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Kölner KinderoperFür diesen „Freischütz“ muss man nicht hören können

3 min

Alina König Rannenberg (v.l.), Ela Beysun, Lena Geiger und Maximilian von Ulardt in „Freikugeln – Der Freischütz in fünf Dimensionen“

Die Kölner Kinderoper hat Carl Maria von Webers „Freischütz“ zusammen mit der Comedia als Stück für Hörende und in Gebärdensprache produziert. 

„Freikugeln – Der Freischütz in fünf Dimensionen“ ist der Titel des neuen Stücks der Kölner Kinderoper in einer Koproduktion mit dem Comedia Theater in der Südstadt. Die fünf Dimensionen können viel bedeuten: Musik, Bild, Tanz, Deutsche Lautsprache und Deutsche Gebärdensprache. Denn dieses Theater ist für Taubes (sic!) und hörendes Publikum. „Taub“ in Großschreibung bezeichnet eine „positive, kulturell-sprachliche Selbstbezeichnung“ und nicht die Beschreibung einer Behinderung. Insofern will dieses Theater auch kein Beitrag zur Inklusion sein, sondern eine eigenständige Kunstform, bei der die Raumdimensionen, die Gestik, sogar das Tänzerische eine Rolle spielen, wenn man das Spiel der Bewegungen der Gebärdensprache als eigenständige Ausdrucksform versteht und nicht nur als Hilfsmittel.

Dementsprechend gab es bei „Freikugeln“ auch nicht nur eine klassische Opernregie von der Leiterin der Kölner Kinderoper Brigitta Gillessen, sondern auch eine Deaf Visual Sign-Regie von Eyk Kauly und für die Hauptfiguren einen sich in Gebärdensprache ausdrückenden (Rafael-Evitan Grombelka) und einen singenden und laut sprechenden Max (Wesley Harrison) und dementsprechende Darstellerinnen der Agathe (Ela Beysun und Lena Geiger).

Brigitta Gillessen, von der auch die Stückfassung stammt, hat die Relevanz des Stoffes für das junge Publikum plausibel herausgearbeitet. Das gelingt durch behutsame sprachliche Anpassungen: Hochzeitskranz statt Jungfernkranz, „Ich hab’s im Griff“, sagt Max, als er sich in die Wolfsschlucht begibt. Das Motto von Kaspar lautet: „Gehöre zu den Siegern“. Es geht um Leistungsdruck, Ausgrenzung, Profilierungszwang – etwas, was Kindern und Jugendlichen im Social-Media-Zeitalter nicht fremd sein dürfte. Und es geht darum, mit überkommenen Traditionen zu brechen und Neues zu wagen. Agathes Schlussbotschaft lautete: „Alte Gesetze abschaffen – Liebe ist stärker als Angst“. „Der Freischütz“ also als ein Mut machendes Stück; so hatte man das bisher noch nicht gesehen.

Auch wenn man als sich der Laut- und Schriftsprache bedienender Zeitgenosse den Gebärden nicht folgen konnte, so war doch den Reaktionen der zahlreich anwesenden Gebärdensprachler zu entnehmen, dass sich die Geschichte von den Unheil bringenden Freikugeln („Sechse treffen, sieben äffen“) gut vermittelte. Dabei wurden die verschiedensten Formen der Sprachverschränkung ausgenutzt: sequenziell, was dann eine interessante Spannung im Stummsein erzeugte, parallel oder dialogisch, sodass in den verschiedenen Sprachen untereinander agiert wurde, und auch, dass die Gebärdensprachler immer wieder Übersetzungsarbeit leisteten für die nicht gedoubelten Rollen. Trotz gelegentlicher Retardierungen hatte die Aufführung immer noch ein erstaunliches Tempo.

Das musikalische Arrangement von Verena Guido für ein kleines Kammerensemble und die Stückfassung des Dirigenten Rainer Mühlbach konnten die Farben von Webers Orchester durchaus einfangen, und machten die dramaturgischen Schnitte und Eingriffe plausibel, wenn etwa Max’ Arie „Mich fasst Verzweiflung“ in der Mitte stoppt, andere Stücke wie der Jägerchor immer wieder aufblitzen und die Wolfsschlucht-Musik klanglich verfremdet wurde. Allerdings war es um die Akustik im Comedia Theater nicht zum Besten bestellt, was aber nicht an der liebevoll von Ute Lindenbeck gestalteten Bühne lag, mit einer Art Kasperltheater im Hintergrund, wo der zum Urgroßvater mutierte Erbförster Kuno pantomimische Scherze vollführte.

Gesungen wurde insgesamt auf hohem Niveau, allen voran Ferhat Baday als der böse Kaspar, der sich aber mit schön geführter Baritonstimme zum Publikumsliebling mauserte. „Wer will zu meinem Team gehören?“, worauf die Kinder die Finger reckten. Lena Geiger als Agathe strahlte mit ihrem sonst manchmal als einer Verlegenheitskategorie verwendeten, hier aber voll zutreffenden jugendlich-dramatischen Sopran. Alina König Rannenberg musste aus der Cousine Ännchen eine besserwisserische Tante machen, und Wesley Harrison als Max legte die Verunsicherung, die ihm die Rolle auferlegte, ein wenig auch in seine Stimme, nolens oder volens.