Abo

Impulse-FestivalEin „Stripping Bolero“ für Köln

4 min

Sheena McGrandles: "Toil", Impulse-Festival 2026

Das Impulse-Festival der Freien Szene wandert nach dem Start in Düsseldorf mit Performances, Tanz und Theater über Bochum und Mülheim an der Ruhr nach Köln.

In der diesjährigen Ausgabe ist das Thema Arbeit in mehreren der Stücke zu entdecken, die aus dem ganzen deutschsprachigen Raum zusammengesammelt wurden mithilfe von Scouts und einer kleinen Jury. Sind Kuratoren eigentlich Sammler oder Jägerinnen? Säen oder ernten sie? Das Eröffnungsstück aus Berlin, „Toil“ von Sheena McGrandles, bot choreografische und tänzerische Arbeit an Struktur, am Erfüllen von Ordnung, angetrieben von sich wandelnden Rhythmen, immerzu diagonal durch den Raum und mit präzise gesetzten Füßen: Schritte, Schritte, Winkel, dazu die Arme, Hüften, Schultern, Köpfe, Knie. Die Frage und die Tatsache der Anstrengung, das Leiden, Erschöpfen und Neuschöpfen von Energie, sind ja ein immerzu aktuelles Thema im Tanz. Heftiger Applaus war der Lohn.

Die Impulse breiten sich aus, von dort nach hier und weiter. Das ist die Eigenart dieses Festivals: nicht einen Klumpen Spektakel an einem Ort abzuspratzeln. Sondern durch mehrere Städte in NRW zu wandern. Mit dem Impulse-Festival hat NRW eine Besonderheit, weil es in die deutschsprachigen Länder ausstrahlt – und darüber hinaus. Denn andere Festivalleiter kommen schauen, etwa aus Benelux, und im besten Fall wandern die Stücke künftig noch weiter.

Der Vertrag von Leiterin Franziska Werner wurde gerade verlängert

Es geht explizit um die Freie Szene, also um Stücke, die nicht zum Repertoire eines Hauses gehören oder zu keinem Haus gehören und deshalb eingeladen werden müssen auf Bühnen, um zu existieren. 1990 gegründet, getragen vom NRW-Kultursekretariat Wuppertal aus Landesmitteln, zeitweise im Zweijahresrhythmus organisiert, inzwischen wieder jährlich, hat das Festival seit 2025 eine neue Leiterin, Franziska Werner. Ihr Dreijahresvertrag wurde soeben verlängert. Erfreuliche Entscheidung.

Gut 500 Produktionen wurden gesichtet, auch per Video, und eine Vorauswahl getroffen. Franziska Werner macht daraus das Programm, das in den beteiligten Städten auf Bühnen oder an speziellen Nicht-Theater-Orten passen muss und mit dem recht begrenzten Budget zu stemmen ist. Zudem drückt die gebürtige Ost-Berlinerin ein neues Anliegen ins Programm: speziell ostdeutsche und -europäische Perspektiven hinzuzufügen: die Reihe „Post-West“.

Wo man voriges Jahr noch dachte: Hä? Da fügen sich diese zusätzlichen Performances nahtlos ein. Denn die NRW-Theaterszene ist ja zugleich lokal und, zumindest der Tanz, ohnehin sehr international. Warum also nicht Kunst aus Estland, Polen, aus der Slowakei? So bekam das Publikum im FFT in Düsseldorf bei „Bruchovrarvy“ von Dávid Koronczi eine köstlich scharfe Consommé, Hefebrötchen, Mohncreme und Schnaps angeboten, während eine junge Sängerin auf drei Sprachen von Leben, Sterben, Vergehen und Vergeben sang.

Gasthoftheater und türkische Volksmusik

Vergänglichkeit und Trauer. Und über die Trauer hinaus: das tiefere Thema der Impulse. Beim Nature Theater of Oklahoma aus New York, das sein Stück in der Steiermark schuf, im Auftrag, für ein neues Gasthoftheater, findet sich ein gemütlicher Sarg im Ambiente einer holzvertäfelten Bar. Er macht aber nichts in „Pizza oder Eine Tür in der Dunkelheit tanzt nicht“. Den fünf Protagonisten hier hätte Vergebung vielleicht gutgetan. In dem etwas enervierenden Stück wird, wie immer bei den Oklahomas, fast ununterbrochen gesungen: Texte mit Songanmutungen. Das alles salbadert sich schließlich in Richtung Religion. Denn es gehen ihm, also den sich hier an sich selbst oder den Gefährten abarbeitenden Figuren, die Fragen nicht aus. Über die Liebe, deren Scheitern und über psychische Labilität und so.

In Köln wird anderes zu sehen sein vom 17. bis 21. Juni. Auch hier musikalisch-performativ, plus Film. Die Sängerin Nihan Devecioğlu, geschult auch in türkischer Volksmusik und Sufi-Musik, verschmilzt die Traditionen und die Bühnen-Genres. Für „YoldaS – Frauen, die einander halten“ ging sie mit ihrer Großmutter in die BMW-Werke in München. Dort hatte sie gearbeitet als sogenannte Gastarbeiterin, mit den Händen. Die Enkelin dankt ihr.

Im Trio „Ash, horizon, riding a house“ der Estin Netti Nüganen schmilzt das Bühnenbild, vergehen die „Leinwände“ aus Eis; beim Frauenduett „States of bewilderment“ von Alina Arshi aus Lausanne schwinden Bedenken gegen Nähe. Und Rykena + Jüngst nehmen sich zu dritt mit Tanz und Humor in „Stripping Bolero“ Höhepunkte vor. Auch die bleiben nie.

Zu den Aufführungen in der Tanzfaktur, der Comedia und im FWT kommen öffentliche Diskussionen: eine „Hoffnungswerkstatt“ zum Ost-West-Deutschland-Verhältnis und eine über Räume für die Freie Szene Theater und Tanz. In Köln ein höchst untotes Thema.

Aus Köln heraus schaffte es diesmal nur ein Stück ins Festivalprogramm, eine Koproduktion der Studiobühne: „Der Soldat“ mit und von Julian Warner. Wie manches bei den Impulsen künstlerisch keine Großtat, aber in der Art der Inszenierung erfindungsreich. „Besonders“, wie Franziska Werner betont, ist eines der Kriterien des Festivals, das eigentlich eine „eierlegende Wollmilchsau“ sei oder lauter Spagate absolviere mit der Auswahl, nach Regionen, Genres, Stückegrößen, Themen, Publikumsansprüchen. Mit Werner zieht immerhin viel mehr Tanz als früher ein.


Impulse-Festival vom 10. bis 14. Juni in Bochum und Mülheim a.d. Ruhr. In Köln vom 17. bis 21. Juni. Informationen unter www.impulsefestival.de