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Cannabis-AnbauDie ersten Pflänzchen des Euskirchener Vereins landeten bei der Polizei

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Im Anbauraum des Cannabis Euskirchen Social Club (CANNEU) wachsen zahlreiche Cannabispflanzen. An der Decke hängen Tageslichtlampen.

In einem Kellerraum in Euskirchen darf der Verein Cannabis Euskirchen Social Club (Canneu) Cannabispflanzen für seine Mitglieder anbauen.

Der Euskirchener Hanf-Anbauverein „Canneu“ hat mit dem genehmigten Anbau von Cannabis begonnen. Die Ernte soll Ende April starten.

Durch die Straßen der Kreisstadt weht ein laues Frühlingslüftchen: 16 Grad, die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel, die ersten grünen Blättchen sprießen an Bäumen und Sträuchern. In der Gartenabteilung eines Bau- und Heimwerkermarktes am Eifelring ist viel los. Auch Marco Friedhoff ist unter den Kunden, er sucht nach einem neuen Häcksler.

„Als der Verkäufer mich gefragt hat, was ich damit häckseln will, bin ich kurz zusammengezuckt“, berichtet Friedhoff später. „Ganz automatisch habe ich gedacht: ‚Was sage ich dem denn jetzt?‘ Aber dann ist mir eingefallen, dass ich ja ganz offen darüber sprechen darf“, erzählt der Euskirchener mit dem ansteckenden Lachen. Denn Friedhoff braucht das Gerät, um Blätter und Stängel von Cannabispflanzen zu schreddern.

Euskirchener Verein darf Cannabispflanzen für seine Mitglieder anbauen

Seit vor rund zwei Jahren das neue Konsumcannabisgesetz in Kraft getreten ist, darf jeder bis zu drei Cannabispflanzen für den eigenen Bedarf auf der heimischen Fensterbank oder in seinem Garten heranziehen. Bei Friedhoff ist die Zahl der Pflanzen ungleich größer: Knapp 400 Stück sind es, die in einem streng gesicherten Kellerraum eines alten Gewerbegebäudes in Euskirchen wachsen und gedeihen.

Die Pflänzchen stehen dort in Reih und Glied, jede in einem eigenen Anzuchttopf, und wachsen bei muckeligen 25 Grad Raumtemperatur und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit den künstlichen Sonnen entgegen. Die Speziallampen an der Decke des Kellerraums ahmen das natürliche Sonnenlicht nach und versorgen die Pflanzen mit dem Lichtspektrum und der Lichtintensität, die sie zum Gedeihen benötigen – ein Anblick, wie man ihn sonst nur von Polizeifotos kennt, wenn die Ermittler irgendwo wieder eine illegale Indoor-Hanfplantage ausgehoben haben.

Nahaufnahme einer Cannabispflanze in der Indoor-Plantage eines Anbauvereins in Euskirchen

Die ersten Cannabis-Pflanzen im Anbauraum des Euskirchener Vereins kommen gerade in die Blühphase.

Doch Friedhoff tut nichts Ungesetzliches, denn er ist einer der Gründer des Cannabis Euskirchen Social Club (Canneu), der inzwischen über eine behördliche Anbaugenehmigung verfügt. Der Verein ist dazu berechtigt, gemeinschaftlich Cannabispflanzen anzubauen und an die volljährigen Mitglieder monatlich bis zu 50 Gramm der Droge abzugeben.

Von der Genehmigung bis zum Anbaustart verging ein Jahr

„Die Antragstellung bei der Kölner Bezirksregierung verlief relativ unkompliziert“, berichtet Friedhoff im Gespräch mit der Redaktion: „Nachdem dies ab Mitte 2024 gesetzlich ermöglicht wurde, haben wir mit einigen Interessierten unseren Verein gegründet und dann Anfang 2025 die Anbaugenehmigung beantragt“, so Friedhoff.

Seit dem 10. März 2025 liegt diese Genehmigung für den derzeit einzigen Anbauverein im Kreis Euskirchen bereits vor. „Dass wir erst jetzt mit dem Anbau begonnen haben, lag daran, dass wir erst noch eine Nutzungsänderung für den Anbauraum bei der Stadt Euskirchen beantragen und diverse Vorgaben der Arbeitsstättenverordnung erfüllen mussten“, so der Vereinschef.

Vereinsgründer Marco Friedhoff zeigt die App, über die die Mitgliederverwaltung des Vereins abgewickelt wird.

Über die Vereins-App erledigt der Vorsitzende Marco Friedhoff die gesamte Mitgliederverwaltung.

Diese rund einjährige Durststrecke zu überwinden, sei keine leichte Aufgabe für den jungen Verein gewesen. „Wir hatten zwar schon knapp 300 Anfragen von Leuten, die dem Verein beitreten wollten, waren zunächst aber nur eine Handvoll Mitglieder, die bei den anfallenden Arbeiten anpacken konnten“, so Friedhoff: „Um die Leute bei der Stange zu halten, haben wir regelmäßig Newsletter an die Interessenten verschickt. Uns war klar, dass die meisten nur bereit sind, in den Verein einzutreten und Mitgliedsbeiträge zu zahlen, wenn sie dafür auch eine Gegenleistung bekommen.“

Banken lehnten Vereinskonto ab, Polizei kassierte erste Stecklinge ein

Bevor mit dem Anbau begonnen werden konnte, mussten auch noch Auflagen des Brandschutzes erfüllt werden, etwa der Einbau einer neuen Fluchttür. „Die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern der Euskirchener Stadtverwaltung lief tadellos“, lobt Friedhoff: „Die haben uns alle sehr freundlich unterstützt.“ Ein Bankkonto für den Verein zu eröffnen, sei da schon schwieriger gewesen: „Volksbank und Kreissparkasse haben abgewunken, die hatten wohl ein Problem mit unserem Vereinszweck“, vermutet der Canneu-Vorsitzende: „Die Commerzbank hat uns schließlich genommen.“

Wir wollen hier ein Feinschmecker- Produkt erzeugen, keinen Aldi-Korn.
Marco Friedhoff, Vorsitzender des Cannabis-Vereins „Canneu“

Schief gegangen wäre beinahe die Anlieferung der ersten Cannabis-Stecklinge. „Die haben wir, ebenso wie das technische Equipment, über einen Anbauberater aus der Schweiz bezogen. Als die Kartons angeliefert wurden, war ich jedoch nicht vor Ort“, erzählt der Euskirchener, der nach der Flutkatastrophe eine Sanierungsfirma gegründet hat. Es kam, wie es kommen musste: „Ein Nachbar, der nichts von unseren Vereinsräumen wusste, hat eines der Pakete geöffnet und beim Anblick der kleinen Pflänzchen sofort die Euskirchener Polizei verständigt“, so Friedhoff: „Ich musste die Ware dann auf der Wache abholen, wobei ich wortreich erklären musste, was ich mit den Pflanzen vorhabe.“

Trotz Automatisierung bleibt noch viel Handarbeit für die Hobby-Gärtner

Zurück in dem Anbauraum, den man übrigens nicht in Straßenkleidung betreten darf: Um die empfindlichen Pflanzen zum Beispiel vor der Einschleppung von Pilzen zu schützen, ist der Zutritt nur mit Schutzoverall, Maske und Haarnetz erlaubt. Die Versorgung der Pflanzen läuft weitestgehend automatisiert ab: Die Lichtzufuhr ist über eine Zeitschaltuhr geregelt, die den Pflanzen einen Tag-Nacht-Rhythmus vorspielt. Die Bewässerung erfolgt über einen Dripper, wobei der Flüssigkeitsbedarf über Sensoren ermittelt wird. Um das Pflanzenwachstum anzuregen, wird der Raumluft Kohlendioxid beigemischt.

Zu tun gibt es trotzdem reichlich: „Überschüssiges Laub muss von Hand entfernt und anschließend geschreddert werden – ebenso wie die gesamten Pflanzen nach der Ernte“, kommt Friedhoff wieder auf den eingangs erwähnten Häcksler zu sprechen. Das ist notwendig, damit aus den Pflanzenteilen keine neuen Cannabispflanzen gezogen werden können. Die Canneu-Mitglieder haben eine Mitwirkungspflicht, was bedeutet, dass sie bei der Pflege und Ernte aktiv mithelfen sollen.

„Super Boof“, „Candy Fumez“ und „Glitter Bomb“: Bald beginnt die Ernte

„Unser Ziel ist es, zunächst auf eine Zahl von rund 100 Mitgliedern zu kommen: Dann könnten wir kostendeckend arbeiten“, hat der Vereinschef kalkuliert: „Wir verbrauchen hier allein Strom für 2000 bis 2500 Euro pro Monat.“ Mit der ersten Ernte rechnet er im Zeitraum Ende April/Anfang Mai. „Vor der Abgabe an die Mitglieder müssen die Cannabisblüten allerdings erst noch getrocknet und fermentiert werden“, erklärt Friedhoff: „Wir wollen hier ein Feinschmecker-Produkt erzeugen, keinen Aldi-Korn.“

Vier verschiedene Sorten stehen zur Wahl. Sie hören auf szenetypische Namen wie „Super Boof“, „Candy Fumez“ oder „Glitter Bomb“. Später sollen die Mitglieder in die Sortenauswahl mit einbezogen werden, erklärt Friedhoff: „Das läuft alles über die Vereins-App, über die wir auch die komplette Verwaltung, Terminvereinbarung für die Abholung der Ernte und sonstige Kommunikation abwickeln.“

Alles, was der Verein tun darf und muss, ist im Konsumcannabisgesetz geregelt. „Werbung für den Verein dürfen wir zum Beispiel nicht machen“, so Friedhoff: „Das hat bei einigen Anbauvereinen dazu geführt, dass sie schon wieder aufgegeben haben.“ Die größte Konkurrenz seien nach wie vor illegale Dealer sowie Online-Apotheken. Es sei viel zu leicht, an ein Rezept für Medizinal-Hanf zu kommen, beklagt Friedhoff: „Das ist übers Internet möglich, ohne dass ich persönlich mit einem Arzt gesprochen habe. Und der auf diese Weise zweckentfremdete Medizinal-Hanf fehlt dann echten Patienten.“


Teillegalisierung von Cannabis

Das Konsumcannabisgesetz wurde 2024 von der Ampel-Koalition auf den Weg gebracht. Es erlaubt den Besitz von bis zu 25 Gramm Cannabis (in der eigenen Wohnung dürfen bis zu 50 Gramm gelagert werden), den Eigenanbau von bis zu drei Pflanzen und den gemeinschaftlichen Eigenanbau in Anbauvereinigungen.

Der gewerbsmäßige Handel mit Cannabis ist jedoch weiterhin verboten. „Auf dem Schwarzmarkt kann man nie sicher sein, was man erhält“, sagt Canneu-Chef Marco Friedhoff: „Um die Ware schwerer zu machen, werden die Blüten manchmal mit synthetischen Streckmitteln besprüht.“ Im Verein wisse man hingegen genau, wie die Pflanzen angebaut wurden.

Die CDU hat auf ihrem Bundesparteitag im Februar beschlossen, die Teillegalisierung wieder rückgängig zu machen. Friedhoff sieht das gelassen: „Unsere Anbaugenehmigung ist sieben Jahre lang gültig. Da muss es ja auch eine gewisse Rechtssicherheit für die Vereine geben“, so der Euskirchener.