Chinesische Lackkunst war Statussymbol, Glücksbringer und kaiserliches Hoheitszeichen. Das Kölner Museum für Ostasiatische Kunst zeigt jetzt 60 herausragende Stücke.
Ausstellung in KölnAuf dem Weg zur Unsterblichkeit

Die Deckeldose mit Opferszene im daoistischen Paradies aus der Song-Dynastie (960–1279) ist eines der ältesten Werke der neuen Lackschau im MOK
Copyright: © HAStK-RBA, Marion Mennicken
Wer bei dem leuchtend zinnoberrot lackierten und geschnitzten Holzteller aus dem Jahr 1568, der jetzt im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst (MOK) zu sehen ist, ganz genau hinschaut, erkennt, dass den beiden prunkvollen Drachen, die sich darauf rekeln, jeweils eine Kralle fehlt. In China, wo der Teller unter dem Ming-Kaiser Wanli (1573–1619) entstand, gilt der fünfkrallige Drache als Symbol des absoluten Gipfels der Macht und war damit ausschließlich dem Kaiser und seiner Familie vorbehalten. Und weil der Drachenteller den kaiserlichen Hof offenbar als repräsentatives Geschenk verließ, stutzte man den Fabelwesen eben kurzerhand die Krallen.
Dass die chinesischen Kaiser der Ming-Dynastie (1368–1644) ein Faible für gutes Kunsthandwerk hatten, ist einem auch hier spätestens nach den Schlagzeilen über die immer neuen Rekordsummen bekannt, die Sammler mit dem nötigen Kleingeld ein paar Jahrhunderte für das berühmte blau-weiße Porzellan hinblättern. Dass diese Epoche aber auch als goldenes Zeitalter der ebenso hochwertigen chinesischen Lackkunst gilt und sogar noch viel früher technisch und künstlerisch anspruchsvolle Lackobjekte an chinesischen Kaiserhöfen entstanden sind, zeigt das MOK jetzt mit seiner ersten Lackausstellung seit fast 25 Jahren.
500 Jahre Geschichte chinesischer Lackschnitzkunst
Zu sehen sind rund 60 chinesische, mit aufwendigem Schnitzlack dekorierte Teller, Deckeldosen, Gefäße und Schalen – mit Ausnahme einiger Museumsstücke alle aus der Privatsammlung eines Kölner Ehepaars, die Museumsdirektorin Shao-Lan Hertel vor Ausstellungseröffnung gar als „wichtigste Sammlung chinesischer Schnitzlacke außerhalb Ostasiens“ bezeichnete. Über 30 Jahre hinweg hat das Kölner Sammlerehepaar hochkarätige Lackarbeiten vom 12. bis ins frühe 17. Jahrhundert zusammengetragen, darunter viele bislang kaum erforschte sogenannte „Yunnan-Lacke“, die unter der mongolischen Yuan-Dynastie (1279–1368) in einer bestimmten Region im Südwesten Chinas entstanden sind. Insgesamt über 500 Jahre Geschichte chinesischer Lackkunst lassen sich an ihrer Sammlung nachvollziehen. Die Objekte, so Kurator Daniel Suebsman, hätten nicht nur einen großen ästhetischen Wert, sondern auch einen intellektuellen Anspruch. Um die mythologischen Motive – oft aus dem Daoismus oder Buddhismus – zu verstehen, müsse man deshalb tief in die Philosophie, Religion und Kultur Chinas eintauchen.

Den beiden Drachen auf diesem kaiserlichen Teller aus dem Jahr 1568 wurden die Krallen gestutzt
Copyright: © HAStK-RBA, Marion Mennicken
Weil Lack – der umständlich aus dem Saft des gleichnamigen Baumes gewonnen wurde – ein sehr kostbarer Werkstoff und die Verarbeitung so aufwendig war, waren Lackschnitzarbeiten schon immer Statussymbole einer besonders wohlhabenden Oberschicht: ob als prunkvolle Wohnzimmerdeko reicher Beamtengelehrter und Kaufleute, als Exportware nach Korea, Japan und in die islamische Welt, oder eben als Geschenke zu besonderen Anlässen. Zwei Dokumentenkästen aus der Song-Dynastie (960–1279) werden etwa von einem auf die Sonne zeigenden Gelehrten geschmückt– ein Motiv, das für die Beförderung steht und dem Träger des Kastens offenbar als Glücksbringer dienen sollte.
Aufwendiges Kunsthandwerk
Diese Stücke, die zu den ältesten der Sammlung zählen, stammen aus jener Zeit, in der Schnitzlack gerade erst zu einem der bedeutendsten Kunsthandwerkszweige Chinas aufstieg. Anders als bei dem bis dahin aufgemalten Dekor mussten für den Schnitzlack Dutzende bis Hunderte Lackschichten aufgetragen werden, die jeweils tagelang aushärten, bevor man die filigranen Muster und Motive mithilfe von speziellen Werkzeugen wieder aus dem Lack herausschnitzte. Indem man die Schichten dabei mit unterschiedlichen Farben versah und dann in der richtigen Tiefe abtrug, konnte man neben Dreidimensionalität auch mehrfarbige Motive erzeugen – wie man an einem der Highlights der Schau, einer runden Deckeldose aus der Song-Zeit, wunderbar erkennen kann. Ihren Deckel schmückt die Szene einer Opfergabe im daoistischen Paradies: Vor dem zinnoberroten Grund steigt der leuchtend orangefarbene Rauch des Feuers auf, das der Gelehrte mit seinem Diener entfacht hat; Bambuspflanzen, Kiefern und Pilze rahmen das Bild.
Das für chinesische Lackarbeiten charakteristische Rot galt übrigens als die glückverheißendste Grundfarbe. Und dem Zinnober, der dem Lack beigemischt wurde, sagte man im Daoismus nach, das Leben bis hin zur Unsterblichkeit verlängern zu können. Dass wegen des toxischen Quecksilbers das Gegenteil der Fall war, konnte man damals noch nicht ahnen. Immerhin ist Lack ein äußerst beständiges Material, das Objekte vor Wasser, Säuren und hungrigen Insekten schützt, sodass wir uns viele Jahrhunderte später noch immer über ihre Schönheit freuen können.
„Schichten und Schnitte – Chinesische Lackkunst“, Museum für Ostasiatische Kunst, Universitätsstr. 100, Köln, Di.–So. 11–17 Uhr, 18. Juni 2026 bis 31. Januar 2027.
