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Jürgen Dreyer verlässt Schlebusch„Pfarrer ist der schönste Beruf der Welt“

Nach 16 Jahren verlässt Pfarrer Jürgen Dreyer Schlebusch. Im Gespräch erzählt er, was er damals vorgefunden hat und warum er jetzt eine funktionierende Gemeinde verlässt.

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Pfarrer Jürgen Dreyer vor seinem Pfarrhaus in Schlebusch, aus dem er in Kürze auszieht

Pfarrer Jürgen Dreyer vor seinem Pfarrhaus in Schlebusch, aus dem er in Kürze auszieht

Herr Dreyer, als Sie vor 16 Jahren nach Schlebusch kamen, was für eine Gemeinde haben Sie da vorgefunden?

Das war total schwierig. Ich kam genau in den Streit hinein, ob die Friedenskirche abgerissen werden sollte oder nicht. Ich hatte vorher auch überlegt, ob ich hier wirklich zusage. Das Erste, was mir hier gefiel, war die Kirche auf dem Blauen Berg und der gegenüberliegende Wuppermannpark. Da habe ich gedacht: Das ist toll. Hier wollte ich arbeiten.

Wie haben Sie den Streit erlebt?

Ich habe diesen Streit ausgehalten und dabei nicht nur Freunde gewonnen. Das war meine erste Erfahrung dieser Art, und sie hat mein Pfarrbild verändert. Früher dachte ich naiv, der Pfarrer sorgt für Harmonie und befriedet alles. Hier habe ich gelernt, dass manche Auseinandersetzung notwendig ist und man manchmal dagegenhalten muss. Daran ist damals ein ganzes Presbyterium zerbrochen.

Wie sieht die Gemeinde heute aus?

Alle lieben die Friedenskirche so, wie sie jetzt ist. Sie ist stark besucht, die meisten freuen sich am Gemeindeleben. Wir haben eine hohe Kontinuität: Mein Kollege Gunnar Plewe und ich haben die ganzen 16 Jahre hier gemeinsam gearbeitet. Die Jugendarbeit war immer gut und ist es noch. Das musikalische Leben ist regelrecht explodiert, seit die Friedenskirche so schön renoviert ist. Die Stimmung ist viel herzlicher geworden. Das empfinde ich alles sehr positiv.

Wie kam es, dass sie als gebürtiger Niedersachse in Schlebusch gelandet sind?

Das war nicht so einfach. Wer in Niedersachsen Abitur macht, gehört landeskirchlich dorthin. Nach meiner Vikariatsstelle in Bad Rutenfelde im Teutoburger Wald bekam ich keine Anschlussstelle, es gab einen Pfarrerüberschuss. Deshalb bin ich nach Köln zu meiner Freundin gezogen, meiner heutigen Frau, die ich beim Theologiestudium in Marburg kennengelernt hatte. Dann habe ich etwa neun Jahre beim WDR gearbeitet, in der Redaktion „Gott und die Welt“. Das war eine total spannende und schöne Zeit. Am Anfang habe ich Videokassetten hin- und hergetragen, später Trailer geschnitten, Moderationen geschrieben und Beiträge gemacht.

Pfarrer Jürgen Dreyer in der Kirche am Blauen Berg, seiner „Herzenskirche“

Pfarrer Jürgen Dreyer in der Kirche am Blauen Berg, seiner „Herzenskirche“

Warum sind Sie damals nicht beim Fernsehen geblieben?

Ich wollte mein Leben lang Pfarrer werden. Die Heirat war dann das Ticket: Meine Frau ist rheinische Pfarrerin, und so konnte ich im Rheinland Pfarrer werden. Nach einer befristeten Stelle in Klettenberg bin ich schließlich nach Schlebusch gekommen.

Heute kennt man Sie hier, weil Sie im Stadtteil sehr präsent und nahbar sind.

Das war nicht immer so. In meinem ersten oder zweiten Winter zum Beispiel fuhr ich zu einem Beerdigungsbesuch, in einer gelben Bauarbeiterjacke. Die war nicht schön, aber praktisch. Ich klingelte, der Mann öffnete, schaute mich von oben bis unten an und sagte: „Ich kann jetzt nicht mit Ihnen reden, der Pfarrer kommt gleich.“ Die Leute mussten sich erst an mich gewöhnen.

Und heute?

Heute geht bei vielen Beerdigungsbesuchen die Tür auf und ich habe das Gefühl, Mitglied der Familie zu sein. Das ist total schön, auch wenn es manchmal sehr fordernd ist, gerade wenn ich den Verstorbenen und ihre Angehörigen lange begleitet habe.

Wie schaffen Sie es, jedem individuell gerecht zu werden?

Damit müssen wir Pfarrer uns unser Leben lang beschäftigen. Ich kann eine theologisch einwandfreie Predigt halten. Das ist alles korrekt, aber es bringt nichts. Ich muss mich immer fragen: Was kann ich sagen, dass es bei dir ankommt, dass es dir hilft? Und wenn ich vor einem Sarg stehe, dann bete ich kurz, aber mein letzter Satz ist: „Für dich“. Also für dich, Verstorbenen, rede ich jetzt, damit du hier leuchtest. Und es geht nicht darum, dass ich irgendetwas Richtiges zur Auferstehung sage, sondern dass du hier wahrgenommen wirst. Und das macht es super schön. Wenn man dieses „Für-Dich“ ernst nimmt, dann kommt auch sehr viel für mich zurück.

Wie kann man junge Menschen heute für Kirche und Glauben begeistern?

Ich frage nicht, wie ich junge Leute in die Kirche bekomme. Ich überlege: Was haben wir an Schätzen in unserem Glauben und Kirchenleben, die jungen Menschen auf ihrem Weg helfen können? Die Frage ist: Wo können wir für Jugendliche da sein? Nur eine Show zu machen, um sein Haus vollzukriegen, bringt nichts, weil es nicht echt ist. Die Menschen merken das.

Was kann die Kirche jungen Menschen mit auf den Weg geben?

Im Religionsunterricht am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium hatten wir letztens das Thema Schulverweigerer. Ein Junge, der es nicht geschafft hat, in die Schule zu gehen. Und mit jedem Tag, den man im Bett liegen bleibt, wird es schwerer, aufzustehen. Wie kriegt man da den Mut, wieder loszugehen? Alle Psalmen, die ganzen 150 Gebete in der Bibel, sind Gebete gegen die Angst. Ich gucke mir das zusammen mit den Jugendlichen an: Gibt es da etwas, was euch hilft? Wie geht ihr mit Angst um? Wie gehen biblische Gestalten damit um?

Sehen Sie Probleme in der Jugend, die zugenommen haben?

Jugendliche, die Probleme mit ihrem Körper haben, Magersucht bei Mädchen zum Beispiel. Da ist mir wichtig zu sagen: Die strenge Sexualnorm und das Prüde, dass man zum Beispiel nicht über Regelblutung und sowas spricht, das ist nicht biblisch. Das hat irgendeine Gesellschaft mal als moralischen Maßstab verkauft und versucht, das biblisch zu begründen. Aber biblisch gibt es eine viel gesündere Haltung zur Körperlichkeit. Das mit Jugendlichen zu entdecken und zu diskutieren – so muss ich denken. Nicht: Wo kriege ich meine Kunden her?

Was muss eine Gemeinde tun, um zukunftsfähig zu bleiben?

Wir haben viele Jahre versucht, auf jeden neuen Trend aufzuspringen. Als das Internet kam, floss unheimlich viel Geld und Zeit in Homepages. Wenn man Lust und Zeit dazu hat, kann man fragen: Wie können Gottesdienste noch poppiger werden, mit großem Materialaufwand? Aber wir dürfen darüber nicht versagen bei den zentralen Dingen: Gottesdienste, Taufen, Beerdigungen, Seelsorge und der Konfirmandenunterricht. Wenn Anrufe kommen, muss man darauf reagieren. Das ist das Wichtigste, darüber sollte man sich nicht in Strukturdebatten verlieren.

Dennoch sind die Sorgen in der Kirche groß: Die Kirchensteuereinnahmen gehen zurück, der Nachwuchs fehlt.

Das stimmt und es drückt sehr auf die interne Stimmung. Ich will mich davon aber nicht beeindrucken lassen. Jemand sagte einmal, die Kirche werde von diesen Entwicklungen hart getroffen. Darauf habe ich geantwortet: Die Kirche gibt es seit 2000 Jahren. Die Kirche sind Millionen von Gläubigen, die ihren Glauben in ganz verschiedenen Zeiten gelebt haben. Wenn wir hier unseren Beamtenstatus verlieren oder unsere Gemeinden umbauen, muss uns das nicht im Mark erschüttern. Das müssen andere Unternehmen auch. Ich mag dieses Weinerliche, Superpessimistische nicht. Es passt auch nicht dazu, den Leuten zu predigen: „Ihr müsst in Hoffnung leben.“

Was müssen wir stattdessen tun?

Wir müssen uns viel mehr auf die Zukunft freuen. Ich muss nicht in jedem zweiten Satz Klimawandel oder AfD sagen und alles schlimm finden. Ich kann darüber klagen, dass wir vielleicht irgendwann keine dicken Benziner mehr fahren können, aber vielleicht können dann dafür wieder Kinder auf den Straßen spielen, weil es weniger Verkehr gibt. Es wird einiges schlimm, und einiges wird besser. Und wir können es gestalten.

Geht es darum auch in ihrem Abschiedsgottesdienst am 1. November?

Ganz genau. Das Thema ist „Reinen Wein einschenken“ und bezieht sich auf die Hochzeit zu Kana, in der Jesus Wasser in Wein verwandelt. Es entbrennt ein Streit darum, warum der gute Wein erst zuletzt ausgeschenkt wird. Für mich steht diese Szene dafür, zu sagen: Jetzt ist die gute Zeit, jetzt kommt der gute Wein. Ich wünsche mir, dass wir das auch so empfinden können. Die Welt verändert sich rasant, aber nur zu denken, es wird weniger und schlechter, ist nicht mein Ansatz.

Was bleibt Ihnen aus den 16 Jahren in Schlebusch?

Ich gehe mit viel Dankbarkeit. Für tolle Menschen, die ich hier getroffen habe, für die Freiheit, die ich hatte. Ich habe gesagt, ich taufe in der Dhünn. Da haben einige mit den Augen gerollt, aber ich durfte es machen. Erntedankgottesdienste im Sensenhammer. Ein Inklusionsverein, den wir in unser Haus aufgenommen haben. In vielen anderen Gemeinden wäre das nicht möglich. Ich gehe nicht, weil ich frustriert bin, im Gegenteil.

Wie meinen Sie das?

Ich finde, Pfarrer zu sein, ist der schönste Beruf der Welt. Durch das Glück, dass ich hier habe, brenne ich für meinen Beruf. Das Zeitfenster ist gerade gut, um noch einmal etwas Neues zu wagen: Die Jungs sind aus dem Haus und wollen auch nicht nach Leverkusen zurück. Ich habe mit meiner Frau immer von einem eigenen Häuschen mit Garten geträumt. In Leverkusen ist das nicht realistisch, im Saarland kostet es nur die Hälfte. Daher war uns irgendwie immer klar, dass wir nach dem Arbeitsleben dorthin gehen. Aber im Ruhestand umzuziehen, ist nicht gut, da lernt man keine Menschen mehr kennen. Und dann kam diese Stellenausschreibung. Meine Frau ist Saarbrückerin. Meine Schwiegereltern und ein paar sehr gute Freunde wohnen da noch. Die prächtige Ludwigskirche, das Wahrzeichen der Stadt. Und es gibt eine sehr inhomogene Gemeinde. Es gibt sehr viel, was brach liegt. Das ist nochmal eine ganz neue Aufgabe.

Gibt es schon eine Nachfolge für Sie?

Bewerber wird es sicher geben, das ist eine sehr attraktive Stelle in einer tollen Gemeinde mit einem gerade einmal fünf Jahre alten, schönen Pfarrhaus. Aber die Ausschreibung muss der Kirchenkreis genehmigen und der schaut auch darauf, dass die wenigen neuen Pfarrer nicht alle in den attraktiven Gegenden landen und Stellen auf dem Land unversorgt bleiben. Vor Sommer 2027 rechne ich nicht mit einer Nachbesetzung.

Machen Sie sich Sorgen um die Gemeinde?

Natürlich wird erstmal ein Loch entstehen. Aber ich habe in Gunnar Plewe einen tollen Kollegen, mit dem ich seit 16 Jahren zusammenarbeite, und das Fundament ist solide. Wir haben einen ganz tollen Vikar, Küsterinnen und Jugendleiter. Für mich ist der Abschied schwer, und für einige aus der Gemeinde auch. Das wird emotional, aber die Gemeinde wird weiter gut laufen, ganz sicher. Das kriegen die hin.


Der Abschiedsgottesdienst beginnt am Sonntag, 1. November, 11 Uhr, in der Friedenskirche, Merziger Straße. Gestaltet wird er von Pfarrer Gunnar Plewe, Superintendent Bernd-Ekkehart Scholten und den Chören der Gemeinde. Danach gibt es einen Imbiss und die Möglichkeit, persönlich Abschied zu nehmen.