Der 39-Jährige blickt auf die dreieinhalb Jahre als Cheftrainer der ersten Mannschaft des TuS Zülpich zurück. Er hat eine beeindruckende Bilanz.
TuS ZülpichDer Torjubel ist für David Sasse das schönste Gefühl

Die Spieler des TuS Zülpich ließen ihren Trainer David Sasse nach dem Aufstieg in die Mittelrheinliga hochleben.
Copyright: Kevin Bindig
Zahlen lügen nicht. Und wenn man die Bilanz des TuS Zülpich in den vergangenen dreieinhalb Jahren, seit der „Beförderung“ von David Sasse vom Spielertrainer der zweiten Mannschaft zum Trainer der ersten Mannschaft, sieht, ist das schon beeindruckend. In Bezirks- und Landesliga holte man 69 Siege, 15 Unentschieden und 19 Niederlagen, das entspricht einer Siegesquote von 67 Prozent.
Die Tordifferenz ist mit 361:134 nicht minder spektakulär: Durchschnittlich erzielt Zülpich 3,5 Tore pro Partie. Selbst im ersten Jahr in der Landesliga, nach dem ersten von zwei Aufstiegen, hatte der TuS als Achter ein Torverhältnis von 78:48.
Hinzu kommen noch drei Kreispokalsiege in den Jahren 2023, 2024 und 2026. Und dann war da ja auch noch das Mittelrheinpokalspiel im Winter 2024, das zwar gegen den späteren Titelträger Viktoria Köln 2:5 verloren ging, in dem die Sasse-Truppe in der zweiten Halbzeit aber den Drittligisten phasenweise zur Verzweiflung brachte.
David Sasse gibt Fehler in erster Halbzeit gegen Viktoria Köln zu
In dieser zweiten Halbzeit in einer denkwürdigen Partie, in der Zülpich sogar mit 1:0 durch einen Treffer von Devin Nickisch in Führung gegangen war, bevor es dann minutenlang stockfinster wurde, weil ein Kind den Schlüssel des Stromkastens stibitzt hatte und das Flutlicht ausgefallen war, zeigte der TuS das, was ihn ausmacht: mutigen Offensivfußball. Den hatte man in der ersten Halbzeit vermisst, weil Sasse sich angesichts der Übermacht eines Profi-Vereins für eine andere Herangehensweise entschieden hatte. „Da habe ich einen Fehler gemacht“, gibt Sasse auch eineinhalb Jahre später noch zu.
Doch eine Niederlage hat auch etwas Gutes. Sie bestätigte den Trainer und sein Team, an ihrer offensiven Marschrichtung festzuhalten, egal wie der Gegner heißt. Und es stimmt auch positiv für das nächste Abenteuer: die erste Saison in der Mittelrheinliga. Dort ist Zülpich ein eher kleines Licht. „Wir sind das Elversberg der Mittelrheinliga“, nennt Sasse das. Der Verbleib in der fünften Liga ist das Ziel. „Wir halten die Klasse“, sagt Sasse selbstbewusst. Auch er zieht Zahlen heran: „Seitdem ich hier Trainer bin, haben wir nie mehr als zwei Spiele am Stück verloren“, sagt er.
Wir haben Selbstbewusstsein und ein gesundes Selbstvertrauen und nehmen auch die Euphorie des Aufstiegs mit.
Sasse ist Realist: „Wir müssen uns aber darauf einstellen, dass das in einer höheren Liga mehr werden können“, sagt er. Generell ist er aber optimistisch gestimmt: „Wenn der Kern der Mannschaft zusammenbleibt, dann mache ich mir keine Sorgen.“ Gleichwohl weiß er: Die Mittelrheinliga dürfte für einen Verein wie Zülpich das „absolute Limit“ darstellen. Sasse ist aber auch Optimist und baut sich einen Notausgang ein: „Andererseits sind wir Meister in der Landesliga geworden. Die Tabelle lügt nicht. Wir haben Selbstbewusstsein und ein gesundes Selbstvertrauen und nehmen auch die Euphorie des Aufstiegs mit.“

David Sasse im Gespräch mit Nico Berekoven (l.) und Marlon Große im August 2023 beim Kreispokalhalbfinale gegen die JSG Erft 01.
Copyright: Tom Steinicke
Zwei Spieler hat Zülpich in diesem Sommer abgegeben: Julian Riße und Constantin Pennartz. Ein dritter, Torwart Julian Becker, ist dem Verein erhalten geblieben, aber in die zweite Mannschaft gewechselt. Gleiches gilt für Maxi Patt. Der Rest will bleiben. Besonders der Abgang von Pennartz schmerzt. „Cono wollten wir halten“, sagt Sasse. Aber aus privaten Gründen entschied sich der 27-Jährige für die Rückkehr nach Winden in die Bezirksliga.
Constantin Pennartz kam aus der Kreisliga und wurde Stammspieler
Pennartz ist ein Beispiel für Sasses Transferpolitik. Der Trainer sieht das Besondere in Spielern, auch wenn sie bislang nicht im Fußball auf Verbandsebene aufgefallen waren. Als Pennartz zur Saison 2024/25 vom damaligen A-Ligisten Winden zum Landesliga-Aufsteiger Zülpich wechselte, dürfte sich so mancher Fußballexperte im Kreis Euskirchen fragend am Kopf gekratzt haben.
Doch Pennartz überzeugte nicht nur den Trainer, sondern widerlegte auch alle Kritiker: 57 Ligaspiele in zwei Jahren, in denen er als defensiver Mittelfeldspieler acht Tore erzielte und acht vorbereitete, sprechen auch rein statistisch eine deutliche Sprache. Aufmerksam geworden war Sasse auf Pennartz durch ein Testspiel der Zülpicher gegen Winden im November 2023.
Aus der Kreisliga in die Mittelrheinliga
Es gibt noch mehr Beispiele, bei denen sich die Ausgangslage allerdings ein wenig anders darstellte: Abwehrhüne Lucas Carell, Zauberfuß Nico Berekoven und Goalgetter Marvin Iskra stammten alle aus der Kategorie „hat mal höher gespielt“, fristeten ihr Dasein aber in den Niederungen der Kreisligen. Carell hatte vor der Corona-Pandemie mit Merten und Wesseling-Urfeld in der Mittelrheinliga gespielt, war vor seiner Zülpicher Zeit aber in Wüschheim-Büllesheim in der Kreisliga B.
Berekoven hatte mit Rheinbach in der Landesliga gespielt und wechselte dann zum SC Roitzheim, ebenfalls Kreisliga B. Alle Stationen von Marvin Iskra aufzuzählen, fällt schwer. Er ist aber der einzige im Kader – neben dem Trainer – mit Regionalliga-Erfahrung (bei Fortuna Köln). Er hatte aber zwischenzeitlich beim VfL Kommern in der Kreisliga C angeheuert.
Ich geben den Spielern den Ball und sage: Liebe ihn!
Doch auch in ihnen sah Sasse das Potenzial, wieder zu alter Stärke zurückzufinden. Erneut setzte er sich gegen Kritiker durch, die den Spielern, die beim Zeitpunkt des Wechsels allesamt nicht in bester körperlicher Verfassung waren, diesen Schritt nicht zutrauten. Fitness kann im Leistungsfußball zwar den Unterschied ausmachen, der 39-jährige Trainer ist aber ein Verfechter von Arbeit mit dem runden Leder. „Ich gebe den Spielern den Ball und sage: Liebe ihn!“
Allerdings geht es – wie man aus dem WM-Auftritt der DFB-Elf gelernt hat – auch um eine gewisse Körperlichkeit. Einstige Leichtgewichte wie Marlon Große und Devin Nickisch haben das verinnerlicht und entsprechend Muskeln aufgebaut. Das gilt auch für Luca Ohrem, der zunächst noch neben Sasse gespielt hatte und eine Leistungsexplosion erlebte, nachdem er körperlich hart an sich gearbeitet hatte – und der Comeback-Qualitäten nach Verletzungen bewies.
Sieben Spieler sind seit Sasses erstem Tag als Cheftrainer dabei
Spieler wie Thomas Leßenich mussten wieder auf das körperliche Niveau gebracht werden, das sie einmal hatten. Wichtig ist dabei: Auch die Beweglichkeit soll nicht darunter leiden. „Fußballfit“ nennt Sasse das. Zu alter Stärke zurückgefunden hat auch Noel Huschke, der Mittelrheinliga-Erfahrung aufweist, aber nach einem Zwischenstopp in Wüschheim-Büllesheim zur SG Voreifel ging, mit der er aus der Bezirksliga abstieg, bevor er nach Zülpich wechselte und Stammspieler wurde.

So entspannt wie hier im Mai 2025 gegen Arnoldsweiler ist David Sasse bei Spielen selten.
Copyright: Thomas Schmitz
Sieben Spieler sind seit dem Amtsantritt des Trainers durchgehend im Kader: Marlon Große, Johannes Püllen, Kapitän Georg Salmon, Thomas Leßenich, Devin Nickisch, Luca Ohrem und Dominik Spies. Die restlichen 20 Spieler des aktuellen Kaders sind seitdem dazugekommen. Acht der insgesamt 27 Akteure haben immerhin schon einmal Mittelrheinliga gespielt oder standen im Kader von Mittelrheinligisten.
Zülpich setzt bei den Neuverpflichtungen auf junge Spieler
Die Zülpicher Mannschaft hat sich in den 3,5 Jahren unter David Sasse verändert, was sie auch zwangsweise musste, da die Ansprüche gewachsen sind. Da hilft es, dass der Trainer fußballverrückt ist und „von der Kreisliga C bis in die Regionalliga“ Spieler kennt. Sein Netzwerk hilft ihm ebenso, auf interessante Spieler aufmerksam zu werden, wie sein Bruder, der hin und wieder als Scout fungiert.
Wirklich danebengegriffen hat der 39-Jährige bei Spielern selten – und auch das Verhältnis zu fast allen Ex-Spielern ist gut. Stattdessen bleibt er einem weiteren Credo treu: Er holt junge, vielversprechende Fußballer dazu. Das fällt besonders dieses Jahr auf: Torwart Justus Kriese (19) und Kevin Kochems (20, beide Erftstadt-Lechenich), Nazar Mykhaylenko (19, Bonner SC), Tobias Rick und Aaron Mertens (beide 19, JSG Erft), Frederik Brück-Thies (19, Alemannia Aachen) – da sind die von Kurdistan Düren verpflichteten Luca Flatten und Yannick Frings mit 23 Jahren schon alt.
Nicht alle im Vorstand waren für Sasses Wechsel in die Erste
Rückblick auf den Herbst 2022: Kritik am neuen Cheftrainer Thorsten Lewin, der zuvor Co-Trainer von Christian Müller und Jörg Schulz gewesen war, kommt auf. Der Name David Sasse fällt wiederholt. Bereits im November sei er gefragt worden, habe sich aber für den Verbleib von Lewin ausgesprochen. Das Projekt zweite Mannschaft wollte Sasse nicht so einfach aufgeben.
„Kurz vor der Weihnachtsfeier habe ich dann zugesagt, die Erste liegt mir am Herzen“, sagt Sasse. Den Vorschlag habe Co-Trainer Frank Müller gemacht, Torben Bulig und Joseph Griesehop unterstützten ihn. Andere im Vorstand sahen das Projekt „Zweite Mannschaft“ gefährdet und haderten mit der Idee. Müller überzeugte Sasse schließlich beim Kaffeetrinken bei sich zu Hause in Enzen.
Dass dreieinhalb Jahre später der Aufstieg in die Mittelrheinliga geklappt hat, ist etwas Besonderes. Vor der Saison habe er nicht geglaubt, dass das klappen könnte. Aber dann kamen die Siege. „Und ich habe gespürt, dass hier etwas Besonderes möglich ist.“ In der Winterpause habe man sieben Punkte Rückstand gehabt. Vereine, die hinter Zülpich standen, kokettierten mit dem Aufstiegswunsch. „Da habe ich mich gefragt, warum wir nicht auch darüber nachdenken“, sagt Sasse. Selbstbewusstsein hatte seine Mannschaft genug. Und auch ein wenig Transferglück. Als sich Kapitän Georg Salmon in der Winterpause verletzte, sprang vor allen Dingen Neuzugang Gustavo von Aschwege in die Bresche und funktionierte sofort.
Standardtraining ist unbeliebt, macht sich aber bezahlt
Auch in der Mittelrheinliga soll der TuS Zülpich Sasses Lieblingsgefühl erleben: den Torjubel. Der Offensivfußball soll bleiben, auch ohne Ball will man dominant agieren. Wichtig ist: „Wir können auch leiden“, so der Trainer. Damit ist auch das Training gemeint. Das Einstudieren von Standardsituationen gehört nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen von Kickern.
Und auch seine Spieler murren beim Training von Ecken, Einwürfen, Freistößen oder sogar dem Anstoß. Doch es zahlt sich aus. Gut ein Drittel aller Treffer der Aufstiegssaison fielen nach Standardsituationen. Die Zahl hat sich im Vergleich zur Vorsaison verdoppelt. Die Gegentore nach ruhendem Ball haben sich hingegen halbiert. Das liegt auch an Torwart Jan Beyers, der der Mannschaft die nötige Stabilität in der Defensive verleiht.
Am letzten Augustwochenende beginnt das Abenteuer Mittelrheinliga. Bereits eine Woche vorher tritt der TuS in der ersten Runde des FVM-Pokals bei der TuS Mechernich an. Schade findet er hingegen die Regeländerung, dass Mittelrheinligisten nicht mehr am Kreispokal teilnehmen dürfen. „Von der Kreisbühne sind wir damit weg“, bilanziert er. Dabei seien Spiele wie in der vergangenen Spielzeit in Firmenich, Nöthen und Billig echte Erlebnisse gewesen – besonders für einen Fußballromantiker wie David Sasse.
