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„Hells Angels“Die Spur des Geldes führt ins Rockermilieu

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Die Polizei führt einen Mann aus dem Umfeld der „Hells Angels“ ab.

Die Polizei führt einen Mann aus dem Umfeld der „Hells Angels“ ab. 

Duisburger Rockerboss wegen Geldwäsche-Verdacht festgenommen. Polizist und städtische Mitarbeiter sollen Infos weitergegeben haben.

In kriminellen Rockerkreisen gilt er als große Nummer: Selahattin A., genannt Selo, firmierte als Chef der „Hells Angels“ in Duisburg. Am frühen Mittwochmorgen stürmten Spezialeinsatzkräfte (SEK) nach Informationen unserer Zeitung seine Wohnung und nahmen den 45-Jährigen fest. Auch zwei weitere Männer aus dessen Umfeld wurden in Polizeigewahrsam genommen. Der Zugriff erfolgte im Rahmen einer bundesweiten Razzia gegen den Rockerclub.

Bei der Operation wurden 140 Objekte durchleuchtet, die Einsatzkräfte vollstreckten 14 Haftbefehle. Dabei mussten die Beamten teilweise erheblichen Widerstand brechen. Ein Verdächtiger wurde leicht verletzt. In Krefeld soll einer der Beschuldigten mit einer Machete versucht haben, den Angriff des SEK-Kommandos abzuwehren. Wie sich später herausstellte, glaubte der Mann, Einbrechern gegenüberzustehen. Die Spezialkräfte brachten die Zielperson zu Boden und fixierten seine Hände.

Zugleich erfolgten Durchsuchungen in den Niederlanden, Belgien und Bulgarien. Laut der federführenden Polizei und Staatsanwaltschaft Duisburg sowie dem Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität NRW wird gegen 71 Beschuldigte ermittelt. Knapp 50 Millionen Euro sollten durch Vermögensabschöpfungsmaßnahmen sichergestellt werden.

Was die Staatsanwaltschaft den Rockern vorwirft

Mutmaßliche Hauptakteure wie Selo A. und dessen rechte Hand Adem K. sollen ein Geldwäschekartell aufgebaut haben. Es geht um die Bildung einer kriminellen Vereinigung, räuberische und gewerbsmäßige Erpressung, banden- und gewerbsmäßigen Betrug und gewerbsmäßige Geldwäsche. Daneben ermitteln die Strafverfolger wegen Waffendelikten, Körperverletzung und Steuerhinterziehung.

Eine Polizeibeamtin mit ihrem Diensthund durchsucht einen PKW eines Mannes aus dem Umfeld der „Hells Angels“.

Eine Polizeibeamtin mit ihrem Diensthund durchsucht einen PKW eines Mannes aus dem Umfeld der „Hells Angels“.

Zudem stehen nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ auch Mitarbeiter der Stadtverwaltung Duisburg unter Verdacht. Die Beschäftigten sollen den Rockerbossen in der Vergangenheit Tipps unter anderem über geplante Durchsuchungsmaßnahmen geliefert haben. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte auf Anfrage, „dass sich im Rahmen der Ermittlungen zureichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür ergeben haben, dass ein Polizeivollzugsbeamter und zwei städtische Mitarbeitende dienstlich erlangte Informationen an Dritte weitergegeben haben“. Gegen einen weiteren städtischen Mitarbeiter bestehe zudem der Verdacht der Bestechlichkeit aufgrund der Annahme von Geldzahlungen für die Gewährung von Vorteilen.

Reul: „Größter Schlag seit Jahren“

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sprach im Nachgang vom „größten Schlag gegen die Organisierte Kriminalität seit mehreren Jahren“.

Landesfinanzminister Marcus Optendrenk (CDU) erklärte: „Die Ermittlungen unserer Steuerfahndung sind oftmals der erste Ansatz, um das Dunkelfeld Organisierte Kriminalität zu erhellen und deren Strukturen zu zerschlagen.“ Das Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität spiele als Teil eines wirksamen Kampfes gegen verbrecherische Parallelwelten eine entscheidende Rolle. „Wir werden diese in Nordrhein-Westfalen nicht dulden und gehen gemeinsam mit Polizei und Justiz gegen sie vor.“ Längst nutzen auch Rockergangs Kanäle der internationalen Wirtschaftskriminalität.

Den bisherigen Ermittlungsergebnissen zufolge bedienen sich Milieugrößen zahlreicher Mittelsmänner, um Betrügereien im großen Stil einzufädeln und kriminelle Einnahmen zu verschleiern. Im Dezember 2024 hatte die Staatsanwaltschaft Duisburg ein Verfahren gegen drei führende Mitglieder der Duisburger „Hells Angels“ wegen der Bildung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung eingeleitet, darunter auch gegen Selo A.. Durch die Nachforschungen rückten zwölf weitere mutmaßliche Komplizen auf die Beschuldigtenliste. Die Ermittler richteten ein großes Überwachungsnetzwerk ein: Telefonüberwachung, Kontoverdichtungen, geheime Informanten, die belastende Aussagen über das Geldwäschekartell offenbarten. Die Spur führte hin zu zahlreichen Schwer- und Finanzverbrechen.

Zeugen enthüllen brutales Vorgehen

So soll das Rocker-Syndikat illegal erwirtschaftete Gelder in Immobilien angelegt haben. Zudem sollen über Scheinfirmen hohe Summen verschoben worden sein und Kredite fingiert, aber nie zurückbezahlt. Zudem enthüllten etliche Zeugen das brutale Vorgehen der Rocker. Dabei drehte sich alles um Macht- und Territorialansprüche der Organisation, die mit Gewalt durchgesetzt worden sein sollen.

Landesinnenminister Reul zeigte sich zufrieden mit dem Ergebnis: „Ich sage es seit Jahren: Wer die Organisierte Kriminalität treffen will, muss ans Geld. Denn Geld ist ihr Antrieb und Geld ihre Achillesferse. Wenn der Staat sich die Beute zurückholt, tut das mehr weh als jede Hausdurchsuchung. Dieser Erfolg ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis von jahrelanger fleißiger Polizeiarbeit, und dafür danke ich allen Beteiligten. Und an alle, die sich angesprochen fühlen: Wir sind noch lange nicht fertig. Wir bleiben dran.“

Für Selo A. ist es das nächste Verfahren. Vor vier Jahren soll sich sein Rockerclub eine Schießerei mit dem kurdisch-libanesischen Saado-Clan auf dem Hamborner Altmarkt geliefert haben. Vier Männer wurden schwer verletzt.

Rockerboss seit Jahren im Visier der Ermittler

Seit Jahren hält die Justiz den Rockerboss im Blick. Bereits 2015 tauchte er in einem Polizeireport auf. Demnach wechselten die Beziehungen zwischen Clans und Selo A. immer mal wieder, mal waren sie positiv, mal negativ. Meist soll es um Drogen gegangen sein. Mitunter soll es den Erkenntnissen zufolge Zoff ums Revier oder den Absatz gegeben haben. In solchen Fällen musste eine Art Friedensrichter die Wogen glätten.

Bei einer Schießerei am Hamborner Altmarkt vor vier Jahren wurde ein Schütze aus dem Umfeld des Rockerchefs ausgemacht. Aufzeichnungen von Kameras am Tatort zeigen, wie der 37-Jährige mit einem dunklen Gegenstand in Richtung des nahegelegenen Kreisverkehrs zielt. Auf dem Überwachungsvideo, das über Mikrofon auch alle Außengeräusche aufzeichnete, waren zugleich Schüsse zu hören.

Zugleich filterten die Ermittler kompromittierende Gesprächsfragmente heraus. Da brüllte der mutmaßliche Schütze, dass sein Gegner am Boden liege. Der habe geschossen, aber nicht getroffen. Als die Polizeisirene in der Ferne ertönte, erhielt der Rocker den Rat, sich doch dringend die Hände zu waschen, um Schmauchspuren zu entfernen. Ein rechtskräftiges Urteil steht noch aus.