Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe feiern die Menschen in Erftstadt-Blessem am Rand des Kraters ihre erste Weinlese. Das Projekt ist ein Zeichen der Hoffnung und des Neuanfangs
Nach der FlutNeben der Abbruchkante wächst Blessems erster Wein

Weinlese an der Abbruchkante: Im ehemaligen Flutgebiet in Erftstadt-Blessem wächst heute Weißburgunder.
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Etwa zwei Dutzend Menschen – Kinder, Eltern, Senioren – beugen sich am Donnerstagnachmittag über die Weinreben neben dem Krater von Erftstadt-Blessem. Ein Erntehelfer knipst eine Traube von der Rebe, zupft ein paar vertrocknete Beeren heraus, wirft sie in einen gefüllten Eimer. Der heiße Sommer vor der ersten Blessemer Weinlese hat den jungen Reben viel zugemutet, stoppen konnte er die Ernte nicht.
„Die Hitze hat manche Beeren ausgetrocknet“, sagt Günter Ott von den Rotariern Köln-Ville. Viermal haben Anwohner aus dem Weingartenprojekt ihre Reben vor der Hitze gerettet, insgesamt 360 Kannen Wasser gossen sie auf die vertrocknete Erde. Ott pickt eine verschrumpelte Beere aus einer Traube, zerdrückt sie zwischen den Fingern. „Die müssen wir heraussuchen, bevor der Wein zum Winzer geht.“ In einem Fass eines Weingutes an der Ahr sollen die Weißburgundertrauben von der Burg Blessem reifen.
Wenige Meter von den Reben entfernt erinnert eine Stele an die Entstehungsgeschichte des kleinen Weinfeldes. „15. Juli 2021“, steht auf der Plakette, „Fluthöhe: 1,31 Meter“. Fünf Jahre nach der Flut pflücken Anwohner und Helfer des Weingartenprojekts im ehemaligen Epizentrum der Katastrophe in Nordrhein-Westfalen ihre erste Ernte.
Bilder von Blessem gingen um die Welt
Wenn ein Hochwasser kam, sagt Karl Berger, fuhr er immer zum Ufer der Erft. So auch am Abend des 14. Juli 2021. Der Vorsitzende des Bürgerforums Blessem-Frauenthal beobachtete, wie braunes Wasser aus der Erft über die ersten Hochwasserpunkte stieg, wie es sich in die umliegenden Gärten im alten Dorf schob. Mit „der großen Welle“ habe da noch keiner gerechnet. Vielleicht werden die Keller im alten Dorf überschwemmt, dachte er. Aber eine Flut durch den gesamten Ort? Das hielt er nicht für möglich.

Karl Berger, Vorsitzender des Bürgerforums Blessem-Frauenthal, steht vor dem Weinfeld seines Vereins.
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Berger zeigt ein Video, das er einige Stunden später aufgenommen hatte. Wasser füllte seinen Garten, stürzte die Kellertreppe herunter, rauschend wie ein Wasserfall. Sein Erdgeschoss stand fünf Zentimeter unter Wasser. Es genügte, um Esstisch, Schränke und die Heizungsanlage zu ruinieren.
Die Bilder des 1750-Einwohner-Ortes gingen um die Welt. Als Wassermassen in die nahegelegene Kiesgrube strömten, löste die rückschreitende Erosion einen Erdrutsch am Ortsrand aus. Felder, Autos, Wohnhäuser, ein Reitstall und Nebengebäude der Burg Blessem stürzten in den Abgrund. Wie durch ein Wunder kamen weder Einwohner noch Pferde in den Fluten ums Leben.

Symbol für die Flutkatastrophe: Das Foto der Abbruchkante in Blessem ging um die Welt.
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Doch als die Einwohner von Blessem sechs Tage nach der Flut zurückkehren durften, glich der Ort einem Trümmerfeld. Der Krater am Ortsrand wurde zum Symbol für die Zerstörungswut der Flut: Die „New York Times“ zeigte die Abbruchkante auf ihrer Titelseite.
Fünf Jahre später sind die zerstörten Häuser abgerissen, benachbarte Gebäude saniert, die Straßen frisch geteert und die Kiesgrube stillgelegt. Der nahegelegene Krater, ehemals acht Meter tief, wurde zu zwei Dritteln wieder befüllt. Wie ein kleiner Tagebau öffnet er sich neben der Burg Blessem. Bis 2030 soll er endgültig verschwunden sein.
83 Kilogramm Wein von der Abbruchkante
Nach den Aufräumarbeiten berieten sich Mitglieder des Blessemer Bürgerforums zusammen mit dem Rotary-Club Köln-Ville: Was soll künftig auf der überfluteten Fläche an der Abbruchkante wachsen? „Wir brauchten ein Gemeinschaftsprojekt, das Zukunft hat. Etwas, das die Leute nach vorne trägt“, sagt Günter Ott. „Aber als ich Weinanbau vorschlug, erklärten mich viele für verrückt. Wir waren ja alle keine Winzer.“
Es klappte trotzdem. Zwei Winzer von der Ahr fuhren nach Blessem, analysierten den Boden, und berieten die Anwohner zum Vorgehen beim Weinanbau. Sie empfahlen Weißburgunder – eine Weinsorte, die keine hohen Ansprüche an den Boden stellt. Im April 2024 setzten die Helfer des Weingartenprojekts 180 Weinreben, bezahlt vom Rotary-Club, in die Parzelle.
Im Juli 2026 griff Frank-Walter Steinmeier die Geschichte der „Winzer von Blessem“ bei der Gedenkstunde im Düsseldorfer Landtag zum fünften Jahrestag auf. Der Bundespräsident erzählte von seinen Besuchen im Ahrtal direkt nach der Flut und fünf Jahre später. Er sprach von der Verwüstung und vom Wiederaufbau, von Betroffenen, die noch immer mit den Erinnerungen an die Flut kämpfen, und von Geschichten, die ihm Hoffnung machen. „In Erftstadt-Blessem wächst heute Wein“, sagte Steinmeier in seiner Rede. „Dort, wo vor fünf Jahren nur noch eine Abbruchkante zu sehen war.“

Ernte der ersten Weinlese an der Abbruchkante
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Die Blessemer Winzer waren gerührt. Eine Erwähnung vom Bundespräsidenten im Landesparlament? Damit hatten sie nicht gerechnet. Im Gegenzug, sagt Berger, widmeten sie Steinmeier die vorderste Rebe ihres Weingartens – die „Präsidenten-Rebe“.
Die erste Lese an der Abbruchkante dauert knapp eine halbe Stunde. Dann sind die 180 Reben leer. Jeder Helfer geht mit seinem Eimer zur Waage, notiert das Gewicht und kippt die Trauben in Kisten. Ergebnis: 83 Kilo Weintrauben. „Damit sind wir zufrieden. Wegen der Hitze hatte ich mit weniger gerechnet“, sagt Berger. Ein Kilo ergebe ungefähr eine Flasche Wein. Wenn mindestens 60 Flaschen entstehen, sei das ein Erfolg.
Im nächsten Frühjahr, wenn der erste Blessemer Weißburgunder verkorkt ist, möchten die Mitglieder des Weingartenprojekts an der Burg Blessem zusammenkommen, sagt Karl Berger. Zwischen Krater und Weinreben bauen sie dann Tische und Stühle auf. „Unseren ersten Wein wollen wir in der Gemeinschaft trinken“, sagt Berger. „Wir machen ein Fest daraus. Dann stoßen wir mit allen zusammen an.“

