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RechtsradikalismusImmer mehr Straftaten an Schulen und Hochschulen in NRW

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An NRW-Schulen und Hochschulen gibt es immer mehr rechtsradikale Straftaten.

 An NRW-Schulen und Hochschulen gibt es immer mehr rechtsradikale Straftaten. 

In den letzten vier Jahren wurden in NRW 1476 Vorfälle gemeldet. Die Polizei konnte 353 tatverdächtige Schüler und Studenten ermitteln.

Nils (Name geändert) träumte von Bombenanschlägen gegen Asylbewerber und fantasierte offen über ein Dasein als Naziterrorist. In die Chatgruppe „Feuerkrieg Division“ postete der Kölner Schüler im Sommer 2023 Anleitungen zum Bau von Sprengsätzen sowie einer Maschinenpistole. Sein Hass auf Juden und schwarze Menschen kannte offenbar keine Grenzen. Auch in der Schule soll er Lehrern gedroht haben.

Der Junge, seinerzeit 13 Jahre alt, konnte strafrechtlich nicht belangt werden. Als einzige Option blieb den Behörden, den Neonazi in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung unterzubringen. Inzwischen befindet sich der Teenager im strafmündigen Alter. Und nach wie vor wird er vom Kölner Staatsschutz beobachtet.

1476 rechtsextreme Taten an Schulen und Universitäten

Die Zahl rechtsextremer Vorfälle an Lehrstätten in NRW nimmt zu. Das geht aus einer Antwort des Landesinnenministeriums auf eine Kleine Anfrage der SPD hervor. Demnach registrierten die Staatsschützer zwischen 2022 und 2025 insgesamt 1476 rechtsextrem motivierte Delikte an Schulen und Universitäten an Rhein und Ruhr. Mit 379 Fällen liegt der Regierungsbezirk Düsseldorf ganz vorne in der besorgniserregenden Statistik, gefolgt von Arnsberg (304), Münster (271), Köln (268) und Detmold (254). Zählten die Polizeiauswerter 2022 noch 281 Straftaten, so kletterten die Zahlen im vergangenen Jahr auf 466 rechtsextreme Fälle.

Hakenkreuze, Hitler-Posts sowie Übergriffe auf Andersdenkende: Die Delikte in den Lehreinrichtungen reichen laut Innenministerium vom Verwenden verfassungsfeindlicher Symbole über Sachbeschädigungen, Volksverhetzungen, Beleidigungen, Körperverletzungsdelikte, Bedrohungen und Nötigungen bis zur Störung des öffentlichen Friedens nebst anderen Straftaten. Im Vierjahreszeitraum wurden 353 tatverdächtige Schüler und Studenten erfasst.

Extremisten immer jünger

Gewaltbereite Extremisten werden immer jünger – ganz gleich, ob rechtsextrem, linksextrem oder islamistisch motiviert. „Das Internet samt den sozialen Medien dient gerade bei manchen jungen Menschen zunehmend als Radikalisierungsmaschine. Quasi als digitale Echokammer“, befand NRW-Verfassungsschutzchef Jürgen Kayser bereits vor drei Jahren in einem Interview mit dieser Zeitung. Meist handele es sich um User mit schwierigen Biografien, etwa Einzelgänger, die in der Schule gemobbt werden oder im Elternhaus Probleme hätten.

„Frust wandelt sich dann schnell in Hass auf die gesamte Gesellschaft. Die extremistische Ideologie bietet das Ventil für die eigene Unzufriedenheit mit dem Leben“, resümierte der leitende Verfassungsschützer seinerzeit.

SPD: „Der Rechtsstaat muss die Täter zur Rechenschaft ziehen“

Bastian Hartmann, wissenschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag, spricht von einer erschreckenden Entwicklung. „Eine Steigerung um über 65 Prozent in gerade einmal vier Jahren muss als Alarmsignal gewertet werden. Der Rechtsstaat muss sich hier als handlungsfähig beweisen und die Täter zur Rechenschaft ziehen.“ Zudem forderte der Politiker dazu auf, verstärkt präventiv zu arbeiten. „Wir müssen Kinder und Jugendliche vor rechtsextremem Gedankengut schützen und verhindern, dass sie der Ideologie auf den Leim gehen.“

Ähnlich urteilt Stefan Behlau. Aus Sicht des NRW-Vorsitzenden des Verbandes Bildung und Erziehung sind „die steigenden Zahlen rechtsextremer Vorfälle ein Warnsignal für die gesamte Gesellschaft – Schule ist ihr Spiegel und zugleich ein wichtiger Ort der Demokratiebildung“. Lehrkräfte könnten nicht neutral bleiben, wenn Grundwerte angegriffen werden – ganz im Gegenteil: „Sie haben den Auftrag, demokratische Werte zu vermitteln und junge Menschen zu befähigen, Verantwortung in unserer demokratischen Gesellschaft zu übernehmen.“ Klar sei aber auch: „Haltung allein reicht nicht. Schulen brauchen ausreichend Zeit und Personal, um präventiv gegen Extremismus arbeiten zu können.“

8800 Stellen unbesetzt

An NRW-Schulen jedoch sind laut Ministerium rund 8800 Stellen nicht besetzt. Es fehlten Lehrerinnen und Lehrer, aber auch sozialpädagogische Fachkräfte, Schulsozialarbeiter und Fachkräfte in multiprofessionellen Teams. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) spricht beim Personalmangel von einer „Dauerbaustelle“. Eine repräsentative Forsa-Befragung im Auftrag der Bildungsgewerkschaft hat ergeben, dass für 58 Prozent der Schulleitungen in NRW Personalmangel das größte Problem ist.