Mehr als 21.000 Besucherinnen und Besucher zählte Leverkusen Kultur in der vergangenen Spielzeit.
KulturDas bewegt die neue Spielzeit 26/27 in Leverkusen

Patrick Hellenbrand spielt den Direktor aus dem Musical „Shockheaded Peter“.
Copyright: TImon Brombach
Zwischen Besucherrekord und Aufbruch, Beethoven und Künstlicher Intelligenz, internationalen Tanzcompagnien und Nachwuchsprojekten sucht die städtische Kulturabteilung nach Antworten auf die Frage, wie Kultur Menschen auch in unruhigen Zeiten noch bewegen kann. Mit kurzen musikalischen Einlagen, Schauspielszenen und persönlichen Einblicken der beteiligten haben die Beteiligten am Donnerstagabendabend das Programm für die Spielzeit 2026/2027 vorgestellt.
Immer wieder fiel fällt an diesem Abend das Bild von Türen, die sich in schwierigen gesellschaftlichen Zeiten schließen – und von der Aufgabe der Kultur, neue Türen zu öffnen. Dass das Publikum diesen Weg mitgeht, zeigen die Zahlen. Mehr als 21.000 Besucherinnen und Besucher zählte Leverkusen Kultur in der vergangenen Spielzeit: Rekord zumindest für die städtische Kultur in Leverkusen. Das gibt den Verantwortlichen Rückenwind für eine Saison, die sichtbar stärker auf internationale Gastspiele, zeitgenössische Formate und neue Zielgruppen setzt, aber trotzdem versuchen, das klassische Stammpublikum nicht aus dem Blick zu verlieren.
Das Feuer in Leverkusen weitergeben
„Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“, sagt Kulturchef Arthur Horváth. Statt zwischen Klassik und Moderne zu wählen, versuchen die Programmmacher, beide Pole miteinander ins Gespräch zu bringen.
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„Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“, sagt Kulturchef Arthur Horváth.
Copyright: Timon Brombach
Das zeigt sich schon bei den musikalischen Höhepunkten. Das Verdi-Requiem in „Requiem“ (27. Februar 2027) steht ebenso auf dem Spielplan wie Puccinis „La Bohème“ (21. Januar 2027), die Bayer Philharmoniker widmen sich Beethoven, Mahler und spanischen Klangwelten. Gleichzeitig sucht die Saison immer wieder nach zeitgenössischen Perspektiven auf diese Traditionen. Die kanadische Compagnie „Cas Public“ verbindet am 29. April 2027 Beethovens Neunte mit Fragen von Wahrnehmung und Inklusion. Die Produktion gilt als eines der spannendsten internationalen Gastspiele der Saison und feiert zugleich ihre Deutschlandpremiere.
Tanz ist eines der Herzstücke der Saison
Zeitgenössischer Tanz zieht sich wieder mehr durch das Programm. Mit der „Koresh Dance Company“ und ihrer Produktion „Masquerade“ (11. März 2027) kommt eine renommierte US-Compagnie nach Deutschland. Das französische „Malandain Ballet Biarritz“ widmet sich mit „Les Saisons“ (7. Oktober 2026) Vivaldis berühmtem Jahreszeiten-Zyklus. Hinzu kommen Gastspiele von „Of Curious Nature“ mit „The Happening“ (12. Januar 2027) und der „MM Contemporary Dance Company“ mit „Ballade“ und „Elegia“ (19. November 2026).

Die Bayer Philharmoniker um ihren Dirigenten Jesús Ortega Martínez widmen sich Beethoven, Mahler und spanischen Klangwelten.
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Gerade hier wird das Spielzeitmotto greifbar. Bewegung ist nicht nur Thema, sondern Ausdrucksform. Viele Produktionen verhandeln gesellschaftliche Fragen über Körper, Bilder und Choreografien statt über klassische Erzählstrukturen. Damit setzt Leverkusen Kultur stärker als in den vergangenen Jahren auf internationale und ästhetisch anspruchsvolle Formate, die über den regionalen Rahmen hinaus Aufmerksamkeit verdienen.
Dass die Spielzeit dennoch nicht den Kontakt zur eigenen Stadt verlieren will, zeigen mehrere lokale Bezüge. So kehrt die international tätige Pianistin Nina Gurol für „Ein Spanischer Frühling“ (25. April 2027) nach Leverkusen zurück. Ihre Verpflichtung wirkt dabei wie lokale Folklore.

Birgit Breidenbach singt das Neujharskonzert im Kontra-Alt, der tiefsten weiblichen Stimmlage. Am Flügel begeleitete sie Jan Weigelt.
Copyright: Timon Brombach
Ähnlich interessant ist der Blick auf „I am Mai. Befehl: Ausschalten.“ (31. Oktober 2026). Die Produktion von Sänger und Performer Bastian Röstel beschäftigt sich mit Künstlicher Intelligenz, digitaler Identität und der Frage, wie menschlich eine technisierte Zukunft noch sein kann. Dass Röstel gleichzeitig eine halbe Stelle als Konzertdramaturg für Leverkusen Kultur tätig ist, sorgt zumindest für eine bemerkenswerte Konstellation.
Bewegen sich die Türen auch für junge Menschen?
Besonders häufig sprechen die Verantwortlichen über Kinder, Jugendliche und kulturelle Teilhabe. Die „Young Stage Academy“ wird ausgebaut, neue Formate wie „Young Actors“ und „Young Dancers“ sollen junge Menschen stärker einbinden.

„Wir haben eine Mischung aus Vertrautem und ganz Ungewöhnlichem zusammengestellt“, sagt Claudia Scherb.
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Die spannendere Frage lautet allerdings, wie kulturelle Bildung künftig verstanden wird. Die Spielzeit setzt vielerorts auf niedrigschwellige Zugänge. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass die Begegnung mit künstlerischer Exzellenz gelegentlich hinter Vermittlungszielen zurücktritt. Wer junge Menschen dauerhaft für Oper, Konzert oder Tanz begeistern will, muss ihnen nicht nur den Zugang erleichtern, sondern ihnen auch zutrauen, sich von großer Kunst herausfordern zu lassen. Die überzeugendsten Momente der neuen Saison entstehen genau dort, wo beides zusammenkommt.
Vertrautes und ganz Ungewöhnliches
„Wir haben eine Mischung aus Vertrautem und ganz Ungewöhnlichem zusammengestellt“, sagt Claudia Scherb, Dramaturgin für Ballett, Tanz und Musiktehater. Zwischen „Finale (eine Ouvertüre)“ von „Familie Flöz“ (27. April 2027), dem Musical Highlight „Shockheaded Peter“ (26. November 2026) und internationalem Tanz und Kinderprojekten entsteht ein Spielplan, der unterschiedliche Publikumsgruppen miteinander ins Gespräch bringen will.
Nicht jede neue Tür öffnet sich für jeden gleichermaßen. Manche Experimente überzeugen stärker als andere. Insgesamt wirkt die Spielzeit jedoch erstaunlich geschlossen. Sie versucht nicht, Tradition abzuschaffen, sondern sie weiterzudenken. Ganz im Sinne jenes Feuers, von dem Horváth spricht.

