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24 Stunden in LeverkusenIn der Stadt gibt es eine lebendige Kneipenszene

6 min
Die Wirtinnen Lotti und Tochter Sandra Schulz haben die „Telegraphen Klause“ im Griff und wissen, was die Gäste brauchen: Beständigkeit.

Die Wirtinnen Lotti und Tochter Sandra Schulz haben die „Telegraphen Klause“ im Griff und wissen, was die Gäste brauchen: Beständigkeit.

Für unsere Serie „24 Stunden in Leverkusen“ hat sich unser Reporter die Leverkusener Kneipenszene angeschaut.

Topos, Wiesdorfer Bierbar, Treff, Notenschlüssel, Telegraphen Klause: In dieser Folge soll es um Kneipen gehen, und zwar vornehmlich im südlichen Leverkusen.

20 Uhr: Als die Alt-Wiesdorfer Kirche Sankt Antonius 20 Uhr schlägt, beginnt die letzte Vier-Stunden-Schicht in der Serie „24 Stunden Leverkusen“ auf den Stühlen des Topos. Wir beginnen unsere Tour also in der Altstadt von Wiesdorf, wo noch die gleichen Glocken läuten, wie zur Zeit, als Wiesdorf wirklich noch ein Dorf war.

Das Topos mit dem Aushilfswirt Boris Orth. Die eigentliche Wirtin, Mutter Ingrid, muss ihren Rücken auskurieren.

Das Topos mit dem Aushilfswirt Boris Orth. Die eigentliche Wirtin, Mutter Ingrid, muss ihren Rücken auskurieren.

Das Topos ist keine Jugendkneipe mehr, war es in den 1970er-Jahren aber einmal, und es gibt viele Gäste, die ihrem Wirt bis heute treu geblieben sind. Grundsätzlich gilt hier: Der Stammgast altert mit seiner Wirtschaft mit. Am Tag unseres Besuchs führt Boris Orth die Geschäfte, weil die Wirtin Ingrid, seine Mutter, es am Rücken hat. „Das Trinkverhalten hat sich verändert“, sagt er. „Heute wird viel ohne Alkohol getrunken und ältere Leute trinken weniger.“ Das wäre früher nicht passiert, sagt ein Gast, der regelmäßig den Weg aus Rheindorf in die Hauptstraße fährt. Er sagt, er komme seit 1980 ins Topos: „Selbst wenn man schon bis unter die Kante stoned war, hat man sich noch zehn Kölsch reingekippt.“

Und heute: Das Topos (aus dem Griechischen für „Platz“, „Ort“ oder „Stelle“) ist nicht barrierefrei. Vier Stufen, natürlich nicht genormte, sind es von draußen zur Toilette. Acht Leute sitzen heute vor der Kneipe, darunter ein Ehepaar, um die 70. Hedi und Heinz-Jürgen Steinkühler haben sich hier mit 16 kennengelernt und kommen immer wieder. Kämen alle Pärchen, die sich hier kennengelernt haben, auf einmal, würden die Sitzplätze sicher nicht reichen.

Bis 2019 war Wolfgang Orth der Wirt. Nach dessen Tod hat seine Frau Ingrid den Laden übernommen. An ihr hängt jetzt die Konzession. Und, sollte sie mal aufhören – das will man hier gar nicht hören. Natürlich kommen auch immer junge Leute, denn im „Topos“ sind seit 1978 geschätzt 6000 Konzerte gelaufen.

Violetta Prymus-Pietrzak betreibt in der Pfarrer-Schmitz-Straße die „Wiesdorfer Bierbar“.

Violetta Prymus-Pietrzak betreibt in der Pfarrer-Schmitz-Straße die „Wiesdorfer Bierbar“.

20.50 Uhr: Wo inzwischen in der City die „Wiesdorfer Bierbar“ ist, war früher die Kneipe „Trend“. Wirtin Violetta Prymus-Pietrzak und ihr Mann David sind mit ihrer Bierbar innerhalb von Leverkusen von der Carl-Leverkus-Straße in die City umgezogen und haben ihre Stammgäste mitgenommen. Die Wirtin versteht’s: Auch neue Gäste werden warm empfangen, und das zeichnet die Atmosphäre in der schlauchartigen, gemütlichen Kneipe neben dem Merzenich mit der langen Theke aus. Bei Hitze sitzen alle Gäste draußen.

Bei ihr gibt es zwei Kölschsorten, ein Pils und ein bayerisches Bier vom Fass. Violetta und ihr Mann planen, eine weitere Leitung zu legen: „Vielleicht ein Weizen vom Fass. Oder ein polnisches.“ Egal wie viele Biersorten: Die Essenz, die den Kosmos „Kneipe“ von Cafés, Restaurants und coolen Bars unterscheidet, ist: Ein Gespräch zwischen Gästen geht einfach von selbst los – gute Wirtinnen und Wirte befördern die Kontaktaufnahme.

Treff an der Christuskirche, Michi bedient die Kunden.

Treff an der Christuskirche, Michi bedient die Kunden.

21.30 Uhr: Nur ein Katzensprung entfernt liegt der „Treff“ am Kreisverkehr an der Christuskirche. Der Wirt Kosta, Wiesdorfer Fußball-Nerd mit griechischen Wurzeln, führt seinen Laden seit acht Jahren. Zuvor hatte er das „Laternchen“ in der Dönhoffstraße, das heute albanisch „Ilirida Club Shiqiptar“ heißt und dessen Fassade seltsam rötlich angestrichen wurde, erklärt seine Angestellte Michi. Wer in Wiesdorf mit anderen Fachleuten gepflegt Fußball gucken und dabei nett bedient werden will, kann in Wiesdorf zum Beispiel zum Kosta gehen – oder ins Früh am Marktplatz.

Wirt Zech vom Notenschlüssel hat früher bei der Stadt Leverkusen gearbeitet

Notenschlüssel: Gerhard Zech und Stefan Lutzmann bedienen hier.  Bild: Ralf Krieger

Notenschlüssel: Vormals hieß die verwinkelte Kneipe „Mausefalle“

22 Uhr: Wieder nur wenige Meter weiter erreichen wir den Notenschlüssel, der an der Friedrich-Ebert-Straße liegt. Die Lage schräg gegenüber der Musikschule veranlasste den vormaligen Inhaber Walter Försterling zu einer Namensänderung: Vormals hieß die verwinkelte Kneipe nämlich „Mausefalle“, sie bekam den weitaus weniger anrüchigen Namen „Notenschlüssel“. Neue Musikschul-Bands durften hier ihre ersten Konzerte spielen. Vermutlich stammen aus der Zeit auch die Musikinstrumente, die in dem „Schuppen“ an der Decke hängen.

Notenschlüssel: Gerhard Zech und Stefan Lutzmann bedienen hier.  Bild: Ralf Krieger

Notenschlüssel, mit Musik bis unters Dach: Der Wirt namens Gerhard Zech und der Angestellte Stefan Lutzmann bedienen hier.

Näheres ist direkt vom Wirt Gerhard Zech (68) und vom Angestellten Stefan Lutzmann zu erfahren. „Wir sind eine Kulturkneipe, es gibt Lesungen, Konzerte, Gästefahrten, Kneipenquiz und Spielenachmittage, dazu irische Biersorten vom Fass und fränkisches Bier und eine unübersehbare Auswahl an Whiskysorten“, sagt der Wirt, der in der Kneipe mit dem Verein Irlandfreunde seine Affinität zur grünen Insel auslebt. Zechs Karriere als Kulturwirt begann spät: Bis zum Ende seiner Dienstzeit war er bei der Stadt Leverkusen angestellt: Er verantwortete den Kartenverkaufsstand im Forum.

Das Schlebuscher Kneipenjuwel „Telegraphen Klause“ leiten zwei Frauen

22.45 Uhr: Der Weg nach Schlebusch in die „Telegraphen Klause“ an der Straßburger Straße ist von Wiesdorf etwas weiter. Der Name erinnert an die preußische Telegraphenstation, die 1954 abgerissen wurde. Ein Besuch des Autors hier war schon lange geplant, weil die Kneipe stadtweit einen guten Ruf genießt. Hier haben alleine fünf Schlebuscher Vereine ihren Stammsitz. Unter anderem die KG Clowns von der Telegraphen Klause. Ein echter Treffpunkt im Viertel. Heute ist in der Kneipe mitten im Wohngebiet um diese Uhrzeit noch ordentlich Betrieb.

Dass es voll ist, liegt sicher auch an den beiden Wirtinnen, Lotti und Tochter Sandra Schulz. Beide haben ihre Kneipe ganz offensichtlich im Griff, das spürt man sofort. Lotti Schulz ist eine lebende Legende hinter dem Tresen: Die gebürtige Köln-Lindenthalerin hat die Kneipe 1970 übernommen und war dann 52 Jahre lang die Chefin, bis ihre Tochter Sandra übernommen hat. Lotti Schulz spricht ein 1a-Kölsch, sie ist Mitglied der Clowns von der Telegraphen Klause und eine Sammlung Fan-Devotionalien des 1. FC Köln auf der einen Hälfte ihres Buffets verrät, dass sie FC-Fan ist.

In der Klause wird Bundesliga-Fußball gezeigt. Lotti Schulz weiß dennoch, in welcher Stadt ihre Kneipe steht: „Wenn der FC und Bayer gleichzeitig spielen, läuft hier Bayer“, sagt sie. Ihr Erfolgsrezept beschreibt sie so: Vereine, Stammtische, ein offenes Ohr: „Manchmal sind wir hier im Beichtstuhl.“ Solides Essen schätzen die Gäste auch.

Telegraphenklause: Die Wirtinnen Lotti und Sandsa Schulz stehen für Beständigkeit. Bild: Ralf Krieger

Telegraphen Klause: Die Wirtinnen Lotti und Sandra Schulz stehen für Beständigkeit.

Sandra, die neue Chefin seit viereinhalb Jahren, verrät noch ein Rezept: Während die Welt drumherum sich schnell ändere, sei es gut, wenn die Kneipe Beständigkeit ausstrahle. Als eine neue Ausschankmöblierung fällig gewesen sei, habe sie die vertraute Theke erhalten.

Mitternacht naht. Für einen Abstecher zum Herkenrath Hof ist es zu spät. Vielleicht demnächst. Auf dem Rückweg liegt noch der Manforter Treff, eine schöne Kaschemme im besten Sinne am Rande der Kolonie III an der Manforter Straße. Auch hier gibt es Altes, das erhaltenswert ist. Etwa eine alte Reklame auf der Hauswand aus der Zeit, als Leverkusen noch eine Brauerei hatte: „Ganser Kölsch – für schlanke Leute“.

Ganser Kölsch für schlanke Leute, Manforter Treff Bild: Ralf Krieger

Ganser Kölsch für schlanke Leute: eine alte Werbung am Manforter Treff.

Ausgerechnet am Schluss unserer 24-Stunden-Reportage wartet eine kleine Enttäuschung: Wirt Omar Reck (61) hat heute um die Zeit schon geschlossen. Dabei hätten wir mit dem erfahrenen Wirt noch gerne gesprochen. Omar hat sein Handwerk in der Kölner Südstadt gelernt. Das war lange, bevor der gebürtige Marokkaner die Manforter Kneipe 2012 übernommen hat.