Der Ukrainer fordert Gespräche mit Moskau – teilt aber auch gegen Putin aus. Der Kremlchef hat seinen Kriegskurs derweil bekräftigt.
„Muss man lesen“Selenskyj schreibt Brief an Putin – Kremlchef „heftig getrollt“

Die Bildkombo zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin (l.) und den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.
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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in einem offenen Brief an Wladimir Putin ein persönliches Treffen mit dem russischen Staatschef vorgeschlagen. „Die Ukraine schlägt vor, diesen Krieg durch einen direkten Austausch zwischen Ihnen und uns zu beenden. Ich schlage ein Treffen vor“, schrieb Selenskyj in dem Brief, der am Donnerstag auf der Website der ukrainischen Präsidentschaft veröffentlicht wurde.
„Die Ukraine ist für eine vollständige Waffenruhe für die Dauer der Verhandlungen bereit“, fuhr Selenskyj fort. Selenskyj schlug zudem einen Austausch aller Kriegsgefangenen vor und erklärte, dies könne ein „guter Auftakt zur Beendigung des Krieges“ sein.
Kreml und Trump reagieren auf Selenskyjs Brief
Der Kreml erklärte als Reaktion auf Selenskyjs Brief laut Staatsmedien, der ukrainische Präsident könne „jederzeit nach Moskau kommen“. Kremlsprecher Dmitri Peskow fügte nach Berichten von Staatsmedien hinzu, dass Putin der Brief noch nicht gezeigt worden sei.
Die Option, nach Moskau zu reisen, hat Selenskyj unterdessen in seinem Schreiben bereits ausgeschlossen und andere Orte für ein Treffen vorgeschlagen: „Die Schweiz, die Türkei, die Länder der arabischen Welt – viele sind in der Lage und bereit, ein solches Treffen auszurichten.“
Donald Trump: „Es wäre großartig, wenn sie sich treffen würden“
US-Präsident Donald Trump zeigte sich am Donnerstag erfreut. „Ich bin froh, dass sie vielleicht über ein Treffen sprechen. Ich glaube, wir hatten viel damit zu tun“, sagte er im Oval Office. „Ich denke, es wäre großartig, wenn sie sich treffen würden.“
Der Brief ist einer der wenigen Fälle, in denen Selenskyj sich seit dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022 direkt an Putin gewandt hat. Von den USA vermittelte Verhandlungen liegen derzeit wegen des Iran-Kriegs praktisch auf Eis.
Erhebliche Zweifel an Putins Verhandlungsbereitschaft
An einer echten Verhandlungsbereitschaft Moskaus bestehen jedoch erhebliche Zweifel. Putin hatte kurz vor der Veröffentlichung des Schreibens gesagt: „Wir sind zweifellos dazu bereit, mit der Ukraine eine Vereinbarung zu treffen.“ Gleichzeitig bekräftige der Kremlchef jedoch erneut den Anspruch auf die vollständige Kontrolle des Donbass. Erneut behauptete Putin zudem, die russische Armee habe an der Front die Oberhand und verbuche ständige Gebietsgewinne.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj.
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Auch daran gibt es Zweifel: Die dafür von Putin angegebene Zahl von 2.440 hinzugewonnenen Quadratkilometern liegt deutlich über ukrainischen Angaben. Nach Berechnungen regierungsnaher ukrainischer Militärbeobachter hat die russische Armee mit abnehmendem Tempo seit Jahresbeginn knapp 700 Quadratkilometer erobert. Nach Einschätzung amerikanischer Analysten benötigt Russland noch mehrere Jahre, um den gesamten Donbass militärisch zu erobern.
„Der erste Herrscher Russlands, der sich an Pjöngjang gewandt hat“
Mit Blick auf die militärische Lage enthält auch Selenskyjs offener Brief provokante Passagen in Richtung des Kremlchefs. „Als Sie vor mehr als 26 Jahren in Russland an die Macht kamen, sahen Sie viele Menschen in der Ukraine positiv“, beginnt der ukrainische Staatschef etwa seinen Brief. Süffisant fügt er mit Blick auf die jüngsten Angriffe der ukrainischen Streitkräfte hinzu: „Heute sieht die überwiegende Mehrheit der Ukrainer es positiv, dass unsere Langstrecken-Drohnen der Eröffnung Ihres Forums in St. Petersburg einen Besuch abgestattet und dabei eine Strecke von mehr als 1.000 Kilometern zurückgelegt haben.“
Damit nicht genug: Auch dass Putin im Krieg gegen die Ukraine auf Unterstützung angewiesen ist, thematisiert Selenskyj: „Wir haben den Krieg auf ihr Territorium getragen, und ohne Nordkoreas Hilfe hätten Sie damit nicht fertig werden können. Sie sind der erste Herrscher Russlands, der sich an Pjöngjang gewandt hat, um Hilfe zu erbitten. Und heute sind Sie vollständig von China abhängig – ebenfalls zum ersten Mal in der Geschichte Russlands.“
Selenskyj thematisiert Kritik an Wladimir Putin in Russland
Die zuletzt offene Kritik an Putin in Russland erwähnt Selenskyj ebenfalls. „Sie hofften auf innere Unruhen in der Ukraine. Stattdessen waren es Ihre eigenen Militäreinheiten, die gegen Sie meuterten“, schrieb der Ukrainer und erinnerte damit an den kurzzeitigen Aufstand der Wagner-Gruppe und ihres Anführers Jewgeni Prigoschin. „Nun sind Sie es, den Ihre eigenen Beamten, Geschäftsleute und Propagandisten mit offensichtlicher Ermüdung betrachten. Die Welt kann das sehen.“
Putins Gesundheitszustand erwähnt Selenskyj ebenfalls: „Nach 26 Jahren an der Macht fordert das Alter seinen Tribut. Und mit der Zeit wird die Ermüdung Ihnen gegenüber nur noch zunehmen.“ Dennoch bedrohten russische Propagandisten „auf die eine oder andere Weise jedes Nachbarland Russlands“, schrieb Selenskyj und fügte hinzu: „Wollen Sie das wirklich alles durchmachen?“ Die Entscheidung liege nun bei Putin, heißt es weiter. „Die Ukraine schlägt vor, diesen Krieg zu beenden.“
Experten: Selenskyj hat mit Brief „den Spieß umgedreht“
Einige westliche Experten bewerteten das Schreiben des Ukrainers in ersten Reaktionen unterdessen positiv. Selenskyj habe Putin mit einigen Passagen des Briefes „heftig getrollt“, befand etwa der Russland-Experte und Journalist Michael Weiss auf der Plattform X.
Auch der Kölner Politikwissenschaftler Thomas Jäger erklärte, Selenskyj habe „den Spieß in einer zentralen Frage umgedreht“. Während Putin stets darauf beharrt habe, dass ein Waffenstillstand keine Voraussetzung für Gespräche sei und davon sogar Trump überzeugt habe, zeige das US-Vorgehen im Iran, dass Gespräche nur bei einer Feuerpause erfolgreich sein könnten. Zudem habe Selenskyj den Kremlchef „an seine Position in Russland erinnert“, schrieb der Professor für internationale Politik der Universität Köln weiter. „Muss man lesen“, lautete Jägers Fazit mit Blick auf Selenskyjs Brief.
„Brief wird weder zu einem Treffen noch zu Frieden führen“
Im Baltikum herrscht derweil Skepsis, ob das Schreiben an den Kremlchef etwas bewirken könne. „Selenskyjs offener Brief an Putin wird weder zu einem Treffen noch zu Frieden führen“, schrieb etwa der frühere Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des estnischen Parlaments, Marko Mihkelson, bei X.
Es handele sich um eine „geschickte Informationskampagne, auf die Putin keine andere gute Antwort hat, als den Krieg fortzusetzen.“ Dennoch spiele der Schachzug der Ukraine in die Hände, erklärte Mihkelson. „Selenskyjs Brief sollte ein Signal an alle Freunde der Ukraine sein: Jetzt ist es an der Zeit, entschlossenen Druck auf Russland auszuüben, damit es das Scheitern seiner strategischen Ziele erkennt.“ (mit afp)
