Schauspiel-Intendant Kay Voges schaut darauf zurück, was in seiner ersten Spielzeit in Köln gut und schlecht gelaufen ist - und wie er auf den Umzug an den Offenbachplatz blickt.
Kay Voges' Bilanz seiner ersten Spielzeit„Ich bin immer noch euphorisch“

Schauspiel-Intendant Kay Voges zieht bald mit seinem Team von Mülheim in die Innenstadt.
Copyright: Uwe Weiser
Kay Voges, Ihre erste Spielzeit geht gerade zu Ende, sagenhafte 34 Premieren liegen hinter uns. Hatten Sie überhaupt schon Zeit, mal kurz Luft zu holen und auf die letzten Monate zurückzublicken?
Nein, die Zeit ist wie im Flug vergangen. Für ein Resümee fehlt noch der räumliche und zeitliche Abstand. Aber ich kann schon von einem guten Gefühl reden. Die Gewerke haben uns herzlich willkommen geheißen. Das Team und das Ensemble sind stärker zusammengewachsen, als ich zu hoffen gewagt habe. Für ein erstes Jahr ist auch recht viel gelungen. Und wir haben eine Auslastung von um die 90 Prozent.
Gerade die Gewerke haben Sie mit der großen Anzahl an Produktionen sehr beansprucht. Gab es da nicht auch mal die Rückmeldung: Wir können nicht mehr?
Die Gewerke standen sogar unter Doppelbelastung: Die mussten nicht nur einen sehr anspruchsvollen Spielplan umsetzen, sondern gleichzeitig noch den Umzug vorbereiten. Aber wir haben ja viele verschiedene Formate produziert, von hochaufwendigen Bühnenbildern wie bei „Imagine“ bis zu sehr einfachen Formaten mit einer Leinwand und einem Menschen davor. Ich glaube, diese Abwechslung, auch hinsichtlich des Aufwands, hat es möglich gemacht, so viel zu schaffen.
Wir haben auch einige Arbeiten von Ihnen gesehen. Wie haben Sie die Umstellung vom frisch sanierten Wiener Volkstheater zum Depot erlebt?
So spannend das Depot als Bühnenraum ist, so herausfordernd ist es auch. Für alle anderen hier war es schon selbstverständlich, dass man über dieses Wellblechdach fliegende Flugzeuge und die Stimmen von draußen hört, die startenden Autos und den Regen. Dass man ohne Mikrofon nicht verstanden wird und dass die Wege und Auftritte weit sind und die Verwandlungen mühsam und langwierig. Diese Erfahrungen, aus dem Depot einen Illusionsraum, einen Zauberkasten zu kreieren, musste ich erst mal machen. Das habe ich zuerst unterschätzt.
Das Kölner Theaterpublikum hat sich dagegen längst ans Depot gewöhnt.
Und ist teilweise auch stolz darauf. Das finde ich sehr schön. Eine Abonnentin kam neulich zu mir und sagte: Herr Voges, wir haben in unserem Schauspiel Hochkultur auf dem Abenteuerspielplatz gehabt, jetzt habe ich ein bisschen Sorge, dass es am Offenbachplatz spießig wird. Ich habe gesagt: Ich verstehe Ihre Sorge. Wir werden alles dafür tun, dass das nicht passiert. Ich bin sehr neugierig, wie das Publikum reagieren wird, wenn es nach so langer Zeit auf einmal ein „richtiges“ Theater wiedersieht.
Gab es einen Moment, wo Sie wussten: Jetzt läuft es?
Ich habe mich wahnsinnig über unsere letzte große Hausproduktion gefreut, „Vergeltung“ von Sebastian Baumgarten, weil sich da ein Kreis geschlossen hat. Wir haben begonnen mit „Imagine“, einem Bildertheater ohne Worte, und enden mit einem Hörspiel mit ein paar Bildern. Zwei sehr ungewöhnliche theatrale Umsetzungen – nicht auf Nummer Sicher gespielt, sondern mit Schönheit gewonnen – und beide behandeln sie Gegenwart und Krieg, was sich ja durch unsere gesamte Spielzeit gezogen hat. Beide gehen auch mit dieser riesig breiten Bühne um. So etwas kriegt man nur in Köln, auch dank dieser Räumlichkeiten.

Mit „Imagine“ eröffnete Kay Voges seine erste Spielzeit am Schauspiel Köln
Copyright: Marcel Urlaub
Gab es auch Momente der Verzweiflung?
Die gab es schon. Die Übertragung meiner „Faust“-Produktion ins Depot, da habe ich viele graue Haare dazubekommen. Das ist ein sehr aufwendiges Stück für Maschinerie, Technik, Drehscheibe. Da habe ich gemerkt, wir bekommen diese Präzision und Perfektion einfach nicht hin. Im Volkstheater hat man eine eingebaute Drehscheibe, die genauso per Computer gesteuert ist wie die Obermaschinerie, und nicht irgendwelche Kettenzüge, die klackern und Radau machen. Da freue ich mich auf den Offenbachplatz.
Was hat Sie am Kölner Publikum überrascht?
Toll ist diese Neugierde und große Aufmerksamkeit den verschiedensten Formaten gegenüber. Mich hat es erleichtert, dass unsere Theater-und-Journalismus-Schiene, die ich hier sehr nach vorne gestellt habe, so gut aufgenommen worden ist. Das gilt auch für die drei Produktionen, die wir kurzfristig reingeschoben haben, besonders den Monologabend von Calle Fuhr, „Krieg und Frieden“. Wenn Theater gegenwärtig sein will und ein Ort der gesellschaftlichen Debatte, muss es auf die Gegenwart reagieren und auch mal schnell produzieren. Ich war in einem Nachgespräch von „Krieg und Frieden“, da debattierten 200 Menschen, junge wie alte, über den Wehrdienst. Und vielleicht noch ein Ereignis, das mich tief berührt hat: die Solidaritätsveranstaltung für die Menschen im Iran. Da saß ich mit 400 Menschen im Saal, die teilweise geweint haben, die einander festgehalten haben, die zusammenstanden. Das habe ich so noch nicht erlebt, dass das Theater auch ein Ort des gemeinsamen Trauerns sein kann. Und dass wir dafür auch Raum geben müssen.
Theater als Trostspender, das hört man wirklich selten.
Das sind harte Zeiten, in denen wir gerade sind, kriegerische Zeiten. Wir haben versucht, gegen dieses Ohnmachtsgefühl, das man allein zu Hause vor dem Fernseher hat, einen künstlerischen Raum aufzumachen, der sich teilweise emotional, teilweise intellektuell mit dem Leiden der anderen auseinandersetzt. Nicht nur mit „Imagine“ und „Vergeltung“, auch mit kleineren Formaten wie den „War Diaries“, diese Produktion von israelischen Künstlern, oder auch „In the Meantime - A Play across two Continents“ mit zwei iranischen Künstler:innen, die wir zusammen mit dem Orangerie-Theater koproduziert haben.
Sie arbeiten jetzt bereits seit 15 Jahren als Intendant. Aber ein emotionales Verhältnis zu Ihren Häusern ist geblieben?
Auf jeden Fall. Zudem hatte Köln für mich etwas von einem Homecoming. Es ist schön, wenn man vor der „Faust“-Premiere seinen Deutschlehrer trifft, bei dem man den „Faust“ gelernt hat. Ich war auch oft ganz verliebt in mein Ensemble, wie toll es miteinander gespielt hat, zum Beispiel in „Onkel Wanja“. Und ich war beeindruckt von Bühnenbildern wie etwa für „Die Wörter sind böse“: Was das für ein Happening, für eine Installation auf der Bühne war! Das war wirklich wunderschön. Und bei „That Night Follows Day“ habe ich geweint. Da hört man sich selbst als Eltern in dem, was die Kinder auf der Bühne sagen. Und ich bin jetzt schon eine Generation weiter - ich habe einen Enkel, der fünf ist. Erwähnen möchte ich noch die Zusammenarbeit mit dem Kolumba-Museum – da ist uns etwas wirklich Außergewöhnliches gelungen, dass wir uns so in die Stadt verbunden haben.
Aber es gab doch sicher auch Enttäuschungen?
Es ist schade, dass die Arbeit von Markus Öhrn auf so wenig Resonanz gestoßen ist. Das war das am schlechtesten ausgelastete Stück der Spielzeit. Vor zwei Wochen haben wir es im Rahmen des Britney-Festivals in Düsseldorf gespielt, das Publikum war begeistert. Da gebe ich Köln noch ein bisschen Zeit, dieser Ästhetik näherzukommen. Mehr Zuspruch hätte ich mir auch für „V13“ gewünscht, über die Terroranschläge von Paris. Ich fand den Abend fein und mutig und jeden Abend haben die beiden Schauspieler:innen Standing Ovations bekommen – aber es war immer nur halb voll.
Sie sagten, Köln sei für sie wie ein Homecoming. Aber dieser Euphorie kann schnell eine gewisse Ernüchterung folgen, es ist bekanntlich nicht einfach, in Köln Intendant zu sein.
Ich bin immer noch euphorisch. Der Erfolg unserer ersten Spielzeit, die neuen Premieren am Offenbachplatz, viele Ideen und Pläne für die kommenden Jahre, das freut mich. Dass das Prozedere rund um den Rückzug an den Offenbachplatz herausfordernd wird, war uns ja bewusst. Obwohl ich auch da überrascht bin, wie viel Zeit und Energie das benötigt. Da sind eben viele mit im Boot, bei den Bühnen und bei der Stadt. Deshalb freue ich mich auf die Zeit, wenn wir am Offenbachplatz angekommen sind und der Blick von der Baustelle wieder auf die Kunst fällt.
Sie erwähnten die Baustelle: Nach der aus dem Ruder gelaufenen Sanierung stehen die Bühnen unter einem größeren Rechtfertigungsdruck.
Den verstehe ich auch. Diese Ausgaben, die getätigt worden sind, trägt ja auch die Kölner Gesellschaft. Und die Kassen sind gerade klamm. Aber hoffentlich wird irgendwann der Tag kommen, wo die Kölnerinnen und Kölner stolz auf ihre Bühnen am Offenbachplatz sind.
Wie knapp wird es eigentlich mit der Offenbachplatz-Eröffnung im September?
Gerade werden die Ton- und Lautsprecheranlagen eingerichtet. In 30 Tagen beginnen meine Proben auf der Bühne im Schauspielhaus. Das ist jetzt die heiße Phase: da darf nichts mehr schiefgehen.
Inwieweit hat die Neueröffnung den Spielplan beeinflusst?
Der Spielplan öffnet die Arme und sagt: Ihr seid herzlich willkommen. Wir eröffnen mit der Komödie „In bester Lage“, in der es um den Wahnsinn des Wohneigentums geht, und werden „Pinocchio“ als großes Familienstück zeigen, als Pop-Oper für die ganze Familie. Daneben gibt es auch sprödere Dinge, experimentellere. In diesem Spektrum werden wir uns in den nächsten Jahren bewegen. Wir sind ein Stadttheater für alle und wir wollen Zugänge schaffen. Es muss nicht alles für alle sein, aber es muss für jeden etwas dabei sein. Und nach den Vorstellungen soll es viele Partys geben, der Offenbachplatz soll ein städtischer Raum sein, der nicht um 22 Uhr die Pforten schließt.
