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Bodycams auch im Bahn-Fernverkehr„Stress mit Kunden haben wir täglich“ – Zugchefin berichtet

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Test von Bodycams beim DB Fernverkehr in ausgewählten ICE

Eine Zugbegleiterin im ICE trägt bei einem Pilotprojekt die Bodycam zur Eigensicherung Foto: Deutsche Bahn AG/Volker Emersleben

Die Bahn bietet jetzt auch dem Zugpersonal im Fernverkehr Bodycams zur Eigensicherung an. Eine Zugchefin berichtet aus ihrem Arbeitsalltag.

Der brutale und tödliche Überfall auf den Zugbegleiter Serkan Çalar (36), der Anfang Februar bei einer Fahrkartenkontrolle in einem Regionalzug in Rheinland-Pfalz zusammengeschlagen wurde, hat Konsequenzen. Die Bahn stattet ab sofort auch das Zugpersonal im Fernverkehr mit Bodycams aus.

Das ist eine Folge des „Aktionsplans für mehr Sicherheit auf der Schiene“, den die Bahn gemeinsam mit Bund, Ländern, Gewerkschaften und Verkehrsbranche beschlossen hat. Bei einer Umfrage unter den 7500 Mitarbeitenden des Fernverkehrs hatten sich rund 2000 aus dem Zugbegleitdienst, den Speisewagen und am Empfang der DB Lounges in den großen Bahnhöfen gemeldet.

Sie sollen bis zum Jahresende mit den Körperkameras ausgestattet werden. Die Bahn hatte bereits im Sommer 2025 in einem Pilotprojekt an den Fernverkehrsstandorten Hannover, Karlsruhe und Nürnberg getestet, ob der freiwillige Einsatz der Kameras auch in den ICE-Zügen sinnvoll sein kann.

2025 gab es mehr als 3000 Übergriffe

Im vergangenen Jahr gab es bundesweit mehr als 3000 Übergriffe auf das Bahnpersonal, Tendenz steigend. „Damit sich Reisende und Mitarbeitende auch weiterhin gut begleitet und sicher in unseren Zügen fühlen, führen wir Bodycams als einen weiteren Sicherheitsbaustein ein“, sagt Michael Peterson, Vorstand für Personenverkehr. Seine Botschaft lautet: „Reisen im Fernverkehr sind sicher.“

Das kann Andrea C. (Name geändert), die seit Jahren am Standort Köln als Zugchefin in den ICE-Zügen unterwegs ist, bestätigen. Der Stress habe aber deutlich zugenommen. Sie hat sich zu einer Schulung angemeldet, bei der es um Einsatzbedingungen, rechtliche Grundlagen, Kennzeichnungspflichten und die praktische Bedienung der Kameras geht.

„Die Zeiten, dass es im Fernverkehr gesitteter zugeht, sind längt vorbei“, sagt sie. Vor allem auf dem überlasteten Korridor zwischen Köln und Dortmund komme es häufig vor, dass „das Publikum aus dem Nahverkehr auch bei mir im ICE sitzt. Viele sind gestresst werden der Baustellen und Verspätungen. Alles, was dazu beitragen kann, Situationen schon im Vorfeld zu entschärfen, hilft.“

Gute Erfahrungen im Regionalverkehr

Eine Bodycam sei aber nicht für jeden Fall geeignet. „Jemandem, der unter Drogeneinfluss steht oder psychisch instabil ist, ist es völlig egal, ob ich eine Kamera trage. Der wird auf mich losgehen.“ Dennoch seien die Erfahrungen mit den Kameras aus dem Regionalverkehr durchweg positiv. „Das einzige Manko ist, dass wir den Ton noch nicht aufzeichnen dürfen. Dabei sind es gerade die verbalen Angriffe, die am häufigsten vorkommen.“

Auseinandersetzungen gebe es mittlerweile auf jeder Fahrt, sagt Andrea C. „Stress mit Kunden haben wir täglich. Auf Strecken wie zwischen Köln und Dortmund, auf denen wir häufig halten, ist es den Leuten völlig egal. Die steigen mit ihrem Deutschlandticket ein und fahren. Die wissen genau, dass wir in einem Zug mit 13 Wagen nur zu zweit sind und deshalb die Wahrscheinlichkeit, kontrolliert zu werden, gering ist. Im Zweifel können sie bis zu zehn Minuten nach der Abfahrt online noch ein Fernverkehrsticket buchen können. Bei mehr als 20 Minuten Verspätung im Regionalverkehr gibt es das Geld für den ICE von der DB Regio sogar zurück. Das ist ihnen zu aufwändig.“

Normalerweise müsste die Zugchefin die Bundespolizei rufen, wenn ein Schwarzfahrer sich weigere, am nächsten Bahnhof auszusteigen. „Wenn ich das mache, haben wir wieder die nächste Verspätung und wieder neue verärgerte Fahrgäste.“

Personal in den Bordbistros muss viel aushalten

Stress gebe es sogar in pünktlichen Zügen, „weil man dort natürlich auch auf Reisende trifft, die aus vorherigen Fahrten schon Verspätungen mitschleppen und ihr Ziel wahrscheinlich nicht mehr erreichen. Das lassen sie dann an mir aus, weil sie merken, dass ich noch ansprechbar bin", sagt Andrea C. Oft gehe es um Kleinigkeiten: das defekte WLAN in der ersten Klasse oder das Problem, dass Getränke nicht am Platz serviert werden können. „Wir kriegen den gesamten Frust ab. Das ist der Normalzustand. Leider.“

28.04.2026, Sachsen, Leipzig: Sandra Lux, «Unterwegsreinigerin», nimmt den Abfall von Passagieren in einem ICE-4 auf der Fahrt von Leipzig nach Hamburg mit. Rund 400 ICE sind täglich bundesweit auf den Schienen unterwegs. Rechnerisch befördert die Bahn im Fernverkehr mehr als 370.000 Reisende täglich. Damit dabei die Züge sauber bleiben, hat die Bahn ein Sofortprogramm für mehr Komfort im Fernverkehr aufgelegt. Die Zahl der «Unterwegsreiniger» stieg von 110 auf 220. (zu dpa: «Duftöl für mehr Komfort - Wie die Bahn Züge sauber hält») Foto: Jan Woitas/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Kein leichter Job: Die Reinigungskräfte in den Fernzügen der Bahn können auf Wunsch jetzt auch Bodycams tragen.

Sie habe leider die Erfahrung machen müssen, dass vor allem das Servicepersonal zum Teil rüde behandelt wird. „Die Mitarbeitenden in den Bordbistros sind den Launen völlig ausgeliefert, wenn mal etwas nicht funktioniert. Wenn die Getränke nicht kühl sind oder die Kaffeemaschine defekt ist“, sagt Andrea C.  Auch die Reinigungsteams, die durch den Zug gehen und zwischendurch die Toiletten putzen, müssten „sich so einiges anhören. Die quetschen sich mit ein paar Rollen Papier durch den vollen Zug und müssen sich dafür noch dumme Sprüche anhören, weil sie ja nicht mal Zugbegleiter sind und in der Hierarchie aus Sicht vieler Kunden ganz unten stehen.“

„Wenn Kolleginnen und Kollegen sagen, dass sie sich mit der Bodycam sicherer fühlen, dann ist das ein wichtiges Signal. Deshalb tragen wir die Einführung von Bodycams im DB Fernverkehr mit und begrüßen, dass die Nutzung freiwillig bleibt“, sagt Manfred Scholze, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der DB.

Bis Andrea C. ihre Bodycam bekommt, werden aber wohl noch zwei Jahre ins Land ziehen. „Die Nachfrage  ist deutschlandweit von jetzt auf gleich so hoch, dass es bis ins Jahr 2028 dauern wird, bis wir damit ausgestattet werden.“