Viel Verständnis und KritikKunst- und Museumsszene äußert sich zu Klimaprotesten

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Zu sehen ist der Ausschnitt einer Betonoberfläche. Auf ihr liegt eine Hand, darunter liegt ein gelber Zettel mit der Aufschrift „Angeklebt“.

Ein Demonstrant hat sich während eines Protests der Gruppe „Letzte Generation“ auf einer Straße festgeklebt.

Gegen die Proteste der „Letzten Generation“ gibt es viel Kritik. Auch in der Kunst- und Museumsszene gibt es viel Verständnis für die Aktivisten, jedoch auch Kritik an der Art der Proteste.

Aus der hessischen Kunst- und Museumsszene gibt es zwar durchaus Verständnis für die Anliegen von Klimaaktivisten - jedoch werden die Attacken gegen Kunstwerke scharf kritisiert. Dieses Mittel des Protestes sei „völlig verfehlt“, erklärte Kunstministerin Angela Dorn (Grüne). Es sei zwar richtig, dass die Gesellschaft dringend umsteuern müsse, um die Klimakatastrophe zu stoppen. „Das wird aber nicht dadurch gelingen, dass sich Einzelne mit dramatischen Protestaktionen hervortun. Schon gar nicht, wenn dadurch Kulturgüter gefährdet werden.“

Um auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam zu machen, hatten Aktivisten der „Letzten Generation“ unter anderem Straßen blockiert und Kunstwerke in Museen mit Kartoffelbrei beworfen. Ende August klebten sich im Städel Museum in Frankfurt zwei Aktivisten mit jeweils einer Hand an dem Rahmen des Gemäldes „Gewitterlandschaft mit Pyramus und Thisbe“ fest. Die Einrichtungen des Landes passten die Sicherheitsvorkehrungen in ihren Häusern regelmäßig an, erläuterte Dorn. „Es wäre allerdings schade, wenn die Aktionen verschärfte Kontrollen erzwingen würden, denn Museen sollten Orte des Dialogs und der Begegnung sein, keine Hochsicherheitstrakte.“

Proteste schädigen Kunst und Kunstwerken

Gerade naturkundliche Ausstellungen vermittelten Wissen und Bildung, die auch der Aufklärung über die Gefahren der Erderhitzung dienten, gab die Ministerin zu Bedenken. „Es wäre völlig kontraproduktiv, wenn sie ihrer Aufgabe wegen der Protestaktionen nicht mehr nachkommen könnten.“ Es sei sehr teuer, die Schäden durch solche Attacken zu beseitigen, mahnte Dorn. Das Land deckt im Schadensfall die Kosten der Landeseinrichtungen. Hinzu käme, dass Verleiher bei Ausstellungsanfragen zurückhaltender würden, weil sie Gefahren für ihre Objekte befürchteten, erläuterte die Ministerin. „Das erschwert die Arbeit der Museen.“

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Der Bundesverband der Kunstsachverständigen kritisierte, die Klimaaktivisten missbrauchten die Kunst für kurze mediale Aufmerksamkeit. Das schädige nicht nur die Kunstwerke, sondern schwäche die Stellung der Kunst in der Gesellschaft, erklärte der Verband in Darmstadt. „Sie wird zur verzichtbaren Nebensächlichkeit herabgewürdigt.“ Der Verband forderte die Klimaaktivisten auf, „andere Wege der medialen Wahrnehmung zu finden, um auch kommenden Generationen die Möglichkeit zu erhalten, von der Kunst zu lernen, sich an ihr zu reiben und an ihr zu wachsen.“

Alle haben Verständnis, aber äußern Kritik

Die Sprecherin der Museumslandschaft Hessen Kassel, Lena Pralle, erklärte, für die Beweggründe der Protestierenden gebe es durchaus Verständnis, da der Klimawandel und der Schutz unseres Planeten alle etwas angehe. „Die Handlungen gegen Kulturgüter zu richten, ist in unseren Augen aber nicht der richtige Weg.“ Für den Erhalt des gemeinsamen kulturellen Erbes sollten alle gemeinsam einstehen.

Der Direktor des Landesmuseums Wiesbaden, Andreas Henning, erklärte, die Wut der jungen Menschen über die schleppenden Maßnahmen zur Verhinderung der Klimakatastrophe seien verständlich. „Doch kann diese Wut keinen Anschlag auf Kunstwerke legitimieren“, mahnte er. „Vielmehr ist es mit guten Gründen allgemeiner Konsens, dass die Kunst der ganzen Menschheit gehört und daher von uns allen geschützt und geachtet wird.“

Die Direktorin der Keltenwelt am Glauberg, Vera Rupp, äußert ebenfalls Verständnis für die Motive von Klimaaktivisten und -aktivistinnen. Sie habe jedoch kein Verständnis dafür, dass Kulturgut gefährdet werde. Auch der Raub der keltischen Goldmünzen aus dem Manchinger Museum habe sie sehr erschüttert. „Wir haben ein sehr umfangreiches Sicherheitskonzept, das wir stets überprüfen, besonders im Hinblick auf Situationen wie in Manching“, erläuterte Rupp. Einbrecher hatten im November aus dem Kelten Römer Museum nahe Ingolstadt einen mehr als 2000 Jahre alten Goldschatz aus der Keltenzeit gestohlen. Die 483 Münzen haben einen Schätzwert von mehreren Millionen Euro.

Die Sprecherin des Städel Museums, Pamela Rohde, erklärte, die Aktivisten hätten bei der Aktion im Sommer unter größter Sorgsamkeit professionell vom Rahmen losgelöst werden können. Das 1,90 mal 2,70 Meter große Gemälde sei nicht beschädigt worden, aber der vergoldete Zierrahmen habe restauriert werden müssen. Der Gesamtschaden belaufe sich auf 7000 Euro, erläuterte Rohde. Das Städel Museum erstattete Anzeige wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch.

„Mit unseren Aktionen in den Museen stellen wir die Frage: Was ist mehr wert, Kunst oder Leben?“, erklärt Solvig Schinköthe von der „Letzten Generation“. Keines der Gemälde sei bei einer Aktion beschädigt worden. „Wohingegen die Klimakatastrophe noch viel Schaden an der Kunst anrichten wird.“ Schinköthe nannte die Flut im Ahrtal. „Dort wurden die Museen und Bibliotheken geflutet und viele Kunstobjekte zerstört.“

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