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Satirischer Wochenrückblick
Bitte stehenlassen, werde abgeholt

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Brühl, Tannenbäume werden abgeholt, doch nicht jeder wird mitgenommen, die Bäume müssen abgeschmückt werden. Weihnachten, Weihnachtsbäume, Müllabfuhr, Stadtwerke Brühl, Straßenreinigung,

Ausrangiert: Ein Weihnachtsbaum wartet auf die Abfuhr. Foto: Udo Beissel

„Alaaf! Mer dun et för Kölle!“ Warum das neue Karnevalsmotto ein Freifahrtschein erster Klasse ist.

Dass die Kölschen ein durch und durch jeckes Völkchen sind, werden sie spätestens nach der Proklamation des Dreigestirns in einer Woche wie in jeder Session eindrucksvoll unter Beweis stellen. Doch diesmal ist alles etwas anders. Das muss am neuen Motto liegen, das jeder noch so sinnlosen Aktion einen tieferen Sinn verleiht.

„Alaaf! Mer dun et för Kölle!“ Das ist ein Freifahrtschein erster Klasse. Zum Beispiel, um diese störende Festivität namens Weihnachten, die den Sessionsauftakt am Elften im Elften künstlich von dem Moment trennt, da Prinz, Bauer und Jungfrau vom Gürzenich in alle Welt gesandt werden, um Frohsinn unters Volk zu bringen und alles wegschunkeln, was sich ihnen in den Weg stellt. Frohsinn – keine frohe Botschaft.

Die Zeiten, als die Heiligen Drei Könige dem Trifolium die Schau stehlen konnten, sind lange vorbei. Kein Mensch dreht sich mehr nach ihnen um, wenn sie auf dem weiten Weg zum holden Knaben über die Eisbahnreste auf dem Heumarkt über ausrangierte Weihnachtsbäume stolpern, die von der Müllabfuhr erst ab 8. Januar eingesammelt werden, weil zuvor wegen der Geschenkpapierberge im Müllwagen kein Platz für sie war.

Willkommenskultur sieht anders aus

Willkommenskultur sieht anders aus. Während Kaspar, Melchior und Balthasar in ihren Gewändern mit Gold, Weihrauch und Myrrhe unter den verständnislosen Blicken kölscher Pänz auf der Suche nach dem Jesuskind weiter in den Dom stolpern, um nachzusehen, ob ihre Gebeine noch im Original-Dreikönigenschrein aus dem 12. Jahrhundert liegen, spielen sich draußen unter den einst so stolzen Nordmanntannen aus der Eifel und dem Oberbergischen wahre Dramen ab. Tannen, die sich in dem Glauben, sie würden das Christkind erblicken, widerstandslos abholzen ließen.

Auf dem Weg zum Rheinufer, zum Beispiel. Dort lehnt seit dem zweiten Weihnachtstag ein massakriertes Exemplar an einer Hauswand, nur noch bestehend aus Stumpf und Stiel. Die Enden dürrer Zweige ragen aus einer blauen Mülltüte heraus, auf der ein mit Klebeband fixierter Zettel verrät, welches Schicksal ihm droht. „Bitte stehenlassen, werde am 8. Januar abgeholt.“

Ach käme doch ein fröhlicher Narr vorbei und würde dem viel zu frühen Tod dieser gepeinigten Kreatur wenigstens ein Sinn und einen lieben Spruch mit auf die Reise ins Nadelparadies geben. „Alaaf! Mer dun et för Kölle!“