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Durchschnittsalter bei der Polizei in NRW sinkt weiter abWie gefährlich ist es, wenn Streifenbeamten die Einsatzerfahrung fehlt?

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Polizeianwärter werfen im April bei einer Vereidigungsfeier der Polizei Nordrhein-Westfalen in Köln ihre Mützen in die Luft.

Polizeianwärter werfen im April bei einer Vereidigungsfeier der Polizei Nordrhein-Westfalen in Köln hre Mützen in die Luft. 

Die Teams in der Streifenwagen der NRW-Polizei werden immer jünger. Weil derzeit viele altgediente Beamte in Pension gehen, droht ein „Brain Drain“. Welche Auswirkungen kann der Erfahrungsverlust im Ernstfall haben?

Die Streifenbeamten im Polizeidienst von NRW sind in den vergangenen neun Jahren immer jünger geworden. Das geht aus einer Aufstellung des NRW-Innenministeriums hervor, die unserer Zeitung vorliegt. Danach lag der Altersdurchschnitt bei den Polizeivollzugsbeamten im Jahr 2017 bei 44,3 Jahren. Seitdem sank das Durchschnittsalter kontinuierlich ab, 2025 lag es bei 39,7 Jahren.  „Die alten Hasen gehen, ihr Wissen soll bleiben“, sagte NRW-Innenminister Reul zu der Entwicklung. Einsatzroutine und Bauchgefühl entstünden aber „nicht über Nacht“, so der CDU-Politiker. „Für gute Polizeiarbeit ist beides genauso wichtig wie die Theorie“, betonte Reul.

In NRW werden seit 2023 jährlich 3000 neue Polizisten eingestellt, gleichzeitig scheiden viele Beamte aus der Generation der Babyboomer aus Altersgründen aus dem Dienst. „Wir wollen die jungen Polizistinnen und Polizisten nicht allein lassen und versuchen die Dienstgruppen gut zu mischen“, erklärte der Innenminister. Die Führungskräfte müssten „klug ausgewählt werden, um eine jüngere Polizei erfolgreich zu leiten“. Polizeibeamte in NRW sind nach ihrer dreijährigen Ausbildung in der Regel zwischen 21 und 24 Jahre alt.

Vor allem in den großen Polizeiinspektionen der NRW-Städte wundern sich die Bürger häufig darüber, wie jung die Polizisten in den Streifenwagen bisweilen aussehen. Viele Ältere sind zum Teil skeptisch, ob die Berufsanfänger in der Lage sind, heikle Einsatzlagen zu managen. Eine Sorge, die auch innerhalb der Polizei geteilt wird. Die jungen Beamtinnen und Beamten würden im Studium zwar auf vielfältige Weise auf die Anforderungen insbesondere des Wachdienstes vorbereitet, sagte Sascha Günther, Vize-Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) in NRW, unserer Zeitung. „Das kann natürlich insbesondere in schwierigen Lagen nicht die Einsatzerfahrung ersetzen.“ Selbst in Gefahr zu geraten, sei „für junge Kollegen in der Regel eine Grenzerfahrung“. Für die Streifenpolizisten in NRW gehört die Möglichkeit, unvermittelt in lebensbedrohliche Situationen zu geraten, zum Berufsrisiko. Einsätze im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt gehören zu den unberechenbarsten im Streifendienst. Die Stimmung kann innerhalb von Sekunden umschlagen und sich gegen die Beamten richten. „Erfahrene Beamte achten sofort auf die Körpersprache, sichern den Raum und achten darauf, ob irgendwo potenzielle Waffen wie Küchenmesser herumliegen“, sagte ein Ausbilder unserer Zeitung. „Unerfahrene Beamte lassen sich manchmal vom lautstarken Streit ablenken und übersehen mögliche Gefahren.“

Zur gelebten Tradition der NRW-Polizei gehörte es bislang, dass noch unsichere Berufsanfänger gemeinsam mit erfahrenen Kollegen unterwegs sind und von diesen angeleitet wurden. Die dienstälteren Beamten wurden intern augenzwinkernd als „Bärenführer“ bezeichnet. Von denen gibt es aber aufgrund der demografischen Entwicklung immer weniger. „Die Polizei in Nordrhein-Westfalen leidet immer noch unter der verfehlten Personalpolitik früherer Jahre“, sagte Patrick Schlüter, Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in NRW. „Weil lange, viel zu lange viel zu wenig eingestellt wurde, sind die mittleren Jahrgänge bei uns dünn.“

Bei der NRW-Polizei gehen pro Jahr rund 1600 Beamte in den Ruhestand, der Spitzenwert wurde 2023 mit 1881 Pensionierungen erreicht. In der Amtszeit des früheren NRW-Innenministers Ralf Jäger (SPD) von 2010 bis 2017 waren pro Jahr nur 1520 neue Polizisten ausgebildet worden. Eine Expertenkommission kam 2015 zu der Einschätzung, die Polizei müsse sich vor dem Hintergrund eines dahinschmelzenden Personalkörpers von Aufgaben trennen.  

Den Plänen zufolge sollte die Polizei zum Beispiel unter anderem bei Ruhestörungen und der Beseitigung von Verkehrsbehinderungen nicht mehr ausrücken. Nach der Landtagwahl 2017 kam es mit der Bildung einer schwarz-gelben Landesregierung dann zu einem Paradigmenwechsel. 2018 wurden bereits 2300 Anwärter jährlich eingestellt, 2021 waren es 2660 Anwärter und ab 2023 kontinuierlich 3000 Anwärter. Trotz der Einstellungsoffensive ist der Personalbestand in der Zeit von 2017 bis 2026 nur von cirka 39.000 auf 41.500 Beamten angewachsen.

In Deutschland hatte eine wissenschaftliche Studie der Uni Bochum für  Aufsehen gesorgt. Thema: Körperverletzungen im Amt durch Polizeibeamte. Danach interpretieren unerfahrene Beamte verbalen Protest fälschlicherweise häufig als konkrete Bedrohung. Das könne zu Eskalationen wie einem unverhältnismäßigen Einsatz von Tasern und  Schusswaffengebrauch führen.

In Köln-Ostheim lief im Juni 2024 ein Einsatz mit einem psychisch auffälligen, alkoholisierten Mann aus dem Ruder. Nach dem der Mann nicht zu stoppen war, schossen zwei junge Beamte mehrfach in den Oberkörper des Mannes, der schwerverletzt überlebte.

Einen gefährlich hohen Stresspegel können bei jungen Beamten bisweilen auch Einsatzfahrten mit Blaulicht auslösen. Regelmäßig wird in den Polizeiberichten der Behörden über Unfälle informiert, bei denen junge Beamte am Steuer saßen. In Düsseldorf kollidierte im Februar ein Streifenwagen aus Mettmann frontal mit einem entgegenkommenden Fahrzeug. Der 25-jährige Fahrer musste von der Feuerwehr aus dem Wagen befreit werden.

Christina Kampmann, innenpolitische Sprecherin der SPD im Landtag, forderte NRW-Innenminister Reul dazu auf, das Problem des demografischen Wandels bei der NRW-Polizei stärker in den Blick zu nehmen. „Der erfahrene Mittelbau fehlt inzwischen vielerorts“, sagte Kampmann. Reul müsse „verhindern, dass die Polizei aus dem Gleichgewicht“ gerate: „Eine starke Polizei braucht Nachwuchs – aber eben auch ausreichend erfahrene Kolleginnen und Kollegen“, so die Innenexpertin.

Marcel Hafke, Parlamentarischer Geschäftsführer der Liberalen im Landtag, sieht das ähnlich. „Aufgehäufte Überstunden, die einfach verfallen, oder bürokratische Belastungen wie das Landesantidiskriminierungsgesetz treiben genau die Leute raus, die man dringend braucht“, kritisierte Hafke.  Reul müsse die Nachwuchsgewinnung ernst nehmen, aber auch die Haltequote: „Erfahrung wächst nicht auf Knopfdruck.“

Der NRW-Innenminister betont, die Verjüngung der Polizei sei kein Zufall, sondern  politisch gewollt. „Wir haben in den letzten Jahren ganz bewusst die Zahl der Einstellungen deutlich hochgefahren“, sagte der Politiker aus Leichlingen. Zusätzliche Aufgaben, eine anspruchsvollere Sicherheitslage und der Abgang der geburtenstarken Jahrgänge ließen dem Land gar keine andere Wahl. „Die hohen Einstellungs- und Bewerberzahlen zeigen uns, dass sich viele junge Menschen in den Dienst der Allgemeinheit stellen und für die Sicherheit unseres Landes einsetzen wollen“, sagte Reul. Das seien „gute Aussichten“, um die Sicherheit zukunftsfest zu machen.