sandspielplatz und ein großes Planschbecken. Doch in den Folgejahren geriet die sechs Hektar große Grünfläche zunehmend in Vergessenheit. Auch, weil sie bald Konkurrenz bekam durch den Äußeren Grüngürtel direkt nebenan.
Anwohner werden selbst aktiv
Als Ulrich Markert vor mehr als 25 Jahren erstmals das Gelände betrat, hieß der Fritz-Encke-Volkspark noch Raderthaler Volkspark und schlief einen tiefen Dornröschenschlaf. „Das war ein völlig ungeordnetes Gelände“, sagt der Bankkaufmann im Ruhestand. Überall wucherten Unkraut und Wurzeln. Als Mitglied im Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz konnte er sich mit diesem Zustand nicht abfinden und wurde aktiv.
Er animierte Anwohner, sich um Beete und Anlagen zu kümmern, krempelte selbst die Ärmel hoch und sammelte Spenden, mit denen unter anderem ein neuer Brunnen für den Brunnentempel im Eingangsbereich finanziert werden konnte. Auch das Amt für Denkmalpflege, das Grünflächenamt und die Bezirksvertretung Rodenkirchen leisteten ihren Beitrag zur Rekultivierung des Parks, der 2002 nach Fritz Encke benannt wurde. Seit 1980 steht der Park unter Denkmalschutz.
In seiner 23-jährigen Zeit als Kölner Gartendirektor machte sich Encke an vielen Stellen verdient um das Kölner Grün. Insbesondere gestaltete er Sondergärten in den Grüngürteln wie den Blücherpark in Bilderstöckchen, den Kletterbergpark und den Rosengarten auf Fort X im Agnesviertel. Als Encke 1903 sein Amt antrat, galten Parks noch als streng reglementierte Statussymbole und Wohlstandsbeweise der Städte. Die Wege zu verlassen, um auf den Wiesen Ball zu spielen, war unvorstellbar.
Nach dem Ersten Weltkrieg dann wurden öffentliche Grünflächen „sozial“, durften und sollten also aktiv genutzt werden. Davon profitierten vor allem ärmere Großstadtbewohner, denen oft kein eigener Garten oder Balkon zur Verfügung stand. Der Raderthaler Volkspark sei in diesem Sinne ein Meisterwerk gewesen, so Joachim Bauer, früherer stellvertretender Leiter des Grünflächenamts – sowohl architektonisch als auch konzeptionell.
Park nicht komplett restauriert
Eine doppelreihige Lindenallee zeichnet heute noch die Umrisse der einst viereckigen, sechs Hektar großen Erholungsfläche nach. Doch ihre volle Pracht entfaltete sie nur kurze Zeit: Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden im Ost- und Westbereich des Parks Wohnhäuser für die britische Besatzungsmacht. Dadurch verlor er etwa die Hälfte seiner Fläche und viel von seiner Ausstrahlung.
So ist die Nord-West-Achse des Parks heute nicht mehr nachvollziehbar und auch Teile der Themenbereiche sind verschwunden. Was übrig blieb, befindet sich wieder in einem ansehnlichen Zustand, der Reigenplatz etwa, der Leseplatz und das Naturtheater. Dem kritischen Blick von Ulrich Markert entgehen die kleinen Makel dennoch nicht. Für die marode Kardorfer Straße im Norden des Geländes schlägt Markert eine Entsiegelung vor, um so den Eingangsbereich mit dem Brunnentempel an die große Volkswiese anzubinden – „eine Wiedervereinigung im Kleinen“.
Und das Naturtheater sei komplett von der Volkswiese abgetrennt, weil die Bundeswehrfachschule dazwischenliege. „Eine Anbindung wie in früheren Zeiten wäre zu begrüßen und auch nach wie vor möglich“, sagt Ulrich Markert. Seiner angedachten Funktion, nämlich ein Ruhepol für alle Bevölkerungsschichten zu sein, werde der Fritz-Encke-Volkspark aber wieder gerecht.

