Eine Mahnwache für die Ukraine fand zum 200. Mal statt. Das schaffte ausgerechnet eine hartnäckige Gruppe im 4000-Einwohner-Ort Gemünd.
Mahnwache in der EifelWieso eine kleine Gruppe zum 200. Mal gegen den Krieg gegen die Ukraine protestiert

Gemünd: Karl-Heinz Lorbach organisiert seit dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine eine wöchentliche Mahnwache auf dem Platz am Nepomuk. Keine einzige fiel aus.
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Die meisten Anwohner des Platzes am Nepomuk haben sich längst in die Wärme ihrer Häuser zurückgezogen, als eine kleine Menschengruppe ihren 200. Protest beginnt. Minus zwei Grad zeigt die Wetter-App, als Karl-Heinz Lorbach seine blaue Fahne mit der Friedenstaube ans Geländer lehnt. Wie jeden Mittwoch hat sich der 64-Jährige einen blauen Schal des Fußballvereins Dynamo Kyjiw um den Hals geschlungen, wie jeden Mittwoch klemmt ein Pappschild unter seinem Arm, auf dem die ukrainische Flagge klebt. „Mahnwache gegen den Krieg in der Ukraine“, steht dort, „mittwochs 19.00, Platz am Nepomuk in Gemünd“.
Sieben Menschen warten bereits auf dem verschneiten Platz. „Der harte Kern“, stellt Lorbach vor. Die erste wöchentliche Mahnwache am 9. März 2022 hatten noch mehr als 60 Menschen besucht. Übrig geblieben ist eine kleine, entschlossene Gruppe, die ihre Mahnwache zu einem 200. Jubiläum trug, das keiner von ihnen je begehen wollte. „Das ist keine Großtat von uns“, brummt ein Teilnehmer. Mit seinem Gehstock zieht er feine Linien in den Schnee. „Es ist ein Ausdruck von Verzweiflung. Wir würden lieber nicht kommen.“
Knapp vier Jahre nach Überfall: Einige Mahnwachen machen weiter
Nachdem Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine überfiel, gingen in ganz Deutschland Millionen Menschen auf die Straße. Allein in Köln protestierten am folgenden Rosenmontag 250.000 Menschen gegen den Krieg. Mit den Jahren sanken die Teilnehmerzahlen. Einige Mahnwachen machten trotzdem weiter.
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Da ist die Mahnwache in Köln-Dellbrück, organisiert von der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde. Seit Februar 2022 ruft sie jeden Samstag um 12 Uhr zum gemeinsamen Gedenken auf, mittlerweile ausgeweitet auf die Opfer aller Kriege.
Da ist die Mahnwache in Leer, Ostfriesland. Jeden Montag versammeln sich dort Bürger mit blau-gelben Fahnen am Denkmalsplatz. Einige von ihnen gründeten eine Initiative, die Hilfslieferungen in die Stadt Mykolajiw bringt.
Da ist die wöchentliche Mahnwache in Freigericht, südliches Hessen. Die kleine Gemeinde zählt keine 15.000 Einwohner. Unbeirrt davon fordert der Initiator regelmäßig den russischen Präsidenten auf, aus der Ukraine zu verschwinden.
Und da ist die Mahnwache am Rande der Eifel, im Schleidener Stadtteil Gemünd. Der Kurort hat knapp 4000 Einwohner. Es ist kein Ort, an dem Massenproteste entstehen, kein Ort, an dem über Weltpolitik entschieden wird. Trotzdem ist es ein Ort, an dem in 200 Wochen keine einzige Mahnwache für die Ukraine ausfiel. Nicht bei Regen, nicht bei Sturm, nicht an Feiertagen. Am Leben gehalten hat sie eine Gruppe überaus hartnäckiger Demokraten.
„Wir machen das für uns. Gegen die Ohnmacht.“
„Uns ist natürlich klar, dass sich kein Schwein dafür interessiert, dass wir hier stehen“, sagt Michael Rick. Der Rentner besuchte vor knapp vier Jahren die erste Mahnwache, auch 200 Wochen später steht er mit Schal, Handschuhen und Mütze auf dem Platz am Nepomuk. „Es ist ein Zeichen, mit dem wir ausdrücken, dass wir mit der ganzen Sache nicht einverstanden sind. Aber wir bewirken gar nichts.“ Aus der Gruppe regt sich vorsichtiger Widerspruch. „Ein bisschen wird das schon wahrgenommen“, wendet Lorbach ein. Schließlich weise der „Wochenspiegel“ regelmäßig auf die Mahnwache hin.
Rick seufzt. „Aber bewirken wir etwas für die Ukraine?“, fragt er. „Natürlich nicht“, antwortet Rita Noé, Ehefrau von Karl-Heinz Lorbach. „Wir machen das für uns. Gegen die Ohnmacht.“

Zum 200. Mal versammelten sich die Gemünder am 7. Januar zur Mahnwache gegen den Krieg in der Ukraine.
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Vermutlich hätte auch die Kölner Redaktion des „Stadt-Anzeiger“ von dieser 200. Mahnwache nichts mitbekommen, wenn Karl-Heinz Lorbach nicht aus einem anderen Grund den Kontakt gesucht hätte. Anlass war ein Artikel über einen Deutsch-Ukrainer, der sich nach dem Überfall auf sein Heimatland freiwillig dem ukrainischen Militär anschloss. „Für Hugo, den Pendler zwischen Köln und dem Krieg in der Ukraine“, stand im Betreff von Lorbachs Mail. Er schickte ein Foto von zehn Menschen, die an Heiligabend um 19 Uhr mit Kerzen in den Händen auf dem Platz am Nepomuk standen. „Ich gehe davon aus, dass Sie den Kontakt zu Hugo pflegen“, schrieb er. „Vielleicht können Sie ihm bei nächster Gelegenheit mitteilen, dass ein Teil der Einwohner in und nahe Gemünd den Krieg in der Ukraine zu keinem Zeitpunkt aus den Augen verloren hat.“
Jede Woche vier Stunden Vorbereitung
Gemünd, zwei Wochen später. Karl-Heinz Lorbach, 64 Jahre alt, Bauingenieur, hat eine Kanne Tee auf den Wohnzimmertisch gestellt, davor eine Kiste mit Demo-Material. Zwei Pappen zeigen die Ukraine-Flagge mit einer weißen Taube, eine die historischen Gebiete der Ukraine seit dem 12. Jahrhundert, auf einer klebt ein Bild des ukrainischen Lauteninstruments Bandura. Lorbach ist bei den Grünen aktiv, seine Mahnwache ist parteiunabhängig. Ist Lorbach krank oder verreist, übernehmen andere Teilnehmer.

Altes und aktuelles Material für die Mahnwache
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Als er die erste Mahnwache bei der Polizei anmeldete, sagt Lorbach, habe er niemals damit gerechnet, dass sie sich irgendwann zum 200. Mal wiederholt. „Die Idee war: Menschen in Gemünd sollen die Möglichkeit haben, Solidarität mit den Menschen in der Ukraine zu zeigen, ohne dafür extra nach Euskirchen oder Köln zu fahren.“ Um auch jüngere Teilnehmer anzusprechen, formulierte er die Redebeiträge in den ersten Wochen extra kinderfreundlich: Es ging um Mut, um Falschnachrichten, um einen Krisenchat für Kinder, darum, was ein Internationaler Gerichtshof macht.
Weil nur selten Kinder kamen, schwenkte er um: Er sprach über den Völkermord Holodomor, den Stalin in den 30er Jahren an der ukrainischen Bevölkerung beging, über internationale Friedensbemühungen und Pazifismus in Zeiten des Krieges. Im ersten Jahr stellte er über mehrere Wochen hinweg Hilfsorganisationen vor, die in der Ukraine aktiv sind. Etwa vier Stunden verbringt er jeden Sonntag mit der Vorbereitung seiner Reden. Nach knapp vier Jahren besuchen noch zehn bis 15 Menschen die Mahnwachen, bei schlechtem Wetter weniger, im Sommer etwas mehr.
Fällt es manchmal schwer, so viel Mühe in eine wöchentliche Mahnwache in der Eifel zu stecken, die eine engagierte, aber kleine Menschengruppe besucht?
Kurz scheint es, als sei Lorbach schon von der Idee überrascht. „Absolut nicht“, sagt er dann. „Ich brauche die große Bühne nicht. Mit den zehn, 15 Leuten haben wir einen wunderbaren Austausch geschaffen.“ Später schreibt er in einer Nachricht: „Die Frage der Sinnhaftigkeit dieser Mühen stellte ich mir nie.“
„Ich will einfach den Menschen in der Ukraine zeigen, dass man sie nicht vergessen hat.“
Nur an einem Mittwoch stand Lorbach um 19 Uhr allein am Platz am Nepomuk. Es war der erste Weihnachtstag 2024. Wie jede Woche trug Lorbach den Dynamo-Kyjiw-Schal, den ihm ein Ukrainer 2022 bei einer Mahnwache als Dank umgelegt hatte, wie jede Woche hielt er die blaue Fahne mit der Friedenstaube in der Hand. Solange in der Ukraine Bomben fallen, sei ein Ausfallen der Mahnwache für ihn unvorstellbar. Nur einen Redebeitrag hatte er dieses Mal nicht vorbereitet. „Ich will einfach den Menschen in der Ukraine zeigen, dass man sie nicht vergessen hat. Dass wir die Kriegsverbrechen gegen sie nicht vergessen haben“, sagt er. Ganz allein blieb er damit auch bei der kleinsten Gemünder Mahnwache nicht: Als der Gottesdienst in der Kirche endete, stießen zwei Frauen der Kerngruppe dazu.

Lorbach (vorne rechts) bei der Mahnwache am 7. Januar
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Eine von ihnen steht auch am 7. Januar 2026 in dem kleinen Kreis im Schnee, als Lorbach in seiner Rede auf die Themen der letzten 199 Mahnwachen zurückblickt. Er spricht über den Holodomor, über die Bandura, über das Schicksal eines 17-jährigen Jungen, dessen Eltern und Geschwister bei einem Angriff auf Mariupol getötet wurden. Und er spricht über Pazifismus in Zeiten des Krieges. Auch wenn sich hier am Platz am Nepomuk ähnlich Gesinnte zusammentun, waren sie dabei nicht immer einer Meinung. Lorbach spricht sich entschieden für Waffenlieferungen an die Ukraine aus und lehnt einen absoluten Pazifismus ab. Und doch schloss sich auch ein Mann, den Lorbach als Pazifisten bezeichnet, der wöchentlichen Mahnwache an.
Mahnwache endet mit einer Gedenkminute für die Opfer in der Ukraine
„Ich komme aus einer Zeit, in der Pazifismus großgeschrieben wurde“, sagt Peter Cremer. Der pensionierte Lehrer stieß als Letzter zum „harten Kern“ hinzu. „Ich habe lange gezweifelt, ob das der richtige Ort für mich ist.“ Vor über 40 Jahren lief er bei der Bonner Friedensdemonstration mit, rief „Frieden schaffen ohne Waffen“. Und trotzdem: Der Austausch und die Streitgespräche, sagt Cremer, tun ihm gut. „Ich hänge diesem pazifistischen Gedanken immer noch nach“, sagt er. „Aber wenn ich mir die Nachrichten ansehe, denke ich, dass es womöglich ein Trugschluss war. Das macht mir sehr zu schaffen. Wir alle haben ja Kinder.“
Wie jedes Mal endet die Mahnwache mit einer Gedenkminute für die Opfer aller Kriege. Dann zerstreut sich die Gruppe. Spätestens in einer Woche werden sie sich wiedersehen. Zur 201. Mahnwache. „Und so hängen wir der Ohnmacht ein Dennoch an“, sagt Cremer, bevor sich die kleine Versammlung verabschiedet. „Und drehen weiter eckige Runden.“


