Diese elf Kriminalfälle, darunter Kölner Fälle, prägten Deutschland mit dramatischen Wendungen, Ermittlungen und Tragödien.
Kölner Fälle dabeiDie 11 bekanntesten Entführungsfälle Deutschlands

Im Fall Ursula Herrmann saßen Werner M. und Gabriele F.-M. 2009 vor dem Landgericht Augsburg auf der Anklagebank. Ihm wurde Entführung mit Todesfolge vorgeworfen, ihr Beihilfe. 1981 soll das Duo die Zehnjährige in eine Kiste gesperrt haben, in der sie qualvoll erstickte. (Archivbild)
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Entführungen gehören zu den Verbrechen, die eine Gesellschaft besonders erschüttern – weil sie scheinbar jederzeit und überall geschehen können. In Deutschland haben mehrere Fälle über Jahre hinweg Schlagzeilen gemacht: mit millionenschweren Lösegeldforderungen, verzweifelten Fahndungen und Ermittlungen, die neue Maßstäbe setzten.
Nicht immer gelang es, die Opfer zu retten. Manche Taten endeten tödlich, andere sind bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Sie alle haben Spuren hinterlassen – bei den Angehörigen, in der Polizeiarbeit und in der öffentlichen Debatte. Die folgende Übersicht versammelt elf Entführungsfälle ohne politischen Hintergrund, die Deutschland nachhaltig bewegten.
Johannes Erlemann (1981)
Der elfjährige Johannes Erlemann wurde am 6. März 1981 in Köln-Hahnwald beim Radfahren von vier Männern überfallen und in ein präpariertes Verlies in einer Lagerhalle verschleppt. Die Entführer hielten das Kind in einem winzigen, hölzernen Verschlag gefangen und forderten von seinem Vater, einem bekannten Kölner Unternehmer, ein Lösegeld in Höhe von drei Millionen DM.

„Express“-Ausgabe von 1981. (Archivbild)
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Nach der Geldübergabe setzten die Entführer den Jungen in einem Waldgebiet bei Siegburg aus, woraufhin er sich zu einem Wohnhaus retten konnte. Die Polizei ermittelte im Anschluss intensiv und konnte alle vier Täter innerhalb weniger Wochen über Hinweise auf das Fluchtfahrzeug festnehmen. Das Lösegeld wurde zum Großteil sichergestellt. Die Entführer wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Johannes Erlemann im Jahr 2023, als die vierteilige Doku „Lebenslänglich Erlemann“ erschien. (Archivbild)
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Erlemann arbeitet heute als Film- und Fernsehproduzent sowie als Berater im Bereich TV-Marketing. Im September 2023 erschien bei RTL+ und im Free-TV das True-Crime-Drama „Entführt – 14 Tage Überleben“, an dessen Produktion er selbst beteiligt war. Begleitend dazu wurde die vierteilige Dokumentation „Lebenslänglich Erlemann“ veröffentlicht, ebenso sein Buch „Befreit“.
Richard Oetker (1976)
Als der Industriellenerbe Richard Oetker 1976 in Freising auf dem Weg von der Universität überwältigt wurde, begann eines der spektakulärsten Verbrechen der deutschen Nachkriegszeit. Der Täter zwang den 25-jährigen Studenten in eine enge Holzkiste, die mit einer selbstgebauten Vorrichtung ausgestattet war, die bei Bewegung elektrische Schläge auslöste und damit jede Reaktion des Opfers unmittelbar gefährlich machte.

Der Unternehmer Richard Oetker spricht heute sehr offen über seine Entführung. (Archivbild)
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Während der langen Gefangenschaft erlitt Oetker schwerste Verletzungen, die ihn dauerhaft körperlich zeichneten. Rund 47 Stunden blieb er unter extremen Bedingungen in der Kiste gefangen, während die Täterseite ein Lösegeld in Millionenhöhe forderte. Erst nach der Zahlung von 21 Millionen DM kam es zur Freilassung des Opfers. Oetker sprach später offen in Interviews über seine Entführung.
Wenn Sie ein paar Mal in Ihrem Leben dem Tod ins Gesicht geschaut haben, dann relativieren sich sehr viele Dinge.
Der Entführer Dieter Zlof wurde 1980 festgenommen und in einem Indizienprozess zur Höchststrafe von 15 Jahren verurteilt. Er bestritt die Tat über die gesamte Haftzeit hinweg und legte erst Jahre nach seiner Entlassung im Jahr 1997 ein umfassendes Geständnis ab. Zlof ist heute über 80. Was aus ihm wurde, ist unbekannt.
Ursula Herrmann (1981)
Dieser besonders erschütternde Fall war 1982, 1986 und 2002 Thema in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ sowie 2020 erneut in einer Sondersendung. Eduard Zimmermann bezeichnete diese Entführung noch Jahrzehnte später als einen der belastendsten seiner Zeit bei „XY“.

Die zehnjährige Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee in Oberbayern auf einem Foto aus dem Jahr 1981, das das Bayerische Landeskriminalamt (LKA) veröffentlichte. (Archivbild)
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Die zehnjährige Ursula Herrmann verschwand im September 1981 am Ammersee spurlos, nachdem sie auf dem Heimweg in ein abgelegenes Waldstück gelockt worden war. Wenige Tage später fand die Polizei ihre Leiche in einer im Wald vergrabenen Holzkiste – sie war qualvoll erstickt. Die Täter forderten zuvor ein hohes Lösegeld vom wohlhabenden Elternhaus, die Übergabe scheiterte jedoch.
Jahrzehnte später rückte Werner M. in den Fokus der Ermittler. Er wurde wegen der Entführung und des Todes des Mädchens angeklagt und schließlich zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Ermittlungen stützten sich auf Indizien, darunter technische Spuren und Aussagen aus dem Umfeld, blieben jedoch umstritten. 2023 kam er frei. M. bestreitet die Vorwürfe bis heute und versuchte noch im selben Jahr erfolglos ein Wiederaufnahmeverfahren zu erwirken.
Matthias Hintze (1997)
Ähnlich erschütternd war das Schicksal des 20-jährigen Matthias Hintze, der im September 1997 im brandenburgischen Gartz vor seinem Elternhaus von zwei Maskierten überwältigt wurde. Die Täter verschleppten ihn in ein Waldgebiet und hielten ihn in einem engen, im Erdboden vergrabenen Metallbehälter gefangen, während sie vom Vater eine Million DM Lösegeld forderten. Einer der Täter hatte zuvor in der elterlichen Gaststätte gearbeitet und die Familie fälschlicherweise für sehr vermögend gehalten.

Mitglieder der ersten Rettungshundestaffel des Arbeitersamariterbundes Berlin versammeln sich mit ihren Hunden auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in Dallgow-Döberitz, um sich an der Suche nach dem entführten Matthias Hintze zu beteiligen. (Archivbild)
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Da die Belüftung des Verlieses unzureichend war und die Entführer das Versteck wegen des hohen Fahndungsdrucks tagelang nicht aufsuchten, erstickte der junge Mann in seinem Versteck. Trotz intensiver Bemühungen der Familie konnte die Polizei nach der Festnahme der Täter nur noch den Leichnam bergen.
Die beiden Hauptverantwortlichen wurden 1998 vom Landgericht Frankfurt (Oder) wegen erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Die Umstände des Todes lösten bundesweit Entsetzen über die Skrupellosigkeit der Täter aus. Die beiden russischen Entführer wurden mittlerweile vorzeitig aus der Haft entlassen bzw. abgeschoben.
Joachim Göhner (1958)
Die Entführung des siebenjährigen Joachim Göhner 1958 in Stuttgart-Degerloch gilt als einer der ersten dokumentierten Fälle von Kindesentführung in der Bundesrepublik. Der Aushilfsgärtner Emil Tillmann lockte das Kind in den Haldenwald und tötete es nach eigener Darstellung sofort, während das Gutachten von einem späteren Todeszeitpunkt ausgeht.
Anschließend forderte er telefonisch 15.000 DM Lösegeld, doch die Übergabe scheiterte und die Polizei zeichnete die Anrufe auf. Als die Ermittlungen stockten, wurde erstmals die Stimme eines mutmaßlichen Täters im Rundfunk ausgestrahlt. Hinweise aus der Bevölkerung führten zur Festnahme von Tillmann, der die Tat gestand und in der Untersuchungshaft Suizid beging. Der Fall gilt als frühes Beispiel für den Einsatz öffentlicher Fahndungsmethoden in Deutschland.
Jakob von Metzler (2002)
Der Bankierssohn Jakob von Metzler wurde im September 2002 in Frankfurt am Main auf dem Heimweg von der Schule von dem Jurastudenten Magnus Gäfgen abgefangen. Der Täter lockte den elfjährigen Jungen in seine Wohnung, wo er ihn kurz darauf tötete und die Leiche in einem Weiher in Osthessen versteckte.

Inmitten von Blumengestecken und Kerzen liegt 2002 vor dem Elternhaus des Mordopfers in Frankfurt am Main ein Bild des ermordeten Jakob von Metzler. (Archivbild)
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Trotz des Todes des Kindes forderte Gäfgen von der Familie Metzler ein Lösegeld in Höhe von einer Million Euro, das drei Tage später an einer vereinbarten Stelle hinterlegt wurde. Die Polizei beobachtete die Geldabholung und nahm den Verdächtigen kurz darauf fest.
Da der Aufenthaltsort des Jungen zunächst unbekannt blieb, wurde im Rahmen der Vernehmung die Androhung von Schmerzen zur Preisgabe des Verstecks in den Raum gestellt. Gäfgen nannte daraufhin den Fundort der Leiche und wurde später wegen Mordes zu lebenslanger Haft mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld verurteilt. Der Fall löste anschließend eine breite juristische und ethische Debatte über das absolute Folterverbot in Deutschland aus.
Gäfgen verbüßt weiterhin eine lebenslange Freiheitsstrafe und sorgt bis heute mit wiederholten juristischen Anträgen und Beschwerden zur Verbesserung seiner Situation im Strafvollzug für Kritik und Empörung.
Theo Albrecht (1971)
Theo Albrecht, einer der Mitbegründer des Lebensmittel-Discounters Aldi, wurde im November 1971 in Essen vor seinem Büro von den Entführern Dieter Leopold und Paul Kron abgefangen. Die beiden Männer – ein verschuldeter Rechtsanwalt und ein vorbestrafter Komplize – hielten den Unternehmer 17 Tage lang in einer Düsseldorfer Anwaltskanzlei gefangen.

Theo Albrecht steht Stunden nach seiner Entlassung am 17. Dezember 1971 am Fenster seiner Essener Villa. Danach trat er nie wieder vor eine Kamera der Medien. (Archivbild)
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Zur Verifizierung seiner Identität musste Albrecht seinen Personalausweis vorlegen, da die Täter ihn zunächst nicht zweifelsfrei erkannten. Nach Verhandlungen mit dem Essener Bischof Franz Hengsbach wurde ein Lösegeld von sieben Millionen DM gezahlt, das bis heute als eine der höchsten Summen für eine Einzelperson in Deutschland gilt.
Nach seiner Freilassung versuchte Albrecht erfolglos, das Lösegeld steuerlich als außergewöhnliche Belastung geltend zu machen, was von den Gerichten abgelehnt wurde. Die Täter wurden später gefasst und zu jeweils achteinhalb Jahren Haft verurteilt, wobei ein Teil des Geldes bis heute verschwunden bleibt. Der Fall führte dazu, dass sich die Aldi-Brüder weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückzogen und unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen lebten. Theo Albrecht starb 2010. Leopold und Kron starben 2017, jeweils innerhalb weniger Monate.
Die Schlecker-Kinder (1987)
Ein spektakulärer Fall mit glimpflichem Ausgang ereignete sich am 22. Dezember 1987, als die Kinder des Drogeriemarkt-Gründers Anton Schlecker aus ihrer Villa in Ehingen entführt wurden. Die Täter verschleppten die damals 16-jährige Meike und den 14-jährigen Lars in ein leerstehendes Haus und forderten ein Rekordlösegeld von 18 Millionen DM. Nach zähen Verhandlungen und der Übergabe von insgesamt 9,6 Millionen DM ließen die Entführer die Geschwister am nächsten Tag in der Nähe von Ulm unverletzt frei.

Das Archivbild zeigt die Holzhütte, in der Meike und Lars Schlecker während ihrer Entführung festgehalten wurden.
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Obwohl der Fall bereits am 4. November 1988 in der Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ filmisch rekonstruiert wurde, blieb die Suche nach den Tätern zunächst jahrelang erfolglos. Erst 1998 endete ihre Flucht, als die Ermittler den entscheidenden Hinweis auf das Fluchtfahrzeug erhielten.
Durch diese akribische Polizeiarbeit konnten die drei Männer schließlich gefasst und über ein Jahrzehnt nach der Tat vor Gericht gestellt werden. Das Landgericht Stuttgart verurteilte die Haupttäter zu langjährigen Haftstrafen, womit einer der größten Entführungsfälle der deutschen Wirtschaftsgeschichte juristisch abgeschlossen wurde.
Anneli-Marie Riße (2015)
Im August 2015 wurde die 17-jährige Anneli-Marie Riße bei Meißen das Opfer eines grausamen Verbrechens, als sie von Markus B. und Norbert K. auf einer Landstraße abgefangen wurde. Die Täter verschleppten die Schülerin auf einen abgelegenen Hof, wo sie das Opfer fesselten und betäubten. Ihr Hund wurde Tage später verstört herumirrend gefunden.

Die beiden mutmaßlichen Täter (l, 2.v.r.) im Fall der ermordeten 17-jährigen Anneli-Marie Riße sitzen im September 2016 in einem Verhandlungssaal im Landgericht in Dresden. (Archivbild)
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Da die Entführer keine Masken trugen und eine Identifizierung befürchteten, ermordeten sie die Jugendliche kurz nach der Tat grausam durch Erdrosseln. Die Polizei konnte nach der Festnahme der Verdächtigen nur noch den Fundort der Leiche auf dem Gelände eines Dreiseithofes sicherstellen.
Im anschließenden Prozess vor dem Landgericht Dresden wurden beide Männer wegen erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Das Gericht stellte bei Markus B. zudem die besondere Schwere der Schuld fest, was eine vorzeitige Entlassung nahezu ausschließt. Der Fall bleibt durch die Gründung einer Stiftung zur Förderung junger Talente und das Engagement der Familie dauerhaft im öffentlichen Gedächtnis.
Maria Bögerl (2010)
Die Entführung von Maria Bögerl begann im Mai 2010 im Landkreis Heidenheim, als sie aus ihrem Wohnhaus verschwand. Kurz darauf forderten die Täter telefonisch ein Lösegeld von 300.000 Euro, das an einer Autobahnraststätte hinterlegt werden sollte. Trotz einer vorbereiteten und überwachten Geldübergabe kam es zu keinem Kontakt mit dem Entführer. Ihre Leiche wurde Wochen später in einem Waldstück gefunden.

Der Entführungsfall Maria Bögerl konnte bis heute nicht geklärt werden. (Archivbild)
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Der Fall konnte bis heute nicht aufgeklärt werden, ein Täter wurde nicht rechtskräftig ermittelt. Die Ermittlungen wurden über Jahre mit großem Aufwand geführt, gerieten jedoch auch in die Kritik, unter anderem wegen möglicher Versäumnisse der Polizei im Ablauf der Fahndung und der Kommunikation während der Geldübergabe. Der Ehemann der Getöteten geriet zwischenzeitlich selbst in den Fokus der Ermittlungen, ein Tatnachweis konnte jedoch nicht geführt werden. Er nahm sich später das Leben.
Ein Massengentest im Jahr 2014 blieb erfolglos. Der Fall wurde im August 2023 offiziell eingestellt – nach 13 Jahren Ermittlungsarbeit.
Nina von Gallwitz (1981)
Die Entführung der achtjährigen Nina von Gallwitz aus Köln-Hahnwald im Dezember 1981 markiert einen der rätselhaftesten Kriminalfälle der Stadtgeschichte. Das Mädchen wurde auf dem Schulweg verschleppt und erst nach 149 Tagen Gefangenschaft freigelassen – eine der längsten Entführungsdauern der deutschen Geschichte.

Schweigemarsch für die entführte Nina von Gallwitz. (Archivbild von 1982)
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Mehrere Übergabeversuche per Zug und Hubschrauber scheiterten zunächst an der massiven Polizeipräsenz, bis Nina schließlich nach der Zahlung von 1,2 Millionen D-Mark an einer Raststätte bei Solingen frei kam.
Die Täter agierten Medienberichten hochprofessionell, nutzten komplexe Verschlüsselungscodes und blieben trotz detaillierter Beschreibungen des Verstecks durch das Opfer bis heute unerkannt.
Da die Tat seit 2012 verjährt ist, bleibt das Schicksal hinter den Kulissen der Hahnwalder Villa ein ungelöstes Kapitel. Während Teile des Lösegelds später im Sauerland auftauchten, blieb der Großteil der Beute für immer verschwunden. Heute lebt von Gallwitz völlig zurückgezogen und meidet zum Schutz der eigenen Privatsphäre jede Öffentlichkeit. Der Fall wurde 2023 im True-Crime-Podcast des „Kölner Stadt-Anzeiger“ aufgearbeitet.



