Gott sei immer auch eine Erfindung von Menschen, sagt der Freiburger Theologe Magnus Striet. Bei „frank&frei“ diskutiert er in Köln über die Rolle von Religion im säkularen Staat.
Gespräch bei „frank&frei“Politik machen mit Gott?

US-Präsident Donald Trump hält vor einer Kirche in Washington eine Bibel hoch (Archivbild)
Copyright: dpa
Herr Professor Striet, darf man mit Gott Politik machen?
Magnus Striet: Es kommt darauf an, mit welchem Gott. Wenn man die liberale Demokratie verteidigen will, muss Gott so gestrickt sein, dass er die Freiheitssehnsucht des Menschen bedient und akzeptiert. Sonst nicht.
Also „strickt“ man sich Gott je nach eigenem Gusto? Ist Gott nicht nur dann Gott, wenn er es ohne Strickmuster ist?
Ja, aber wenn wir über Gott reden wollen, dann müssen wir uns einen Begriff von ihm machen. Ohne Begriffe können wir uns nicht miteinander verständigen, und das gilt auch für Gott. Insofern ist Gott immer auch eine Erfindung von Menschen. Das kann man schon für die biblischen Zeiten feststellen. Wenn hier von Gott erzählt wird, so spiegeln sich darin Erfahrungen, die Menschen mit ihrem Glauben gemacht haben. Deshalb verändert sich das Gottesbild immer wieder. Und dieser Prozess lässt sich bis heute beobachten.

Prof. Dr. Magnus Striet, katholischer Fundamentaltheologe, Universität Freiburg
Copyright: KNA
Das heißt aber doch: Sie stricken sich einen Gott, der die liberale Demokratie stärkt. Donald Trump und seine ideologischen Einflüsterer stricken sich einen anderen Gott.
Das ist so. Das gebe ich freimütig zu.
Und sollen die Gottesvorstellungen dann einfach so nebeneinander stehen?
Die Konkurrenz ist unausweichlich. Aber es gibt schon klare Kriterien, an denen wir uns orientieren können: Wollen wir ernsthaft an einen Gott glauben, der nationale Interessen bedient? Und der sich dagegen sträubt, dass Menschen ihr Leben selbstbestimmt führen?
Der biblische Gott steht für eine universalistische Ethik.
Trump und die Männer in seinem Umfeld, sein Vizepräsident JD Vance – ein Katholik – zum Beispiel, tun genau das, und sie nutzen dezidiert biblische, christliche Kategorien zur Legitimierung ihrer Politik. Kann man dem nach allem, was Sie über die Konstruktion von Gottesbildern gesagt haben, überhaupt sinnvoll entgegentreten?
Man muss theologisch nicht allzu gebildet sein, um zu erkennen, dass die mit dem Ruf „America first“ als christlich vorgetragenen Kategorien ideologischen Fantasien entspringen. Dagegen hat Papst Leo XIV. ein ganz starkes Zeichen gesetzt, als er ausgerechnet am 250. Gründungstag der USA in der Tradition seines Vorgängers Lampedusa besucht und der unzähligen Menschen gedacht hat, die auf der Flucht über das Mittelmeer ihr Leben gelassen haben. Im Namen des biblischen Gottes muss man klare Kritik an der ausgrenzenden Politik der derzeitigen US-Administration üben. Dieser Gott steht für eine universalistische Ethik: Jeder Mensch, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, hat ein gleiches Ansehen vor Gott.
Genau das, was Trump und seine Ideologen verneinen.
Deshalb ist es Sache der Kirchen und ihrer Theologen, dagegen anzugehen. Dass es auch politische Klugheit auf der Ebene der Realpolitik braucht und es zum Beispiel nicht zu einer Überforderung staatlicher Sozialsysteme kommen darf, steht auf einem anderen Blatt.
Auf der doktrinären Ebene ist die römisch-katholische Kirche ein Hemmnis für die liberale, säkulare, plurale Gesellschaft.
Aber warum sollte ein universalistisches Gottesverständnis Vorrang haben vor dem exklusiven Begriff von Erwählung, etwa im Sinne eines „America first“, aus dem dann eine entsprechende Politik folgt?
Ich würde hier den Spieß umdrehen und nicht in erster Linie auf Religion abstellen, auf Glauben oder Kirche. Noch vor der Frage nach Gott steht die Frage: Wie wollen wir leben? Welche Sehnsucht haben wir und trauen wir uns zu? Erst danach reden wir über Gott und Religion und Theologie. Deshalb lautet die fundamentalere Frage: Wollen wir eigentlich in einer liberalen Demokratie leben, ja oder nein? Dafür ist es entscheidend, ob man die Gleichheit aller Menschen als vorreligiöse Einsicht der westlichen Moderne akzeptiert. Unser Denken muss sozusagen durch das Nadelöhr der Aufklärung mit der fundamentalen Einsicht Immanuel Kants, dass jedem Menschen eine unbedingte Würde nur deshalb zukommt, weil er ein Mensch ist. Das reicht erst einmal völlig aus. Und erst dann stellt sich die Frage, ob auch eine verfasste Religion – hier in Gestalt der Kirchen – bereit und in der Lage ist, das zu akzeptieren.
Was denken Sie? Die katholische Kirche tut sich schwer mit der Verwirklichung der liberalen Demokratie – in den eigenen Reihen auf jeden Fall.
Das Problem ist, dass die römisch-katholische Kirche nach wie vor auf der lehramtlichen Ebene meint, die Religion als eine ethisch-normative Macht dem Staat vorordnen zu müssen. Auf der doktrinären Ebene ist die Kirche ein Hemmnis für die liberale, säkulare, plurale Gesellschaft. Gleichzeitig gibt es praktisch, auf der Ebene des gelebten Christentums, unendlich viele Gruppierungen, die genau die Ideen der liberalen Demokratie stützen und fördern.
Wozu ist auch der von Ihnen „gestrickte“ Gott in einem säkular verfassten Staat, einer säkularen Gesellschaft noch zu gebrauchen?
Ganz sicher nicht dafür, wie man praktische Probleme löst – also etwa in Fragen der Ökonomie, der Rechtsprechung und so weiter. Hingegen bleibt Gott nach meinem Verständnis die zentrale Größe in der Frage: Wie gelingt unsere Existenz? Gibt es eine Entlastung vom Optimierungsdruck der Gesellschaft und ihrem Anspruch, dass wir ständig mehr leisten müssen? Und dann noch einmal verstärkt an einem offenen Grab, in das gerade ein geliebter Mensch, ein Freund, eine Freundin hineingesenkt wird. Das ist der Ort, an dem die Gottesfrage ihr entscheidendes Gewicht bekommt.
Magnus Striet ist Professor für Fundamentaltheologie und Philosophische Anthropologie an der Universität Freiburg. Seit 2021 ist er Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.
Diskussion bei „frank&frei“
Was bleibt vom Westen? In der letzten Ausgabe von „frank & frei“ vor der Sommerpause diskutieren Magnus Striet und der Berliner Dogmatiker Georg Essen sowie die Siegburger Bundestagsabgeordnete Elisabeth Winkelmeier-Becker (CDU) eingeladen – unter anderem zur Frage, inwiefern die „Verantwortung vor Gott“ für sie als Politikerin noch Maßstab ihres Handelns ist.
Der Abend ist die Buchpremiere von Essens und Striets Gesprächsband „Was vom Westen bleibt. Theologische Argumente im Streit um Religion in säkularer Gesellschaft“ (mit Stefan Orth), Verlag Herder, 112 Seiten, 19 Euro.
Donnerstag, 16. Juli, um 19 Uhr in der Karl-Rahner-Akademie, Jabachstraße 4-8, 50676 Köln.
Tickets zu 14 Euro (ermäßigt 7 Euro, mit KStA-Abocard 10,50 Euro) per Telefon unter 0221/801078-0 oder hier online.
