Düsseldorf – Die Hinweise auf einen geplanten Anschlag veranlassten die Kölner Ermittler aus der Abteilung für Organisierte Kriminalität (OK) schnell zu handeln. In entschlüsselten Nachrichten der Krypto-Software „Encrochat“ sprachen Drogendealer über den Mord an einem russischen Geschäftspartner. Offenbar ging es um Schulden. Umgehend suchten die Kriminalbeamten das Opfer in spe auf und unterrichteten den Mann über sein mögliches Lebensrisiko.
Seit es französischen und niederländischen IT-Forensikern der Sicherheitsbehörden gelang, den codierten Handy-Chatverkehr der europaweiten Unterwelt zu knacken, füllen sich auch hierzulande die Strafakten. Meist geht es um Rauschgiftdeals im großen Stil. Allein in Köln führt die Kripo inzwischen 150 Verfahren mit 85 Beschuldigten.
Groß-Dealer, die sich lange Zeit durch die Krypto-Handys sicher fühlten und meist über Aliaskürzel kommunizierten, fliegen nach und nach auf. Gleich tonnenweise handelten sie mit Marihuana, Kokain oder synthetischen Drogen. „Die Flut der Encrochat-Fälle bindet einen Großteil unseres Personals im OK-Bereich“, erläutert Kriminaldirektor Peter Kikulski.
Clans, Kinderpornografie, Cyberkriminalität: Wo Ressourcen gebunden sind
Die großen Erfolge bergen nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ aber auch ein großes Problem: Die Ressourcen für den Kampf gegen andere Phänomene im organisierten Verbrechen bleiben auf der Strecke.
Der Kampf gegen kurdisch-libanesische Clans, Kinderpornografie, sexueller Missbrauch nebst den stetig wachsenden Cyberkriminalität bindet massive Kräfte der 10.000 Kriminalbeamten in NRW.
Hinzu kommt die Pensionierungswelle, die gerade bei der Kripo viel Fachwissen in den Ruhestand versetzt, ohne dass der Nachwuchs den Verlust direkt qualitativ ersetzen kann. Auch meiden viele junge Polizisten und Polizistinnen den Gang zur Kripo, weil gerade in Kommissariaten für Todesermittlungen, im OK-Bereich oder bei Sexualdelikten nicht nach der Stoppuhr gearbeitet wird. Die Aufklärung eines Mordes kennt keine Schichttaktzahl.
„Kriminalität wird komplexer und digitaler“
Der Begriff „Work-Life-Balance“ ist mittlerweile aber auch bei der Polizei ein wichtiger Punkt. NRW-Innenminister Herbert Reul hat seit Beginn seiner Amtszeit sukzessive die Zahl der Neuzugänge bei der Polizei auf 3000 jährlich erhöht. Am Montag stellte der CDU-Politiker einen Zehn-Punkte-Plan seiner neu geschaffenen Landesarbeitsgruppe vor, um Defizite bei der Kriminalpolizei zurückzufahren. „In den kommenden Jahren kommen neue und größere Herausforderungen auf die Kripo in NRW zu“, erklärte der Minister, „die Kriminalität wird komplexer und digitaler.“
In dem Kontext wies Landeskriminaldirektor Johannes Hermanns darauf hin, dass sich die Auswertung sichergestellter Datenmengen inzwischen vervierfacht habe. Selbst bei Ladendiebstählen fordere die Justiz die Analyse der Überwachungskameras an. Vor dem Hintergrund habe der neue Kölner Polizeipräsidenten Falk Schnabel „ein Teilprojekt der Landesarbeitsgruppe übernommen. Dabei geht es darum, die Prozesse zwischen Polizei und Justiz zu optimieren.“
Zugleich hat Minister Reul einen Forschungsauftrag vergeben, um die Kripo von unnötigen Aufgaben zu entlasten: „Künftig soll weniger Aufwand in Verfahren gesteckt werden, die absehbar von der Justiz später eingestellt werden.“
3-D-Vermessung für Tatortaufnahmen
Die Landesregierung will den Eintritt ins Cyber-Zeitalter forcieren. So können die Kripobeamten über eine zentrale Polizei-Cloud künftig auf zentrale IT-Anwendungen zugreifen. Tatortaufnahmen werden per 3-D-Vermessung oder via Drohne abgebildet. Derzeit entwickelt man etwa eine App, die Leichenschau und der Beweismittelsicherung vereinfachen. Dies würde etwa die Arbeit der Todesermittler erleichtern. Allein in Köln muss das Kommissariat 11 neben Mord und Totschlag im Schnitt 1000 ungeklärte Leichenfunde untersuchen.
Ferner sollen das Kölner Polizeipräsidium sowie die fünf anderen Kreispolizeihauptstellen zusätzlich 110 IT-Spezialisten bekommen.
Neben der normalen dreijährigen Fachhochschulausbildung zum Einheitspolizisten, bietet das Land ab dem Wintersemester 2022/23 über eine niederrheinische Hochschule den IT-Bachelor für Cyber-Kriminalisten an.
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