Wochenlang wurde über den Gesundheitszustand von NRW-Innenminister Herbert Reul spekuliert. Nun ergriff der CDU-Politiker im Innenausschuss selbst dazu das Wort.
Reul beendet Gerüchte„Ich bin gesund und munter, aber sprachlich etwas lädiert“

Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, hat sich im Sommer operieren lassen.
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Die 84. Sitzung des Innenausschusses im NRW-Landtag in dieser Wahlperiode wird den Teilnehmern in Erinnerung bleiben. Vor dem Eintritt in die Tagesordnung geschah etwas höchst Ungewöhnliches. NRW-Innenminister Herbert Reul ergriff das Wort für eine sehr persönliche Erklärung. Der CDU-Politiker äußerte sich zu seinem Gesundheitszustand. Viele Abgeordnete im Saal hielten inne vor Staunen. Dass ein Minister öffentlich über seine medizinische Verfassung spricht, ist nahezu beispiellos.
Herbert Reul gehört seit Jahren zu den beliebtesten Politikern in NRW. Für die NRW-CDU ist der Mann aus Leichlingen ein politisches Pfund. Er genießt seit Jahren hohe Zustimmungswerte – auch außerhalb der eigenen Anhängerschaft. Reul ist zwar schon 74 Jahre alt, aber an einen Abschied aus der Landespolitik hat er bislang keinen Gedanken verschwendet. Erst kürzlich gab er bekannt, dass er bei der Landtagswahl im April 2027 erneut antreten will. „Herbert ist ein Fels in der Brandung, den so schnell nichts umwirft“, sagt ein CDU-Parlamentarier. Eine zu optimistische Einschätzung?
Herbert Reuls Hand zitterte
Auf Beobachter der Landespolitik hatte Reul bereits seit einiger Zeit gesundheitlich angeschlagen gewirkt. Eine Hand zitterte sichtbar, so verbreiteten sich Spekulationen darüber, dies könne ein Anzeichen einer schweren Erkrankung sein. Seit dem Sommer war zudem eine merkwürdige Veränderung in der Aussprache zu bemerken. Reul war zum Teil nur schwer zu verstehen, sprach verwaschen, verschluckte Konsonanten. Schnell machten aufgeregte Mutmaßungen die Runde. Hatte der Innenminister womöglich einen Schlaganfall erlitten? Niemand sprach es offen aus, aber die Vermutung, dass da etwas nicht stimmt, stand immer häufiger bei Terminen im Raum.
Reul sind die fragenden Blicke offenbar nicht entgangen. Nun sah er die Zeit gekommen, um die Spekulationen über seine gesundheitliche Situation selbst zu beenden. Bereits am Dienstag hatte er sich im Landeskabinett erklärt. Der Innenausschuss schien ihm nun die passende Bühne für eine öffentliche Botschaft zu sein. Sein Statement dauerte eine Minute und 23 Sekunden.
Reul begann seine die Wortmeldung geschäftsmäßig unaufgeregt. „Meine Damen und Herren, Frau Vorsitzende, ich würde gerne zwei Vorbemerkungen machen“, sagte er ins Mikrofon. Die eine drehe sich um den Schlag gegen eine russische Hackergruppe, zu dem es am Mittwoch eine Pressekonferenz gegeben habe. „Und zum Zweiten etwas Persönliches.“ „Sie haben in den letzten Wochen wahrscheinlich gemerkt, dass ich mich in meiner Aussprache ein bisschen verändert habe“, begann Reul. „Und weil sich viele Leute alles Mögliche darüber denken, möchte ich Ihnen das gerne erklären“, fügte der Innenminister hinzu.
Zu schnell aus dem Krankenhaus
Dann kam Reul zum Kern der Geschichte. Er habe sich vorgenommen, in den Sommerferien einen medizinischen Eingriff vornehmen zu lassen. „Sie haben wahrscheinlich gemerkt, dass ich früher so eine zitternde Hand hatte“, erläuterte der CDU-Politiker. „Das haben wir beseitigt“, stellte Reul fest – und hielt zum Beweis die Hand in die Höhe. Dann hörte Reul – offenbar zu schnell – die Pflicht rufen. Statt sich, wie von den Ärzten angeraten, von dem Eingriff ausgiebig zu erholen, stürzte er sich kurz nach der Operation wieder mitten ins Geschehen. Er sei „sehr schnell aus dem Krankenhaus raus“ gewesen, schilderte Reul. „Meinen Urlaub habe ich auch gestrichen, weil es im Hürtgenwald brannte. Und ich dachte: Da muss ich dabei sein.“
Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Denn: Seit dem Besuch bei dem Großbrand in der Nordeifel habe er „dieses sprachliche Problem“. Man wisse noch nicht genau, wodurch es ausgelöst worden sei. „Ob durch meine Schuld oder wodurch auch immer.“ Da man im Innenausschuss eng zusammenarbeite, sei es ihm ein Anliegen, sich zu erklären. „Also, ich bin gesund und munter, aber sprachlich etwas lädiert. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“
Die Erklärung löste bei den CDU-Vertretern Erleichterung aus, die anderen Fraktionen zollten Reul Respekt. In den Planspielen der CDU-Strategen spielt Reul trotz seines vergleichsweise fortgeschrittenen Alters eine bedeutende Rolle.
Für den Fall, dass es vor der NRW-Wahl im nächsten Jahr unerwartet doch noch zu einem „Kanzlertausch“ kommen sollte, könnte Reul, der über das notwendige Landtagsmandat verfügt, kurzfristig als Nachfolger von NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) einspringen und einen geordneten Übergang organisieren. Ex-Bundeskanzler Konrad Adenauer sei bis zu seinem 87. Lebensjahr im Amt gewesen, witzelt man in der CDU-Fraktion. „Dagegen ist Herbert Reul ein Jungspund.“
