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LKA fahndet im Netz nach SexualstraftäternWenn sich hinter „Luise2027“ ein Polizist verbirgt

4 min

Cybergrooming im Netz

In sozialen Netzwerken, Chats und Games gehen als Kinder getarnte Ermittler des LKA auf Tätersuche. Jetzt gewährten die Fahnder einen Einblick in ihre Tätigkeit.

Das zierliche Mädchen mit den feinen Gesichtszügen ist laut ihrem Chat-Profil 12 Jahre alt. „Luise2027“ (Name geändert) hat sich gerade erst angemeldet, aber innerhalb von wenigen Stunden erhält sie mehr als 50 Freundschaftsanfragen. Zum Beispiel von „Lunar“ (Name geändert), der sich bereits nach einem kurzen Austausch dafür interessiert, was das Mädchen für Unterwäsche trägt.

Was „Lunar“ nicht ahnt: „Luise2027“ ist in Wahrheit ein 1,91 Meter großer Mann mit Vollbart und Glatze. Der Fahnder gehört zu dem Team, dass im Düsseldorfer Landeskriminalamt (LKA) – durch Scheinidentitäten getarnt – Jagd auf Sexualstraftäter macht, die Kinder und Jugendliche im Internet anchatten.

Jessica Bouska (r), Leiterin der Ermittlungsgruppe Cybergrooming und Herbert Reul, Innenminister von NRW, sprechen auf einer Pressekonferenz.

Jessica Bouska (r), Leiterin der Ermittlungsgruppe Cybergrooming und Herbert Reul, Innenminister von NRW, sprechen auf einer Pressekonferenz.

Wenn Pädophile in Chatforen auf Opferjagd gehen, nennen die Kriminalisten das Cybergrooming. Wörtlich übersetzt bedeutet das „digitale Anbahnung“. Dabei versuchten die Täter, sich gezielt bei einem Kind einzuschmeicheln, um es später sexuell auszubeuten. Das Phänomen stellt eine erhebliche reale Gefahr für Kinder und Jugendliche dar. Laut Erhebungen der Landesanstalt für Medien NRW hat fast ein Viertel (24 Prozent) aller Kinder und Jugendlichen im Alter von 8 bis 17 Jahren in NRW bereits Erfahrungen mit Cybergrooming gemacht.

Das LKA führt an 365 Tagen im Jahr verdeckte Einsätze durch. Mithilfe Künstlicher Intelligenz legen Ermittler fingierte Profile von Kindern unter 13 Jahren an, um gezielt Pädokriminelle im Netz aufzuspüren. In vier von fünf Fällen gelingt es, die mutmaßlichen Täter zu identifizieren und zu überführen. In dieser Woche fand im LKA eine Schwerpunktaktion statt, bei der NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) die Arbeit der Fahnder der Presse vorstellte.

Die Journalisten wurden Zeugen, wie den Ermittlern, denen sie bei der Arbeit über die Schulter sehen konnten,  innerhalb von kurzer Zeit fünf Verdächtige ins Netz gingen. Die verdeckten Ermittler sprechen nicht selbst Chatpartner an, sie lassen sich ansprechen, denn die Ermittlungen müssen später vor Gericht bestehen. Manchmal gibt es bis zu 20 Treffer an einem Tag, gelegentlich auch fast 40. „Seit 2023 wurden durch Scheinkindeinsätze 674 Strafverfahren wegen des Verdachts auf Cybergrooming eingeleitet“, sagte Reul.

Zum Teil  kommen die erwachsenen Täter im Internet nach kaum einer Minute zur Sache und schicken schon Bilder von erigierten Penissen oder Masturbationsfilme an ihre minderjährigen Chatbekanntschaften. LKA-Chef Ingo Wünsch beschreibt die Vorgehensweise der Täter so. „Manche geben sie erst ungefähr gleichaltrig aus, andere inszenieren sich als verständnisvolle Erwachsene, die angeblich dieselben Interessen haben und die Sorgen der Kinder besonders gut nachvollziehen können.“

Dabei sei das Ziel immer ähnlich: „Die Täter wollen Vertrauen aufbauen, Abhängigkeiten schaffen und Ihre Opfer manipulieren. Sie verschicken Liebesbekundungen, äußern sexuelle Fantasien oder bringen die Kinder dazu, ihnen freizügige Selbstporträts zu senden“, so Wünsch.

Der „absolute Worstcase“ ergebe sich dann, wenn die Täter versuchten, sich mit den Minderjährigen außerhalb des Netzes in der realen Welt zu treffen - mit dem Ziel, sie dort zu missbrauchen. „Wenn wir das mitbekommen, erleben die Täter am Treffpunkt eine böse Überraschung“, sagt Ingo Wünsch. Denn dort würden nicht die  potenziellen Opfer, sonder die Polizei auf die Verdächtigen warten. „Wir lassen niemanden von der Angel“, sagt der LKA-Chef

Kriminaldirektorin Jessica Bouška leitet das Team der Fahnder.  „Unsere Ermittlungen sollen zu Strafverfahren führen“, betont die Chef-Ermittlerin. Es sei das zentrale Ziel, Kinder zu schützen: „Wir identifizieren Cybergroomer, ziehen sie zur Verantwortung und hindern sie daran, weitere Taten zu begehen.“

Bouška appelliert an die Eltern, Kinder niemals alleine Chatten zu lassen, bevor man sie eindringlich über die Risiken und Gefahren aufgeklärt hat. „Wenn Sie ihr Kind alleine ins Internet schicken ist das so, als ob sie einen Fünfjährigen, der nicht Radfahren kann, ohne Helm und Knieschützer auf die Straße schubsen würden. Es gehört zur tagtäglichen Realität unserer Kinder, dass sie unaufgefordert mit sexuellen Inhalten konfrontiert werden“, so die Polizistin.

Die Ermittler erfüllt mit Sorge, dass Täter zunehmend auch Künstliche Intelligenz nutzen. Sie generieren damit beispielsweise gefälschte Medien (Deepfakes), um Jugendliche noch leichter unter Druck zu setzen oder zu erpressen. Da der Erstkontakt im digitalen Raum durch Direktnachrichten im Chat stattfindet, erfahren Eltern und Ermittler oft erst davon, wenn die Situation bereits eskaliert ist.

Das LKA empfiehlt Kindern und Jugendlichen, keine offenen Profile im Netz preiszugeben und niemals Bilder oder Videos an Personen zu schicken, die sie nur virtuell kennen.