Die Einrichtungen und Dienste der Kinder- und Jugendhilfe und die Caritas im Bistum Aachen kritisieren den von der Bundesregierung verabschiedeten Entwurf des Kinder- und Jugendhilfestrukturreformgesetzes. Kinder, Jugendliche und Familien in belasteten Situationen seien die Leidtragenden, heißt es in einer Mitteilung der Caritas.
Abkehr vom Prinzip der Bedarfsorientierung
Nach Einschätzung der Träger droht eine grundlegende Abkehr vom bewährten Prinzip, Hilfen am individuellen Bedarf von Kindern, Jugendlichen und Familien auszurichten. Stattdessen könnten künftig stärker die vor Ort verfügbaren Angebote entscheidend dafür sein, welche Unterstützung gewährt werde.
Reform grundsätzlich nötig, Antworten unzureichend
„Dass die Kinder- und Jugendhilfe reformiert werden muss, ist unstrittig. Der steigende Unterstützungsbedarf, fehlende Plätze und der Fachkräftemangel stellen das System vor große Herausforderungen“, sagt Stephan Jentgens, Diözesancaritasdirektor im Bistum Aachen: „Die nun vorgeschlagenen Änderungen geben aber keine ausreichenden Antworten auf diese zentralen Frage.“ Der Gesetzentwurf setzt laut Caritas stark auf sogenannte infrastrukturelle Leistungen. Das sind Hilfen, die allen Kindern und Jugendlichen vor Ort schnell und unbürokratisch zur Verfügung stehen, etwa Unterstützungsangebote in Kitas und Schulen.
Individuelle Hilfe in Gefahr?
„Auf der Strecke bleiben werden Kinder und Jugendliche, denen weiter entfernte, passgenaue Hilfen versagt bleiben, weil vor Ort verfügbare Hilfen Vorrang vor individuell erforderlicher Unterstützung erhalten“, befürchtet Jentgens.
Auch Theresia Heimes sieht die geplanten Regelungen kritisch: „Hilfen müssen zur Lebenssituation der jungen Menschen und ihrer Familien passen. Gerade in Krisensituationen oder bei stark belasteten Familien reichen die vor Ort verfügbaren Angebote häufig nicht aus“, sagt die Geschäftsführerin der Diözesanarbeitsgemeinschaft der katholischen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe im Bistum Aachen (DiAG AGkE).
Sorgen in der Beratungsstelle in Monschau
Zu den möglichen Auswirkungen der Reform äußert sich auch Michael Leblanc, Leiter der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Monschau in Trägerschaft des Vereins zur Förderung der Caritasarbeit im Bistum Aachen. Dort suchen jährlich rund 450 Kinder, Jugendliche und Eltern Unterstützung. Die Einrichtung bietet ambulante Beratung, stärkt Familien in schwierigen Lebenslagen, vermittelt weiterführende Hilfen und trägt dazu bei, Konflikte frühzeitig zu entschärfen.
Befürchtung: Hilfe käme deutlich später
Wenn künftig vor allem die vor Ort verfügbaren Hilfen, wie Beratungsstellen, berücksichtigt werden sollen, rechnet Leblanc mit mehr Anfragen von Familien, die eigentlich intensivere Unterstützungsangebote benötigen, die Beratungsstellen nicht leisten können. „Wir müssten diese Fälle dann an andere Stellen verweisen. Da gleichzeitig nicht mit einem Ausbau der Kapazitäten zu rechnen ist, würden Kinder, Jugendliche und Familien die notwendige Hilfe deutlich später erhalten“, sagt Leblanc. „Problemlagen würden sich verschärfen, und die vorhandenen Angebote würden zunehmend an ihre Grenzen stoßen.“ (thw)

