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Studie„Geistlicher Missbrauch findet innerhalb der katholischen Kirche statt“

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ARCHIV - 25.01.2024, Niedersachsen, Hannover: Dunkle Wolken ziehen über das Kreuz auf einer evangelischen Kirche in der Region Hannover hinwe (zu dpa: «Studie in zwei Bistümern: Machtmissbrauch in Gemeinschaften») Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Symbolbild

Eine Studie der Universität Münster zu spirituellem Missbrauch in geistlichen Gemeinschaften wirft auch Fragen an Tradition, Lehre und Moralvorstellungen der katholischen Kirche auf. Veränderungen müssen her, sagt die Theologin und Soziologin Judith Könemann.

Frau Professorin Könemann, was ist spiritueller Missbrauch?

Spiritueller Missbrauch ist der Eingriff in das geistliche Leben eines Menschen mit dem Ziel, Macht über die Spiritualität, das geistliche Leben und das Gewissen des anderen zu gewinnen – mit oft tiefgreifenden Folgen für die persönliche Integrität wie auch die leib-seelische Gesundheit. Spiritueller Missbrauch kommt ohne körperliche Übergriffe aus. Der Inhalt des Missbrauchs ist zugleich das Instrument.

Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche haben wir gelernt, dass geistliche Macht gerade für körperliche – sexuelle – Übergriffe ausgenutzt wurde.

Es gibt fließende Übergänge. Und ja, es stimmt: Beim sexuellen Missbrauch durch Kleriker bahnen sich die Täter den Weg zu ihren Opfern auch über deren Spiritualität – als geistliche Autorität.

Judith Könemann, Professorin für Religionspädagogik (l.), und Thomas Frings, Historiker an der Universität Münster, mit ihrer Studie zu geistlichem Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften, am 25. September 2026 in Münster.

Judith Könemann, Professorin für Religionspädagogik (l.), und Thomas Frings, Historiker an der Universität Münster, mit ihrer Studie zu geistlichem Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften, am 25. September 2026 in Münster.

Woher rührt eigentlich diese Macht? Bei einem Filmregisseur, einem Dirigenten, dem Chef in der Firma ist das klar.

Geistliche Macht verdankt sich erstens immer auch einer Zuschreibung: Weil jemand ein geistliches Amt innehat, wird ihm eine bestimmte Autorität zugestanden. Zweitens leitet sich geistliche Macht vom Charisma, von der Ausstrahlung einer Person, her. Drittens werden Glaubensinhalte – etwa die Haltung der Demut oder des Gehorsams, aber auch eine religiös begründete Sexualmoral oder ein bestimmtes Frauenbild – zur Legitimation von Missbrauch herangezogen. Und viertens hat geistlicher Missbrauch einen hohen systemischen Anteil.

Was bedeutet das?

Gerade in religiösen Gruppierungen, Orden oder geistlichen Gemeinschaften ist der Missbrauch oft nicht an eine einzige Person gebunden, sondern das ganze System wird in sich missbräuchlich.

Charisma hat jemand - oder hat es nicht.
Professorin Judith Könemann

Ist das aus der Sektenforschung denn nicht alles längst bekannt? Autoritäre Verhältnisse mit großen Abhängigkeiten von Führungspersonen gehören zur typischen Vorstellung, die man sich von Sekten macht.

Das Neue an unserer Studie ist zum einen die Breite der empirischen Basis. Und zum zweiten der wissenschaftliche Nachweis, dass Praktiken des Missbrauchs, die aus sogenannten Sekten bekannt sind, auch innerhalb der katholischen Kirche stattfinden. Die Mechanismen sind dieselben und damit muss sich die Kirche intensiver auseinandersetzen.

Sie sprechen von Missbrauch kraft Charisma. Charisma, Ausstrahlung, Begeisterungsfähigkeit – das ist aber doch im Christentum elementar für die Glaubensweitergabe. Ein Blick in die Bibel genügt: Ohne Charisma hätte Jesus keinen einzigen Jünger gewonnen.

Das ist tatsächlich ein entscheidender Punkt. Es wäre Unsinn, Charisma verbieten zu wollen. Charisma hat jemand – oder hat es nicht. Es geht um Hellhörigkeit dafür, wie jemand sein Charisma nutzt. Und wie man ihn oder sie das Charisma nutzen lässt. Der Soziologe Max Weber hat treffend festgestellt: Charisma gibt es nur durch Gefolgschaft. Das heißt: Ein Charisma wird wirksam, weil Menschen Charismatikern und ihrer Führung Raum geben. Hier heißt es aufpassen!

Verlust, Trauer und Brüche begegnen auch vermeintlich starken Persönlichkeiten.
Professorin Judith Könemann

Und was heißt „aufpassen“?

Eine Reihe von Studienteilnehmern hat uns gesagt, sie hätten das direktive, zudringliche Verhalten ihrer geistlichen Führer anfangs schon „ein bisschen merkwürdig“ gefunden – irgendwie unangenehm. Aber dann sei das in der geistlichen Gemeinschaft „wegerklärt“ worden. Und warum sollte es auch ein Problem damit geben, was 50 andere einfach nur klasse finden? Das ist genau der Punkt, an dem es gefährlich wird.

Wir reden von zumeist erwachsenen Menschen. Sollten die nicht verantwortliche Entscheidungen für ihr Leben treffen können. Oder geht es um labile Persönlichkeiten?

Das ist eines der gängigen Vorurteile. Wer so denkt oder redet, tut den Betroffenen geistlichen Missbrauchs Unrecht. Oder sie wissen nichts von der möglichen Schwere psychischer Belastungen. Die Faszination eines intensiven Glaubenslebens in Gemeinschaft und der Wunsch einer radikalen Christus-Nachfolge haben erst einmal nichts mit Labilität zu tun. Vielleicht ist das nicht die Mehrheit, die dieses Bedürfnis haben, aber manche eben schon – und das ist kein psychischer Defekt. Natürlich können Verlusterfahrungen, Trauer, Brüche im Leben eine solche Suche begründen oder verstärken. Aber Verlust, Trauer und Brüche begegnen auch vermeintlich starken Persönlichkeiten.

Das ist das Scheunentor zum Missbrauch.
Professorin Judith Könemann

Wo geht das in der christlichen Tradition tief verwurzelte Konzept der „Seelenführung“ in Missbrauch über? Oder ist es gar in sich missbräuchlich, wenn dort von Gehorsam gefordert wird, die „Aufopferung“ der eigenen Person oder die „Hingabe“ an Gott?

Dahinter steht die Frage an die Religion, an die Kirche, ob sie Menschen für fähig hält, eigenständig und eigenverantwortet ihren Glauben zu leben. Oder ob sie dazu immer eine Anleitung brauchen. Früher nannte man das tatsächlich „Seelenführung“. Heute sprechen wir von geistlicher Begleitung. Und die hat auch viel Gutes, indem sie Menschen stützt, stärkt und aufrichtet. Das will ich überhaupt nicht in Zweifel ziehen.

Aber?

Wenn die Kirche die Auffassung vertritt, dass die Menschen so etwas brauchen, dann ist das Defizit immer schon mitgedacht: Ohne diese Begleitung, diese Führung könnten Menschen im Grunde gar nicht glauben. Oder zumindest nicht so gut, wie es möglich wäre. Das baut einen riesigen Druck auf: Was muss ich noch alles tun, um meinen Glauben zu vervollkommnen? Da kommt dann oft die geistliche Begleitperson ins Spiel, der sie sich rückhaltlos anvertrauen sollen, um im Glauben voranzukommen. Der heilige Franz von Sales hat im 17. Jahrhundert postuliert, der Mensch brauche dafür einen „Directeur d’Âme“, einen „Seelendirektor“, dem er sich und sein Herz restlos öffnet. Solche Vorstellungen wurden in den in unserer Studie untersuchten geistlichen Gemeinschaften nahtlos fortgeschrieben. Das aber ist das Scheunentor zum Missbrauch.

Das in der Bibel häufiger zu findende Motiv der Überwältigung ist eigentlich übergriffig.
Professorin Judith Könemann

„Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkaufe, was du hast; dann komm und folge mir nach!“ Das sagt nicht Franz von Sales – diesen radikalen Anspruch erhebt Jesus. Ist das dann auch schon Missbrauch?

Eine schwierige Frage… Ich sage mal so: Das in der Bibel häufiger zu findende Motiv der Überwältigung ist eigentlich übergriffig. Wir neigen aber dazu, es damit zu legitimieren, dass diese Überwältigung „von Gott kommt“.

Lässt sich das denn im Licht Ihrer Studie zum geistlichen Missbrauch noch halten, oder muss das … in die Tonne?

Das ist die Diskussion, die wir in der Theologie und in der Kirche führen müssen. Ich habe, ehrlich gesagt, noch keine Antwort?

Aber vielleicht erste Ideen? Das könnte ja vielleicht denen helfen, die geistliche Begleitung anbieten oder in Anspruch nehmen, wovon Sie sagen, das habe auch viel Gutes.

Ich bin sicher, dass wir geistliche Begleitung in der Kirche qualitativ neu und anders aufstellen müssen – mit sehr viel Aufmerksamkeit auf die Verletzungsmacht bestimmter religiöser Vorstellungen, kirchlicher Lehren und Begriffe, moralischer Forderungen. Ich bleibe dabei, auch wenn ich dafür Gegenwind kriege: Insbesondere die kirchlichen Geschlechterbilder haben eine hohe Verletzungsmacht – speziell für Frauen, die weit überwiegend die Opfer geistlichen Missbrauchs sind. Da helfen alle netten Verbrämungen nichts. Da müssen Veränderungen her. Sonst kommen wir nicht weiter.


Judith Könemann, geb. 1962, ist Soziologin und Theologin. Seit 2009 hat sie eine Professur am Institut für Religionspädagogik und Pastoraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster inne.

Zusammen mit dem Historiker Bernhard Frings hat sie in einer Pilotstudie das Phänomen des spirituellen oder geistlichen Missbrauchs in geistlichen Gemeinschaften der katholischen Kirche untersucht. Die im Aschendorff-Verlag Münster erschienene Forschungsarbeit unter dem Titel „Macht durch Charisma“ ist als Open-Access-Titel mit der Nummer 10.17438/25270 frei zugänglich.