Millionen Baby-Boomer werden in den kommenden Jahrzehnten pflegebedürftig. Wie man den Notstand abmildern könnte und wer nun genau in die Pflicht genommen werden muss.
PflegenotstandIn 25 Jahren wird jeder zehnte NRW-Bürger auf Hilfe angewiesen sein

In 25 Jahren wird das ein übliches Bild auf den Straßen sein, denn dann soll Prognosen zu Folge jeder zehnte Pflegebedürftige sein.
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Der Sache scheint man zunächst mit den einfachen Grundrechenarten auf die Spur zu kommen. Mitte der 1960er Jahre sind in Deutschland so viele Kinder geboren, wie später nie mehr. Alle diese Kinder jubeln etwa 2045 über die goldene 80 auf der Torte. Zumindest, wenn sie bis dahin überleben. Und die Chancen stehen ganz gut, denn der medizinische Fortschritt verlängert die Lebenserwartung statistisch gesehen jedes Jahr um den ein oder anderen Monat. Und mit achtzig Jahren wird es kritisch. „Bei der Frage nach der Pflegebedürftigkeit ist entscheidend, wie viele Menschen älter als 80 Jahre werden. Denn ab diesem Alter steigt der Anteil derer, die Hilfe im Alltag brauchen, stark an“, sagt Michael Wagner, Professor für Soziologie und Sozialpsychologie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Universität zu Köln im Gespräch mit dem Kölner Stadt-Anzeiger.

Michael Wagner, Professor für Soziologie und Sozialpsychologie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Universität zu Köln
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Dass die Zahl derer, die der Pflege bedürfen, bis Mitte des Jahrhunderts deutlich steigen wird, war also lange vorhersehbar. Dennoch ist man dann erschrocken, wenn man die Prognosen liest: Laut der aktuellen Pflegemodellrechnung werden bis zum Jahr 2050 in Nordrhein-Westfalen knapp 1,7 Millionen Menschen und damit etwa jede zehnte Person pflegebedürftig sein. Das hat das statistische Landesamt errechnet. Die größten Zuwächse sind demnach bei stationärer Pflege und ambulanten Pflegediensten zu erwarten. So wird im Vergleich zum Jahr 2023 die Zahl der Pflegebedürftigen in stationärer Pflege um gut ein Drittel zunehmen. Die Zahl der durch ambulante Pflegedienste versorgten Menschen wird im gleichen Zeitraum um 28 Prozent steigen. Der ausschließliche Bezug von Pflegegeld wird mit knapp 60 Prozent die häufigste Leistungsart bleiben. Bis 2050 werden mit fast einer Million Personen 18 Prozent mehr Menschen diese Leistung in Anspruch nehmen als noch 2023.
Die Welle rollt auf ganz Deutschland zu und verschont auch NRW nicht. Dennoch fallen regionale Unterschiede auf. Fast verdoppeln wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden 25 Jahren vor allem im ländlich geprägten Norden NRWs. In Borken, Steinfurt, Coesfeld, Gütersloh und Paderborn rechnen die Experten mit einem Anstieg von mehr als 40 Prozent. Aber auch der extreme Süden und damit Euskirchen, der Rhein-Sieg-Kreis sowie Bonn müssen mit einem Zuwachs von mehr als 30 Prozent rechnen. Etwas weniger betroffen sollen Köln, der Rheinisch Bergische, sowie der Oberbergische Kreis und der Rhein-Erft-Kreis sein. Hier rechnen die Statistiker mit einer Erhöhung um gut 20 Prozent. Nur wenig mehr Pflegebedürftige als heute soll es den Zahlen zu Folge in einigen Gebieten des Ruhrgebiets wie in Duisburg, Essen und Gelsenkirchen geben. Aber auch Leverkusen soll mit zehn bis 20 Prozent Plus relativ gesehen weniger stark betroffen sein.

Lena Ansmann ist Professorin am Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaften der Uni Köln
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Das liegt daran, dass am Ende die Grundrechenarten eben doch nicht ganz ausreichen, um der Sache mit der Entwicklung der Pflegebedürftigkeit auf die Spur zu kommen. Lena Ansmann, Professorin am Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft an der Uni Köln, sagt, dass auch Faktoren wie die Migration mit einer höheren Geburtenrate einen Einfluss auf die Altersverteilung einer Stadt und damit auch auf die Anzahl der Pflegebedürftigen haben können. „Eine höhere Migration könnte der Altersbalance zu Gute kommen.“
Umgekehrt dürfe man aber auch einen sozialen Aspekt bei der Berechnung von Pflegebedürftigkeit nicht außer Acht lassen. Denn nicht zwingend jeder Über-Achtzigjährige muss auf Hilfe angewiesen sein. Das höchste Risiko für Hilfsbedürftigkeit treffe vor allem diejenigen, die schon in jungen Jahren unter chronischen Krankheiten litten. „Und da sehen wir einen Zusammenhang zwischen Sozialstatus und Gesundheit. Je geringer Einkommen und Bildung, desto wahrscheinlicher sind schon Entwicklungsverzögerungen bei Kindern, ungesunde Verhaltensweisen und chronische Erkrankungen im Erwachsenenalter und eben auch Pflegebedürftigkeit im Alter“, sagt Ansmann im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Ein weitgehend ungenutzter Hebel: Die Prävention
Die Politik, so sagt Ansmann, hätte durchaus einen Hebel, um die Welle zumindest etwas abzuflachen. Das Zauberwort heißt Prävention und ist so alt wie wirkungsvoll. Um zu verhindern, dass mehr Alte automatisch mehr Kranke und Pflegebedürftige bedeuten, müsste es in allen Lebensbereichen greifen: Der Bildungspolitik ebenso wie der Wohn- und Arbeitsmarktpolitik. Dabei reiche es nicht aus, die Menschen zu belehren und so zu einem gesünderen Lebensstil mit mehr Bewegung und guter Ernährung zu erziehen, zielführender sei eine Verhältnisprävention, die es der Bevölkerung einfach macht, sich gesund zu verhalten. „Statt den Menschen zu sagen, dass sie weniger Zucker essen sollen, sollte man beispielsweise eine Zuckersteuer einführen. Das wäre günstiger, wirkungsvoller und würde auch in allen sozialen Gruppen fruchten“, sagt Ansmann.
Aber selbst dann, wenn die Prognosen durch gesundheitspolitische Anstrengungen günstiger ausfielen, bleibt die Pflege eine personalintensive Angelegenheit. Und das ist gerade in einem Land, in dem es immer weniger Junge gibt, kein zu vernachlässigendes Problem. Die Pflegekammer NRW warnt auf Anfrage dieser Zeitung eindringlich vor dem sich verschärfenden Fachkräftemangel: Im Kreis Coesfeld etwa werden in den kommenden zehn Jahren rund 38 Prozent der Pflegefachpersonen in Rente gehen – während nur neun Prozent nachrücken. Ein Missverhältnis, das symptomatisch für viele Regionen steht.
Die Kammer fordert deshalb eine echte Strukturreform: ein neu gedachtes Versorgungssystem mit klarer Aufgabenverteilung, tragfähiger Finanzierung, funktionierender Digitalisierung und besseren Bedingungen für internationale Fachkräfte. Dabei müsse die häusliche Pflege gezielt gestärkt, die Grenzen zwischen professioneller Pflege, Angehörigenpflege und haushaltsnahen Leistungen klar gezogen werden. „Die aktuelle Vermischung macht Pflege zur Verfügungsmasse für kurzfristige Einsparungen", heißt es vonseiten der Kammer.
Der wichtigste Ort für Pflege: Das eigene Zuhause
Für das Gesundheitsministerium NRW ist der Ort, an dem die dringlichste Weichenstellung für eine gute Pflege der Zukunft stattfinden muss, klar das eigene Zuhause. Fast jeder neunte Pflegebedürftige wird hier versorgt. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann fordert auf Anfrage: „Es muss uns gelingen, diesen hohen Anteil zu erhalten und der häuslichen Pflege und damit vor allem den pflegenden Angehörigen deutlich den Rücken zu stärken. Denn ohne ihren tagtäglichen Einsatz würde das Pflegesystem deutlich ins Wanken geraten. Wir brauchen einen guten Versorgungsmix aus professionellen und ergänzenden Angeboten sowie solidarischem Miteinander. Alles andere wird kaum umzusetzen sein. Allein die stationäre Pflege ist erheblich personal- und kostenintensiver. So viel könnten wir gar nicht an Pflegekräften zusätzlich ausbilden."

Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann sagt: „Es muss uns gelingen, diesen hohen Anteil zu erhalten und der häuslichen Pflege und damit vor allem den pflegenden Angehörigen deutlich den Rücken zu stärken. Denn ohne ihren tagtäglichen Einsatz würde das Pflegesystem deutlich ins Wanken geraten.“
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Aber auch mit Geld und Personal allein ist dem Pflegenotstand nicht beizukommen. Das geltende Leistungsrecht des SGB XI ist nach Einschätzung des Ministeriums inzwischen so komplex, dass es Pflegebedürftige kaum noch durchdringen – und vielen Versorgungsbedürfnissen in der häuslichen Pflege schlicht nicht gerecht wird. Laumann fordert daher eine grundlegende Flexibilisierung und Vereinfachung: „Wir dürfen nicht immer weiter neue Strukturen schaffen, sondern müssen Vorhandenes bündeln. Leistungen müssen dort ankommen, wo und wie sie am dringendsten benötigt werden."
Eine Frage, die Laumann besonders umtreibt: Was geschieht, wenn die Hauptpflegeperson plötzlich ausfällt – durch Krankheit, Erschöpfung oder einen Notfall? Wie die häusliche Pflege auch in solchen Situationen gesichert werden kann, müsse laut Ministerium zentral auf die politische Agenda.
Soziologe Michael Wagner will nicht nur die Politik in die Pflicht nehmen, sondern auch den Einzelnen nicht aus der Verantwortung lassen, wenn es um die Bewältigung des auf uns zukommenden Pflegenotstands geht. Er weist nach Dänemark und in die Niederlande, wo das zivilgesellschaftliche Engagement rund um die Hilfe von Kranken und Alten stärker ausgeprägt sei. „Wir brauchen sicher in Zukunft einen stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt auf lokaler Ebene. Das kann die Nachbarschaftshilfe sein, aber auch die Verwandtschaft, die sich eben um ihre hilfsbedürftigen Familienmitglieder kümmert. Die Unterstützung muss auf mehreren Schultern verteilt werden. Das ist Sache der Zivilgesellschaft und der lokalen ambulanten Dienste, nicht nur des Staates.“


