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Betroffene werden gesuchtMissbrauchsfälle in Urft und Steinfeld werden aufgearbeitet

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Das Foto zeigt die zahlreichen Gebäude des Hermann-Josef-Hauses in Kall-Urft.

Aus der Vergangenheit des Hermann-Josef-Hauses in Urft sind bislang 13 Betroffene von Sexual- und Gewaltdelikten ermittelt.

Die Salvatorianer und die Armen-Brüder des heiligen Franziskus lassen den Missbrauch in ihren Einrichtungen aufarbeiten. Opfer sollen sich melden.

„Wir suchen, so gut es geht, nach der Wahrheit“, erklärte Pater Friedrich Emde SDS, Provinzial der Salvatorianer in der Deutschen Provinz. Damit bezog er sich auf die Aufarbeitung von Sexualdelikten und Gewalttaten im Verantwortungsbereich der Salvatorianer und der Armen-Brüder des heiligen Franziskus, die aktuell vorrangig in Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg geschieht. Nach ersten Erkenntnissen steht nun fest, dass es auch im Hermann-Josef-Haus in Urft und im Hermann-Josef-Kolleg in Steinfeld in früheren Jahrzehnten Übergriffe gegeben hat.

Zu dem Ergebnis kommt ein Team von Wissenschaftlerinnen und psychologischen Psychotherapeutinnen der Universität Kassel, die sich seit 2025 im Auftrag der beiden katholischen Orden um die wissenschaftliche Aufarbeitung von Sexual- und Gewaltdelikten in deren Einrichtungen kümmern. Das Team stellte jetzt erste Ergebnisse vor und ruft zudem weitere Betroffene, Angehörige und Zeitzeugen auf, ihre Erinnerungen und Eindrücke zu schildern.

Aktenmaterial allein kann kein vollständiges Bild vermitteln

Begleitet wird der Prozess durch Mitglieder des Ausschusses für unabhängige Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bereich von Ordensgemeinschaften. In der Aufarbeitung soll die Perspektive der Betroffenen von Sexual- und Gewaltdelikten eine wichtige Rolle spielen. In einer ersten Phase wurden Fakten zusammengestellt, Meldungen von Betroffenen und Personalakten ausgewertet und Interviews mit verschiedensten Personen geführt. Dabei wurde festgestellt, dass es in der Region neben den Einrichtungen in Steinfeld und Urft auch im Johannes-Höver-Haus in Aachen zu entsprechenden Taten gekommen ist (siehe Kasten).

Das Foto zeigt zwei Gebäude des Gymnasiums Hermann-Josef-Kolleg in Kall-Steinfeld.

Das Hermann-Josef-Kolleg in Steinfeld befindet sich bis heute in Trägerschaft der Salvatorianer.

Die ersten Ergebnisse stellten Pater Friedrich Emde SDS, Provinzial der Salvatorianer, Bruder Lukas Jünemann cfp von den Armen-Brüdern, Prof. Dr. Julia Sauter von der Universität Kassel sowie Dr. Andrea Schleu und Maria Hanisch vom Ausschuss am Montag vor. „Wir möchten uns dem tatsächlichen Ausmaß des Geschehenen annähern“, betonte Sauter. Es gehe insbesondere um die Fragen, was geschehen sei, wie es dazu kommen und warum der Missbrauch über so lange Zeit unentdeckt oder unausgesprochen bleiben konnte? „Untersucht worden ist der Zeitraum von 1945 bis heute. Der Peak liegt in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren“, so Sauter.

Die Auswertung von Aktenmaterial allein könne aber kein vollständiges Bild vermitteln. Um weiteren Fragen nachzugehen, sei man auf die Erfahrungen, Erinnerungen und Perspektiven von Betroffenen, Angehörigen und Zeitzeugen angewiesen. „Uns ist bewusst, dass das Sprechen über erlebten, beobachteten oder gehörten Missbrauch schwerfallen kann. Deshalb besteht unser Forschungsteam aus therapeutisch geschultem Personal und ist bundesweit mit geeigneten Unterstützungs- und Beratungsstellen vernetzt“, sagte Sauter. „Reden befreit auch“, hob Hanisch hervor, die selbst Betroffene ist.

Alles, was jetzt an Aufarbeitung geschieht, wird das nicht wiedergutmachen können.
Pater Friedrich Emde von den Salvatorianern

Dass es ein Dunkelfeld gibt, ist für die Wissenschaftler erwartbar und schon aus den folgenden Zahlen ablesbar: Bislang sind in Einrichtungen der Franziskaner deutschlandweit 55 Betroffene bekanntgeworden. Durch ihre Berichte wurden 24 Ordensleute sicher als Beschuldigte identifiziert. In 22 Fällen wurden Ordensmitglieder als Beschuldigte benannt, ohne dass eine Person mit ausreichender Sicherheit identifiziert werden konnte. Überschneidungen mit bereits identifizierten Personen zum Beispiel aufgrund einer ähnlichen Vorgehensweise seien aber wahrscheinlich.

Nach Angaben der Forscher sind bislang 53 Betroffenen, die bei den Salvatorianern einen Antrag auf Anerkennung des Leids gestellt haben, Leistungen ausgezahlt worden. Insgesamt handele es sich um einen Betrag von rund 865.000 Euro. Teilweise seien die Zahlungen gemeinsam mit anderen Erzbistümern oder Ordensgemeinschaften entrichtet worden.

Salvatorianer waren Seelsorger für Ordensschwestern und Kinder in Urft

In den Gebäuden in Urft, die 1917 für ein Waisenhaus errichtet wurden, ist heute eine Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung des „Katholischen Erziehungsvereins für die Rheinprovinz“, ein Träger der freien Jugendhilfe, untergebracht. Die Salvatorianer waren zwar nie selbst Träger der Einrichtung, kümmerten sich aber als Seelsorger um die Ordensschwestern und die Kinder.

Das Kasseler Team hat für die Jahre 1957 bis 1987 in Urft 13 Betroffene ermittelt. 17 Beschuldigte sind namentlich bekannt, bei weiteren zehn ist eine Zuordnung zu einem Namen nicht möglich. In elf Fällen werden Salvatorianer beschuldigt, nicht für alle Taten sind Namen zugeordnet.

In Steinfeld hatte 1923 die königlich preußische Erziehungsanstalt aus finanziellen Gründen schließen müssen. Die Salvatorianer pachteten die Räume und bildeten dort ab 1924 Ordensnachwuchs aus. Später wurde eine Schule eingerichtet, die 1957 die Genehmigung zum Aufbau einer gymnasialen Oberstufe erhielt. Ein Internat kam später hinzu. In dem Hermann-Josef-Kolleg waren viele Salvatorianer als Lehrer, Erzieher und als Seelsorger tätig. Für den Zeitraum zwischen 1969 und 1983 wurden   vier Betroffene ermittelt. Zwei Beschuldigte sind bekannt, einer nicht. Bei allen   handelt es sich um Salvatorianer.

Körperlicher, psychischer und sexueller Missbrauch im Fokus

Den Beschuldigten werden körperlicher, psychischer und sexueller Missbrauch zur Last gelegt, teilweise in Kombination. Deshalb gibt es viel mehr Delikte als Beschuldigte.

„Mir ist in den vergangenen Jahren bewusst geworden, dass vielen Menschen durch das Handeln von Mitbrüdern meiner Gemeinschaft großes Leid angetan wurde. Und ich weiß: Alles, was jetzt an Aufarbeitung geschieht, wird das nicht wiedergutmachen können“, sagte Pater Friedrich Emde. Das Unrecht sei auf zweifache Weise geschehen: „Zum einen durch die schrecklichen Übergriffe. Und zum anderen durch einen falschen Umgang mit den Betroffenen und ihrem Erlebten.“ Wichtig sei die Studie aber auch, weil sie Wege aufzeigen werde, wie der Orden Verantwortung übernehmen könne und Strukturen verändert werden müssten. Bei den Workshops mit Mitbrüdern habe ihn erstaunt und erschreckt, wie langlebig manche Strukturen seien, von denen er gedacht habe, dass sie längst überwunden seien.

„Mir persönlich lag als Generalminister von Beginn meiner Amtszeit und darüber hinaus daran, den Betroffenen zu vermitteln, dass ihr Leid gesehen und sehr ernstgenommen wird“, so Bruder Lukas Jünemann. Dabei sei ihm bewusst, dass Gerechtigkeit und Wiedergutmachung nicht möglich seien. Trotzdem wolle er aber Schritte in diese Richtung gehen – und dazu gehöre auch die Zahlung von Geld.

Nur noch wenige Arme-Brüder des heiligen Franziskus in Europa

„Diese Studie ist mir persönlich insbesondere angesichts des ,nahen Aussterbens’ der Ordensgemeinschaft der Armen-Brüder des heiligen Franziskus in Europa ein großes Anliegen“, betonte Jünemann. In Deutschland gebe es noch drei Brüder im Alter von 93, 82 und 76 Jahren, in Belgien einen   im Alter von 87 Jahren. Mit Blick auf die etwas größere Anzahl an Mitbrüdern in Brasilien sei die Studie aber wichtig, weil die Skandale zum „gemeinsamen unheilvollen Erbe“ gehörten und weil sie der Sensibilisierung und der Prävention dienten.

„Heute tritt das Aufarbeitungsprojekt der Salvatorianer und der Armen-Brüder des heiligen Franziskus in eine neue Phase. Wir als Delegation des Ausschusses begleiten das Vorhaben in allen Etappen“, so Andrea Schleu: „Wir freuen uns über den ernsten Willen der Gemeinschaften, ihre Geschichte aufzuarbeiten, um für Gegenwart und Zukunft zu lernen und Verantwortung zu übernehmen.“

Nach den Erfahrungen in den vergangenen vier Jahren in der Begleitung von Aufarbeitungsprozessen durch den Ausschuss gehe es nicht nur darum, das Missbrauchsgeschehen möglichst exakt wissenschaftlich zu untersuchen und schriftlich niederzulegen. Vielmehr es gehe darum, die gewonnenen Erkenntnisse zu einem lebendigen Wissen für alle Beteiligten zu machen, das helfe, Veränderungen zu ermöglichen.

Weitere Betroffene, Angehörige und Zeitzeugen werden gesucht. Sie können sich per E-Mail an prago@uni-kassel.de melden. Auf der Internetseite gibt es zudem unter anderem einen anonymen Fragebogen und die Möglichkeit, in einem Beirat mitzuwirken.


Das Johannes-Höver-Haus war 1865 von den Armen-Brüdern vom heiligen Franziskus in der Rütscher Straße in Aachen als Kloster gegründet worden. Die Einrichtung ist nach Johannes Philipp Höver benannt, Stifter des Ordens, der 1864 in Aachen gestorben ist. Das Haus war anschließend ein Kinder- und Lehrlingsheim mit angeschlossener Wohlfahrtsschule. Heute ist es ein Studentenwohnheim.

Zu möglichen Missbrauchsfällen in diesen Einrichtungen ist die Aktenauswertung aktuell noch nicht abgeschlossen. Aussagen über Betroffene und Beschuldigte möchte das Aufarbeitungsteam daher zurzeit nicht treffen. Das soll   im Abschlussbericht nachgeholt werden.

Die Ordensgemeinschaft teilt zum jetzigen Zeitpunkt nach den ihr vorliegenden Angaben mit: „Elf Brüder wurden beschuldigt. Der erste Fall wurde im Oktober 2013 an das Bistum Aachen gemeldet. Die bislang letzte Auszahlung erfolgte im Mai 2026.“