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Carl GrossbergDas Langweiligste an Köln ist der Dom

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Der Kölner Bahnhofsvorplatz mit Steinquadern im Vordergrund.

Carl Grossbergs Gemälde vom Kölner Hauptbahnhofsvorplatz ist derzeit im Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal zu sehen.

Der visionäre Maler Carl Grossberg erlebt in seiner Geburtsstadt Wuppertal endlich seine Wiederentdeckung.

Über Jahrhunderte kamen Künstler nach Köln, um den Dom zu malen oder die christliche Wacht am Rhein wenigstens zu fotografieren. Welchen Sinn sollte die Reise sonst gehabt haben? Als Carl Grossberg vermutlich im Frühjahr 1927 in Köln abstieg, um sich ein Bild von den Schönheiten der Stadt zu machen, kehrte er der Kathedrale rasch den Rücken und genoss die Aussicht auf den Bahnhofsplatz – mit vielen Taxis, einer Straßenbahn, Strommasten und sogar einer Kirche, St. Maria Himmelfahrt.

Offenbar interessierte sich Grossberg nicht für das alte Köln, sondern für die vom mittelalterlichen Dom in den Schatten gestellte (um nicht zu sagen: geknechtete) moderne Großstadt. Er wollte keinen Pilgerort zeigen, sondern einen elektrifizierten Verkehrsknotenpunkt, mit dem Bahnhof als Kathedrale des 19. Jahrhunderts. Die größte Sorgfalt verwandte Grossberg allerdings auf einen Haufen Steine im Vordergrund, ein abstraktes Stillleben, das sich wie eine Ruinenlandschaft vor die Aussicht schiebt. Lange wurde gerätselt, woher Grossberg diese surreal anmutende Idee gekommen war. Heute glaubt man, es zu wissen: Die Dombauhütte hatte die Steine bei Bauarbeiten dort abgestellt.

Grossberg zählte zu den konsequentesten Malern der Neuen Sachlichkeit

So fand der Dom doch noch ins Gemälde, wenn auch nur in Gestalt sorglos gestapelter Steinquader – eine Umwertung ganz nach Grossbergs Geschmack, einem Maler der Neuen Sachlichkeit, deren Vertreter die industrialisierte Welt mit nüchternem Blick zur schönsten aller möglichen erklärten. Anders als bei Otto Dix oder beim Fotografen Albert Renger-Patzsch hat Grossbergs Ruf seinen Tod allerdings nicht lange überdauert. Der Wuppertaler starb 1940, die letzte große Retrospektive seines Werks gab es im Jahr 1994, und sie tingelte von Wuppertal aus durch die Provinz. Dabei zählte Grossberg zu den konsequentesten Malern der Neuen Sachlichkeit: Seine Bilder von Industrieanlagen und Fabrikhallen wirken mitunter so unterkühlt wie technische Zeichnungen, ohne deswegen im Mindesten weltfremd zu sein.

Jetzt macht sich das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum erneut daran, Carl Grossberg im allgemeinen Gedächtnis zu verankern. Die Aussichten dafür stehen so gut wie noch nie, denn die Neue Sachlichkeit ist in den letzten Jahren dank zahlreicher Einzel- und Übersichtsausstellungen wieder in Mode gekommen. Außerdem wurde ein unerfüllter Traum Grossbergs wahr: Mit Merrill C. Berman entdeckte ein wohlhabender US-Sammler seine Kunst. Berman gehört nicht nur zu den wichtigsten Leihgebern der Wuppertaler Schau, er hat auch Geld in die Erforschung des Grossberg’schen Lebenswerks gesteckt.

Ein Mann steht mit Pinsel vor einem Dampfhammer.

Carl Grossbergs „Selbstbildnis“ aus dem Jahr 1928

So erfährt man in Wuppertal jetzt auch biografische Details, die 1994 noch unbekannt waren, etwa, dass Grossberg nicht 1940 als Angehöriger der Wehrmacht bei einem Verkehrsunfall im besetzten Frankreich ums Leben kam. Tatsächlich nahm er sich das Leben, nachdem man ihn wegen des Unfalls vor ein Kriegsgericht gestellt hatte. Das wiedererweckte Interesse an Grossberg hat vermutlich auch geholfen, Bilder, die als „in Privatbesitz verschollen“ galten, erstmals wieder zu präsentieren.

Das prominenteste Beispiel dafür ist Grossbergs „Selbstbildnis“ (1928), auf dem er mit heiligem Ernst vor einem riesigen Dampfhammer posiert. Etwas versetzt, blickt uns der hagere Maler mit durchdringenden Augen an. Er trägt Anzug, Schlips und Kragen, sein Handwerkszeug, einen feinen Pinsel, hält er schräg vor der Brust. Auf der linken Seite gibt ein Fenster den Blick auf eine rationalisierte Landschaft mit geradlinigen Kanälen und kastenförmigen Gruben frei. Die Komposition hat etwas Feierliches: Grossberg zeigt sich bei der präzisen Durchdringung seines Gegenstands, wenn nicht bei dessen Vergeistigung im Medium der Kunst.

Ein gelber Kessel steht in einer Fabrikhalle.

Carl Grossberg: „Der gelbe Kessel“ (1933)

Für das wiederentdeckte „Selbstbildnis“ reservieren die Wuppertaler Kuratoren einen eigenen Altarraum – und umringen es mit Künstlerporträts des Kölner Fotografen August Sander aus den 1920er Jahren. So wird Grossberg in seine Zeit eingereiht und zugleich das Sachlich-Fotografische seiner Malerei betont. Allerdings trifft dieser Vergleich nur einen Teil seines Werks. Seine frühen Arbeiten erscheinen noch beinahe expressionistisch, mit märchenhaften Bergdörfern, die als farbig leuchtende Bauklötzchen-Architektur in der Landschaft stehen. Später malte Grossberg menschenleere, lose von Giorgio de Chirico inspirierte Stadtansichten, und in seinen „Traumbildern“ schlug das Neusachliche schließlich sogar in magischen Realismus um.

Von-der-Heydt-Direktor Roland Mönig rahmt die rund 150 Grossberg-Werke (50 Gemälde und 100 Zeichnungen) mit Bildern aus der eigenen Sammlung. Am Anfang steht die Malerei der Weimarer Republik, am Ende die „Dingmagie“ nach 1945. So zeigt Mönig, dass Grossbergs Malerei nicht aus dem Nichts entstand und der neusachliche Stil ihn überlebte. Allerdings bleibt diese kostengünstige Rahmung anekdotisch, mit Leihgaben etwa aus dem Bereich des „Magischen Realismus“ hätte man Grossbergs Stellung vermutlich besser herausarbeiten können. Die eingestreuten Fotografien aus der zeitgenössischen Becher-Schule führen sogar auf Abwege, insbesondere ein Großformat von Thomas Struth ist spektakulär fehl am Platz. Hier wäre ein Vergleich mit Fotografien der 1920er Jahre lohnender gewesen.

Carl Grossberg verwandelte Fabriken in besenreine Kathedralen

Auf seinen klassischen Gemälden verwandelte Grossberg Fabriken in besenreine Kathedralen und große Kessel in Altäre – beides war eine Tendenz der Zeit. Der Weltkrieg hatte die Übermacht der Technik auf grausame Weise bewiesen, ein knappes Jahrzehnt später sollte sie der verlässliche Motor einer stabilen Gesellschaft sein. Allerdings verstand sich Grossberg keinesfalls als Prophet einer besseren Zukunft. Seine Bilder einer scheinbar vollautomatisierten Produktionssphäre lassen sich auch melancholisch deuten. Für ihn war das Sehnsuchtsreich der rationalen Technik eine in sich geschlossene Welt; der Mensch kann sie erschaffen, aber darin leben kann er nicht.

Diese Doppeldeutigkeit zeichnet gerade seine magischen Bilder aus. „Traumbild Rotor“ (1927) ist vollgestopft mit mythischen Tieren, Gerüsten und technischen Konstruktionen. Am linken Rand ruht ein Adler auf einer soliden Stahlfantasie, in der Mitte steuern zwei riesige Rotoren ein stilisiertes Schiff in eine stürzende Holzkonstruktion. Über allem steht, in kosmischer Leere, der Planet Saturn: Sinnbild von Melancholie und Rationalität. Ein in Wuppertal erstmals gezeigtes „Traumbild“ (1933) in Industriekulisse wirkt wie eine böse Vorahnung, mit schattenhaften Flugzeugen am Himmel und Höllentieren, die einer verlorenen menschlichen Gestalt aufzulauern scheinen.

Die „dämonische“ Seite der Technik hatte Grossberg im Weltkrieg kennengelernt, zwischen 1915 und 1918 diente er als Offizier an der Front. Obwohl äußerlich unversehrt, hingen ihm die Erlebnisse sein Leben lang nach, ein Freund erinnert sich an „Gemütsdepressionen“ und „Ausbrüche an Verzweiflung“. Der beherrschte Maler, der uns auf Grossbergs Selbstbildnis entgegenblickt, ist vielleicht auch nur eine bildgewordene Hoffnung auf Beständigkeit, eine neusachliche Projektion.


„Carl Grossberg. Sachlich, magisch, visionär“, Von-der-Heydt-Museum, Turmhof 8, Wuppertal. Di.–So. 11–18 Uhr, Do. 11–20 Uhr, bis 30. August 2026. Katalog: 45 Euro.