Inmitten meiner Tränen, singt Stevie Wonder, hast Du mir Freude geschenkt. Die Adressatin könnte seine Erstgeborene Aisha sein, deren Eintritt in sein Leben er ein Lied zuvor, im von Glück und Babyschreien durchtränkten „Isn’t She Lovely“, gefeiert hat. An diesem Abend in der Kölner Arena steht sie neben ihm, als eine von sechs Backgroundsängerinnen und -sängern, führt ihren Vater, wenn er seine Keyboardburg an der Bühnenrampe gelegentlich verlässt, zum Stehklavier oder zu einem Standmikrofon neben der Harfe. Oder es sind wir alle gemeint.
Kurz nach acht, bevor die knapp 30-köpfige Band ihre Plätze eingenommen hat, hatte uns Wonders Stimme dazu aufgefordert, für einen Augenblick die Augen zu schließen. Um die Schönheit hinter der allumgreifenden Zerstörung zu sehen, um zu sehen und zu hören, was er, der kurz nach seiner Geburt Erblindete, sieht. Ein anmaßendes, ja absurdes Unterfangen. Zum einen, weil sich eine lebenslange Behinderung nicht mithilfe einer kleinen Konzentrationsübung nachvollziehen lässt. Vor allem aber, weil wir ja selbst sämtlich musikalische Genies sein müssten, um dem Wunder von Stevie nachspüren zu können.
Für die drei Stunden, in denen Wonder sein 1976er-Doppelalbum „Songs in the Key of Life“ nebst den vier Songs der beiliegenden EP, aufführt, fühlt man sich tatsächlich von seinem Geist beseelt – er ist eben auch ein Genie der Vermittlung. Improvisiert inmitten seiner Freudentränen munter drauflos, charmiert das Publikum mit noch einigen anderen vor Liebe übersprudelnden Bekundungen aus seiner Feder: „You Are the Sunshine of My Life“ und „I Just Called to Say I Love You“.
Die unvergleichliche Hochphase des Motown-Mozarts
Letzteres Stück, es bleibt Stevie Wonders erfolgreichste Single, haben mir gleich mehrere Freundinnen und Kollegen aus meinem Umfeld in diffamierender Absicht vorgeträllert, nachdem ich, vor Vorfreude platzend, erzählt hatte, dass ich demnächst zum Konzert gehe. Es gibt also durchaus noch Menschen, die das einstige Wunderkind, das sein erstes Album mit zwölf veröffentlicht hat, als die Beatles noch auf der Reeperbahn spielten, allein mit dieser zugegeben etwas seifigen Liebesballade assoziieren. Dabei gibt es nur eine Handvoll Künstler, denen eine vergleichbare, sich über mehrere Alben erstreckende Hochphase gelang, wie derjenigen, mit der sich Stevland Morris in der ersten Hälfte der 1970er Jahre vom Motown-Mozart zum Erkunder eines weiten, inneren Kosmos und Erneuerer der Soulmusik aufschwang: „Music of My Mind“, „Talking Book“, „Innervision“ und „Fulfillingness’ First Finale“ setzten Meilensteine in zuvor unbekannten Gebieten.
Für „Songs in the Keys of Life“ nahm sich der rastlose Multiinstrumentalist dann fast zwei Jahre Zeit, spielte zwischendurch gar mit dem Gedanken, als Sozialarbeiter nach Ghana auszuwandern. Motown-Boss Berry Gordy, der seinem größten Star gerade einen zweistelligen Millionenbetrag vorgeschossen hatte, wurde zunehmend nervös. Und Paul Simon bedankte sich in seiner Grammy-Rede bei Wonder dafür, dass er, der zuvor zwei Mal in Folge den Preis für das „Beste Album“ mit nach Hause nehmen konnte, in diesem Jahr keine Musik veröffentlicht hatte.
Im nächsten Jahr war es dann erneut Wonder, der auf dem Podest stand (beziehungsweise per Videocall aus Nigeria zugeschaltet wurde). „Songs in the Key of Life“ war an Ambition kaum zu übertreffen, 130 Musiker hatten an den Aufnahmen mitgewirkt (obwohl er die meisten Instrumente selbst spielte), die stilistische Reichweite erstreckt sich von dem, was man später Weltmusik nennen würde, bis zum Barock-Stück, Wonder führte die Jazz-Harmonik in den Pop ein und schenkte dem Heavy Metal den Blastbeat. Vielleicht ist das eigentliche Wunder des Albums am Ende seine genussreiche Durchhörbarkeit, die schiere Lebensfreude, die hier aus den Rillen hervorbricht, obwohl sein übergeordnetes Thema doch die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung und anderer Minderheiten ist, die soziale Verwahrlosung, die allgemeine Hoffnungslosigkeit, die sich zum 200. Geburtstag der USA überall im Land breit machte.
Wonders Stimme ist viel stärker, als man das von einem 76-Jährigen erhoffen durfte
In der Lanxess-Arena ist nach der stimmungsvollen Eröffnung mit „Love's in Need of Love Today“ trotzdem erst einmal Geduld angesagt. „Have a Talk with God“ ist noch sehr zurückhaltend, „Village Ghetto Land“ eine ätzende Anklage, auch wenn die Live-Streicher – mit eigenem Dirigenten! – die satirische Schärfe des Original-Synthesizers abmildern. Dann folgt noch der dicht gedrängte Fusionjazz von „Contusion“, bevor der ikonische Bläsersatz von „Sir Duke“ die Stimmung lichtet und das Publikum zum ersten Mal an diesem Abend von den Sitzen reißt. Es kann gleich stehen bleiben: Die Hommage an Duke Ellington und die Zeit beschwingter Big-Bands geht nahtlos in die noch positiveren Vibrationen von „I Wish“ über, Wonders Hommage an die eigenen Jugendjahre im Rampenlicht.
Er hat sich die Energie des Little Stevie Wonder über all die Jahre bewahrt. In Köln trägt er einen leuchtend gelben Anzug, den er nach der Pause gegen ein lachserzatzfarbenes Ensemble tauscht, dazu einen schwarzen Pillbox-Hut und eine mit Strass besetzte Sonnenbrille. Seine Stimme ist viel stärker, als man das von einem 76-Jährigen erhoffen durfte, manchmal droht sie, sich vor Enthusiasmus zu überschlagen. Manchmal bläst er allzu heftig in eine der vier Mundharmonikas, die auf dem großen Flügel bereitliegen, stimmt „Happy Birthday“ und „Oh Happy Day“ an, leitet das Publikum zum „Muss i denn zum Städele hinaus“-Chor an: so geht das Evangelium nach Stevie, ein Gospelgottesdienst, der alle und alles vereinnahmt.
Das ganze Universum befinde sich im Einklang, predigt Wonder, nur der Mensch lebe in Disharmonie. Wir sollten dem Leben wieder gestatten, uns zu lieben. Und was auf dem Papier nach Kirchentagskitsch klingt, gewinnt im Verein mit der Musik an kaum auszulotender Tiefe. Sie könnte kaum reichhaltiger sein, von der beinahe apokalyptischen Schwergängigkeit von „Pastime Paradise“ zur sanften Brise von „Summer Soft“, vom kämpferischen „Black Man“ zum tiefenentspannten „Ngiculela – Es Una Historia – I Am Singing“.
Und wenn man schon vermeint, alles gesehen und gehört zu haben, beweist Wonder seine Virtuosität am Harpejji, einem elektrischen Hybrid zwischen Klavier, Bass und E-Gitarre, lädt eine weitere Mitmusikerin, die Jazz-Harfenistin Brandee Younger, auf die Bühne oder lässt seine zweitjüngste Tochter „Imagine“ anstimmen. Setzt dann, zu „As“, das gesamte Orchester noch einmal zum Höhenflug an, ist man längst bereit, all die dort im Text behaupteten Wunder – Regenbögen, die Sterne ausbrennen, Ozeane, die Berggipfel bedecken – zu glauben. Und auch, wie es zuletzt heißt, dass Du ich und ich Du werden können. In „Superstition“, der einzigen Zugabe und dem einzigen Stück, das den Rahmen von „Songs in the Key of Life“ sprengt, warnt Wonder noch einmal davor, an Dinge zu glauben, die man nicht versteht. Aber dazu ist es längst zu spät. Für drei Stunden durften wir durch seine Augen sehen, war das Unmögliche möglich, klangen und schwangen wir alle gemeinsam in der Tonart namens Leben.

