Leverkusen – An diesem Tag gelten andere Regeln. Zumindest in der Rheindorfer Käthe-Kollwitz-Gesamtschule. Schließlich wird an diesem Tag kurz vor den Sommerferien Anette May als Schulleiterin verabschiedet. Sprich: Wenn die Ferien zu Ende sind Mitte August, dann werden all die Schüler und Lehrer wiederkommen. Annete May aber wird fortbleiben. Das befehlen ihr nicht zuletzt die Verkehrsschilder, die im pädagogischen Zentrum als der Aula der Schule am Bühnenvorhang hängen und all die neuen Regeln aufstellen: Auf einem Ortsausgangsschild ist unten das Wort „Stress“ durchgestrichen, darüber ist „Ruhe“ zu lesen.
Ein Warnschild zeigt eine Figur am Krückstock und verweist auf die „Rente“, die Anette May nun zusteht. Und das Parkplatz-„P“ auf blauem Grund ist einem „Ruhestand“ gewichen. Die Stimmung im Raum schwankt zwischen Wehmut, Dankbarkeit und Freude. Die Musikklasse der 5H singt das Lied vom „Fahrradhelm“ als treuem Begleiter auf dem täglichen Schulweg – und überreicht May am Ende einen solchen Helm mit der Einladung , den in Zukunft doch mal aufzusetzen und der alten Schule ab und an einen Besuch abzustatten. Die Kinder des Literaturkurses der Q1 bauen den Namen der scheidenden Leiterin in Songs wie „Always Look On The Bright Side Of Life“ oder „Mana Mana“ ein und sorgen mit viel Verve für den krachenden Teil dieser Abschiedsfeierstunde. Die Käthe Voices singen ebenfalls, Schüler der Tanz AG wuseln gekonnt über die Bühne. Und OB Uwe Richrath erzählt danach nicht nur von seiner eigenen Schulzeit und dem Abitur, das er 1980 an eben dieser Einrichtung absolvierte. Er ruft May auch zu: „Jetzt sind sie im Ruhestand. Aber es gibt auch noch das Ehrenamt.“ Er lacht dabei und wird bejubelt für diesen Wink mit dem Zaunpfahl an die baldige Rentnerin, sich doch auch zukünftig mit Fachwissen und Engagement einzubringen, wenn es darum geht, jungen Menschen den Weg ins Leben zu zeigen.
Diese jungen Menschen, diese Jugendlichen, sind ja ohnehin alles ihre Kinder. Das sagt May selber – „Meine Kinder“ –, wenn sie vor den Schülern spricht. Knapp unter 1500 besuchen die Käthe-Kollwitz-Schule. Und offenbar hat sie jedes einzelne Mädchen und jeden einzelnen Jungen ins Herz geschlossen. Das hört jeder raus, als sie ihre Rede hält. Oder wenn sie kurz vor der Feier im Kreise von Kollegen und Bekannten diskutiert. Aufgeregt, sagt May dann, sei sie an diesem Tag nicht. Sie habe sich ja lange genug darauf vorbereiten können. Und ihre Abschiedsrede sei schnell geschrieben gewesen, weil sie im Schreiben von Reden ganz gut sei. Angeblich sei sie nur vor ihrem ersten Redebeitrag im Amt ans versammelte Kollegium etwas nervös gewesen sei. Damals, 2010. Danach nie wieder.
Was sicher damit zu tun hat, dass sich Anette May an „ihrer Käthe-Kollwitz“ geborgen, gut aufgehoben und willkommen fühlte. Und das ist etwas, das im Ruhestand bestehen bleibt.
Uwe Richrath,
Oberbürgermeister
