Immer jüngere Islamisten radikalisieren sich online. „Sicherheitskonferenzen“ sollen erkennen, wann aus Hass konkrete Gefahr wird.
Die Liste der 361Islamistische Terrorverdächtige in NRW: Wenn der Name rot leuchtet

Trauernde stehen im Berliner Tiergarten an einem Baum, an dem unterschiedliche Gegenstände zum Gedenken an die Opfer des Anschlags auf den CSD abgelegt wurden.
Copyright: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Es ist ein Dienstagnachmittag in einem Besprechungsraum irgendwo in Düsseldorf, das genaue Gebäude nennt das Ministerium nicht. Um den Tisch sitzen Vertreter des Landeskriminalamts, des Verfassungsschutzes, manchmal auch der Jugendhilfe und des Jugendamts. Auf dem Tisch liegen Aktenblätter, auf jedem ein Name, eine Akte, ein Leben, das die Behörden für gefährlich halten. Was in diesem Raum geschieht, heißt in der Verwaltungssprache Nordrhein-Westfalens: Sicherheitskonferenz. Was es bedeutet, ist etwas Schlichteres und zugleich Erschreckendes: Männer und Frauen versuchen zu entscheiden, wie nah jemand an einer Tat ist. Ob er wirklich handeln will. Oder ob die Signale trügen.
Nordrhein-Westfalen ist das bevölkerungsreichste Bundesland, und es ist, nach allen Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden, auch das islamistisch aktivste. Das NRW-Innenministerium stuft aktuell 166 Muslime als islamistische Gefährder und 195 weitere Dschihadisten als sogenannte „relevante Personen“ ein, der Vorstufe zum Gefährder. Als Menschen also, bei denen die Behörden davon ausgehen, dass sie bereit sind, schwere politisch motivierte Straftaten zu begehen, oder es zumindest konkret erwägen. Mindestens sechs davon sind minderjährig.
Wo Islamismus Wurzeln schlägt
Die geographische Verteilung der Szene folgt der Topographie des Ballungsraums. Der Verfassungsschutz des Landes nennt Bonn, Köln, Wuppertal, Düsseldorf, das Ruhrgebiet mit Essen, Dortmund und Duisburg, das Münsterland und Ostwestfalen-Lippe als Schwerpunkte. Orte, an denen über Jahrzehnte Migrationsgeschichte geschrieben wurde, an denen Moscheevereine entstanden, Netzwerke wuchsen, Gemeinschaften sich bildeten – und in deren Randzonen sich mitunter jene festsetzten, die den Staat ablehnen, in dem sie leben – und von dem sie nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden nicht selten auch alimentiert werden.
Und doch ist die Bedrohung längst nicht mehr nur eine Frage von Orten und Milieus. Der NRW-Verfassungsschutzbericht 2025 beschreibt eine Szene, die zwar weiterhin von bekannten Strukturen lebt, aber zugleich von Einzeltätern, die nicht aus der sichtbaren Landschaft kommen. Zahreiche dschihadistisch motivierte Angriffe, die 2025 in Deutschland stattfanden, wurden demnach in Nordrhein-Westfalen verübt: am 18. Mai 2025 in Bielefeld, wo eine Gruppe vor einer Bar angegriffen wird, und am 5. September 2025 in Essen, wo eine Lehrerin und ein Passant attackiert werden. Das Tatmittel ist in beiden Fällen ein Messer, in einem Fall zusätzlich ein Stockdegen. Insgesamt wurden dabei sieben Menschen zum Teil schwer verletzt.
Der Kölner Terrorverdächtige
Im August 2025 kommt es in Paderborn zu einem versuchten Tötungsdelikt durch eine 13‑Jährige, die Anzeichen einer islamistischen Radikalisierung erkennen ließ. Nach ihrer Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung soll sie dort eine Betreuerin mit einem Messer angegriffen und lebensgefährlich verletzt haben. Im Dezember 2025 gerät ein Schüler aus Köln ins Visier der Staatsschützer. Emirhan A. ist vierzehn Jahre alt. Auf seinem TikTok-Account finden sich Videos, die den Islamischen Staat verherrlichen. Die Ermittler gehen davon aus, dass er einen Anschlag auf einen Kölner Weihnachtsmarkt plant, zumindest plant er in seinem Kopf. Er ist zu jung für eine Strafverfolgung im eigentlichen Sinne. Aber er ist nicht zu jung, um Angst zu verbreiten.
Sein Fall steht nicht allein. Im Frühjahr 2024 werden in NRW drei Jugendliche im Alter von fünfzehn und sechzehn Jahren festgenommen, die in Chatgruppen auf Telegram und der verschlüsselten App Session Anschläge diskutiert hatten. Sie erwägen die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin als Ziel, sie besuchen die Deutzer Kirmes in Köln, probieren Fahrgeschäfte aus, fotografieren, beobachten. Das Innenministerium bestätigte dem Landtag in einem vertraulichen Bericht, dass die Gruppe einen Anschlag mit Bomben erwogen hatte. Konkrete Baupläne lagen nicht vor – die Grenze zwischen Mordphantasie und konkreter Vorbereitung ist in der juristischen Praxis oft haarscharf.
Immer mehr Einzeltäter statt vernetzte Jihadisten
Zudem waren viele der Tatverdächtigen vor den Angriffen nicht in hiesigen salafistischen Netzwerken aktiv, standen nicht im Kontakt zu entsprechenden Akteuren und waren nachrichtendienstlich bis dahin nicht bekannt. Die Erfahrung, so konstatiert der Verfassungsschutz, bestätige sich erneut: Attentäter seien häufig entweder bereits radikalisiert, bevor sie nach Deutschland kommen, oder sie radikalisierten sich über soziale Medien und dschihadistische Propaganda – psychische Problemlagen könnten solche Prozesse zusätzlich begünstigen. Auch das Lagebild Islamismus, das NRW-Innenminister Herbert Reul im Mai 2024 vorstellte, beschreibt auf sechzig Seiten eine Bedrohung, die sich verändert hat. Die Terrormiliz Islamischer Staat ist als Territorialstaat zerschlagen, aber als ideologische Kraft nicht verschwunden. Ihr afghanischer Ableger, bekannt unter dem Kürzel ISPK, plant nach Einschätzung des Verfassungsschutzes weiterhin koordinierte Angriffe in Europa. Die Gefahr, heißt es, sei für NRW „abstrakt hoch“ — eine Formulierung, die in ihrer Präzisionslosigkeit fast schon beruhigend klingt und doch das Gegenteil meint.
Das Werkzeug heißt Radar
Seit dem Anschlag von Anis Amri auf den Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 hat sich das Instrumentarium der deutschen Sicherheitsbehörden grundlegend verändert. Amri war in NRW bekannt gewesen, das Landeskriminalamt hatte ihn im Februar 2016 als Gefährder eingestuft, siebenmal war er auch beim Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum GTAZ in Berlin Thema von Besprechungen. Dennoch starben zwölf Menschen. Die Konsequenz: Ein computergestütztes Risikobewertungssystem namens RADAR-iTE wurde entwickelt, das anhand von zwanzig Merkmalen einschätzt, wie wahrscheinlich eine Person tatsächlich zur Tat schreitet. Wer rote Werte erreicht, landet umgehend in einer Fallkonferenz.
Das klingt nach Präzision. Doch Experten wissen, dass kein Algorithmus das Innere eines Menschen liest. RADAR-iTE liefert Wahrscheinlichkeiten, keine Gewissheiten. Und die Realität der Sicherheitskonferenzen in NRW ist nicht die eines sterilen Technikraums, sondern die eines schwierigen Abwägungsprozesses, bei dem Freiheitsrechte gegen Schutzpflichten gestellt werden, bei dem Aktenlage und Menschenkenntnis, Geheimdienstinformation und juristische Grenzen in Spannung treten. Wer einen Gefährder rund um die Uhr observieren lässt, bindet erhebliche Kapazitäten – bei Hunderten Personen gleichzeitig ist das eine nicht zu bewältigende Herausforderung. Patrick Schlüter, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), fordert deshalb mehr Personal für die NRW-Sicherheitsbehörden und einen verstärkten Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei den Ermittlungen.
Zwischen Mord und Mordphantasie
Trotzdem wird das Geschäft der Sicherheitskonferenzen immer schwierig und folgenreich sein. Wer als Gefährder eingestuft wird, verliert nicht automatisch Freiheitsrechte. Er wird beobachtet, er wird in behördlichen Datenbanken geführt, er kann Ziel von Meldeauflagen oder Kontaktverboten werden. Aber er kann nicht inhaftiert werden, weil er etwas denkt oder in einem Chatprotokoll formuliert. Der Rechtsstaat schützt auch seine potenziellen Feinde.
Das institutionelle Geflecht, das diese Menschen im Blick behalten soll, ist komplex. Auf Bundesebene koordiniert das GTAZ in Berlin, an dem Bundeskriminalamt, Bundesverfassungsschutz, Bundespolizei und die Landesbehörden beteiligt sind. In NRW ist es die eigene Sicherheitskonferenz des Landesinnenministeriums, ergänzt durch ein Aussteigerprogramm für Islamisten. Bei dem wurden bisher rund 240 Dschihadisten intensiv analysiert und betreut, heißt es beim Innenministerium. Mindestens 42 hätten „den Ausstiegsprozess vollständig und nachweislich erfolgreich abschließen und dauerhaft aus der extremistischen Szene herausbegleitet werden“ können. Immerhin – 42 Menschen, die nicht mehr in Todesabsicht mit dem Auto in Fußgängergruppen fahren.