Der Familienzuwachs des CDU-Politikers, unter Umgehung deutschen Rechts zustande gekommen, hat ihn Glaubwürdigkeit gekostet. Leser begrüßen seinen Rücktritt und diskutieren über Leihmutterschaft und ihre möglichen Risiken.
LesermeinungenJens Spahns Rücktritt war „unausweichlich“

Infolge der Leihmutter-Affäre musste Jens Spahn den Posten des CDU-Fraktionsvorsitzenden räumen.
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Leihmutter-Affäre: Schwule Paare in puncto Kinderwunsch benachteiligt
Der Rücktritt von Jens Spahn war unausweichlich. Man kann nicht Wasser predigen und Wein trinken. Als Politiker schon gar nicht! In jedem Fall aber gehört das Thema Leihmutterschaft nicht wieder in die Schublade. Vielmehr böte die aktuelle Diskussion die Gelegenheit, vielleicht noch einmal ganz neu über die rechtliche Einordnung der Leihmutterschaft in Deutschland zu sprechen. Im Raum steht die Frage, und sie rüttelt an der Tür sehr vieler Paare, deren Kinderwunsch unerfüllt bleibt: Muss der Gesetzgeber an das Thema Leihmutterschaft nicht noch einmal heran?
Bei durchschnittlich 1,3 Geburten je deutscher Frau stellt dies auch eine gesellschafts- und sozialpolitisch relevante Zukunftsfrage dar. Die aktuelle Diskussion zum Thema Leihmutterschaft ist ein Indiz dafür, dass die Geschlechtergleichstellung für Männer heute – auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren – noch nicht erreicht ist: Wie soll sich ein gleichgeschlechtliches Männerpaar seinen Kinderwunsch heute anders erfüllen als über eine Leihmutter?
Hier scheinen Männerpaare mit Kinderwunsch deutlich im Nachteil zu sein gegenüber gleichgeschlechtlichen weiblichen Paaren. Denn männlichen Paaren bleibt zurzeit zur Erfüllung ihres Kinderwunsches rein rechtlich nur die Adoption. Bei den insgesamt sehr wenigen erfolgreichen Adoptionsverfahren in Deutschland dürfte dies für gleichgeschlechtliche männliche Paare wohl ein aussichtsloses Unterfangen darstellen.
Gleichgeschlechtliche Paare unterschiedlichen Geschlechts werden somit heute bei der Erfüllung ihres Kinderwunsches eben noch lange nicht gleich behandelt. Wie steht es hier mit der Erfüllung des Gleichbehandlungsgrundsatzes, Artikel 3 Grundgesetz? Dr. Gerhard Thissen Köln
Leihmutterschaft: Nicht alles, was möglich ist, ist moralisch vertretbar
Früher pilgerte man nach Lourdes. Heute fliegt man Business Class nach Kalifornien. Dort wartet kein Wunder. Dort wartet ein Vertrag. Zwanzig Seiten Englisch, sauber formuliert, mit Zahlungsplan, Agenturgebühr, Anwaltskosten und einer Frau, die neun Monate lang den wichtigsten Teil der Geschichte übernimmt und ihren Körper zur Verfügung stellt. Man besucht sie regelmäßig. Das Kind wächst.
Die Rechnungen ebenfalls. Dann kommt der große Tag. Im Kreißsaal wird gejubelt, als hätte die Natur selbst applaudiert. Nur die Frau, die das Kind geboren hat, verschwindet langsam aus dem Bild, wie ein Bühnenarbeiter nach der Premiere. Und jeder, der fragt, ob hier vielleicht doch ein Markt entstanden ist, bekommt sofort erklärt: Liebe kenne schließlich keinen Preis.
Merkwürdig nur, dass vorher jede Rate pünktlich überwiesen wurde. Die neue Moral ist erstaunlich praktisch. Was gestern noch als Ausbeutung galt, heißt heute Selbstbestimmung, solange die Rechnung stimmt. Was früher Menschenhandel genannt worden wäre, wird zur Familiengründung mit internationalem Charakter.
Wörter sind geduldig. Verträge noch geduldiger. Am Ende bleibt ein Satz, den niemand auf die Hochglanzbroschüre druckt: Vielleicht ist nicht alles, was technisch möglich, juristisch organisierbar und finanziell bezahlbar ist, auch moralisch. Dr. Udo R. Bermes Wiesbaden
Spahns Doppelmoral: Politischer Glaubwürdigkeitsverlust
Das Handeln von Jens Spahn und seinem Mann mag rechtlich nicht anfechtbar sein. Ein Kinderwunsch gleichgeschlechtlicher Paare ließe sich allerdings auch über eine Adoption erfüllen. Das Verbot dessen, was Jens Spahn und sein Mann unternommen haben, um Eltern zu werden, hat er als CDU-Politiker für Deutschland noch in diesem Jahr vehement verteidigt, als die Leihmutter in den USA schon schwanger war.
Diese doppelbödige Moral eines Politikers, der sich als Katholik gegen eine Leihmutterschaft in Deutschland einsetzt, ließ nur einen Rücktritt von allen Ämtern in der CDU angemessen erscheinen, denn die Glaubwürdigkeit von Politikern wird in der Gesellschaft immer mehr bezweifelt. Karl-Heinz Welteroth Köln
Risiken von Leihmutterschaft für die psychische Entwicklung eines Kindes
Das Seelen- und Beziehungsleben eines Menschen beginnt bereits im Mutterleib, wo sich zwischen Mutter und Fötus eine intensive körperlich-seelische Bindung und Beziehung und dementsprechend Prägung entwickelt. Das plötzliche Verschwinden dieses Bezugsobjekts nach der Geburt, sei es durch Tod, eine Adoption oder, wie hier, durch das Ende der Leihmutterschaft und das Verschickt-Werden auf einen anderen Kontinent, wird vom Neugeborenen auf einer frühen Bewusstseinsstufe wahrgenommen.
Es wird als verstörender und schmerzhafter Verlust erlebt und besteht meist lebenslang als unbewusst wirksames Trauma eines Verlassen-worden-Seins fort, mit oft weitreichenden Folgen für die Entwicklung von Identität, Selbstwertgefühl und Bindungsfähigkeit. Die vermutlich lebenslange Unkenntnis über die „Leihmutter“ sowie die Unkenntnis über die gegebenenfalls noch hinzukommende genetische Mutter bedeuten zusätzliche Belastungen für die spätere Identitätsfindung des Kindes.
Solche Bürden und seelische Verletzungen einem Kind bewusst zuzumuten und sie in Kauf zu nehmen, um sich den Wunsch nach „persönlichem Glück“ in Form eines Kindes zu erfüllen, ist das „ethische“ Problem solcher Arten von Leihmutterschaft und hinterlässt Zweifel an Einfühlungsfähigkeit und Reife des biologischen Vaters.
Geradezu skandalös erscheint dabei aber die Mitwirkung seines Mannes, Jens Spahn, der durch die Ignoranz der hier skizzierten entwicklungspsychologischen Erkenntnisse und die Missachtung der darauf basierenden ethischen Leitlinien das Vertrauen in seine Fachkompetenz und seine Glaubwürdigkeit als Gesundheitspolitiker verloren haben dürfte. Dr. Michael Degen Köln
Leihmutter-Affäre: Zweifel an Glaubwürdigkeit von Politikern
Wasser predigen und Wein saufen. Es sind Verhaltensweisen wie diese, die Menschen zunehmend an der Glaubwürdigkeit von Parteien (ver-) zweifeln lassen. Herr Spahn täte gut daran, dauerhaft in Elternzeit zu gehen! Roland Denkler Köln
Friedrich Merz sagte nach dem Rücktritt Jens Spahns, Glaubwürdigkeit sei in der Politik höchstes Gut. So richtig dieser Satz auch ist, aus dem Munde des Kanzlers hat er einen bigotten Beigeschmack. Er selbst hat ja Spahn nach der Geburt des Kindes offiziell gratuliert und diesen erst später aus politischem Kalkül zum Rücktritt gedrängt. Günter Frorath Köln
Jens Spahn: „Politisches Talent allein genügt nicht“
Jens Spahn scheint ein bemerkenswertes Verständnis von Gleichheit zu haben: Vor dem Gesetz und den moralischen Maßstäben sind zwar angeblich alle gleich – Spahn offenbar jedoch etwas gleicher als andere. Ein Abgeordneter des Deutschen Bundestags und Vorsitzender einer Bundestagsfraktion sollte nicht nur rechtlich unangreifbar handeln, sondern auch jeden Anschein von Interessenkonflikten vermeiden.
Gerade in Spitzenämtern ist politische Glaubwürdigkeit ein hohes Gut. Im Fall Jens Spahn drängt sich jedoch seit Jahren der Eindruck auf, dass für ihn andere Maßstäbe gelten. Besonders schwer wiegt bis heute die Maskenbeschaffung während der Corona-Pandemie. Milliarden wurden ausgegeben, zahlreiche Verträge sind Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen, und den Bund haben die Folgen bereits hunderte Millionen Euro gekostet. Viele Fragen zu den damaligen Entscheidungen sind bis heute nicht abschließend beantwortet – insbesondere dazu, wer was wusste und welche Entscheidungen persönlich veranlasst wurden.
Politische Verantwortung endet nicht mit dem Ausscheiden aus einem Ministeramt. Und nun sorgt die Diskussion um die Leihmutterschaft erneut für Irritationen. Unabhängig von persönlichen Lebensentscheidungen stellt sich die Frage nach der politischen Glaubwürdigkeit, wenn das eigene Handeln im Spannungsverhältnis zur geltenden Rechtslage sowie zu früher vertretenen Positionen und zur Haltung der eigenen Partei steht.
Jens Spahn gilt zweifellos als politisch erfahren und taktisch versiert. Doch politisches Talent allein genügt nicht. Wer höchste politische Ämter anstrebt, muss Vertrauen schaffen, statt fortlaufend neue Zweifel zu nähren. Ein Politiker, dessen Name regelmäßig mit ungeklärten Fragen, problematischen Konstellationen und vermeidbaren Affären verbunden wird, beschädigt letztlich nicht nur seine eigene Glaubwürdigkeit, sondern auch das Vertrauen in die demokratischen Institutionen.
Vielleicht sollte Herr Spahn künftig weniger darüber nachdenken, wie man politische Krisen kommunikativ übersteht, sondern mehr darüber, wie man sie gar nicht erst entstehen lässt. Das wäre ausnahmsweise einmal ein bemerkenswert neuer Politikstil. Jürgen Ropertz Hürth
Leihmutter-Affäre: Homophober Unterton beunruhigt
Es ist bezeichnend und beunruhigend, worüber der skandalumwitterte Jens Spahn am Ende gestolpert ist: nicht über Milliardenschäden für den Fiskus, über windige Geschäfte oder problematische Bemerkungen zur AfD, sondern über die Gründung einer Regenbogenfamilie. Der homophobe Unterton vieler Reaktionen an den analogen und digitalen Stammtischen lässt nichts Gutes ahnen … Prof. Dr. Jürgen Terhag Leichlingen


