Vom Klassenzimmer in Opladen ins politische Zentrum Deutschlands: Vincent Ludewig sammelt nach seinem Abitur Erfahrungen im Bundestag.
FSJ in BerlinZwischen Reichstag und Reels – Ein Leverkusener im Bundestag

„Man versteht besser, welche Verantwortung hinter dem Beruf steckt, aber auch, dass Politiker und Politikerinnen ganz normale Menschen sind,“ sagt Vincent Ludewig.
Copyright: Vincent Ludewig
Zwischen Plenarsaal, Presseterminen und Social-Media-Clips hat Vincent Ludewig im Bundestag gelernt, dass Politik oft weniger Bühne und mehr Büroalltag ist als gedacht. Wer im Bundestag arbeitet, landet dort meistens über politische Ämter, Praktika oder ein Studium. Vincent Ludewig kam über einen anderen Weg dorthin: ein Freiwilliges Soziales Jahr. Der Leverkusener hatte gerade sein Abitur an der Marienschule in Opladen bestanden, als er eher zufällig auf die Idee kam. „Eine Freundin von mir hat ein FSJ bei einer NGO absolviert. Dann habe ich recherchiert, wer überall ein politisches FSJ anbietet“, erzählt er.
Seine erste Bewerbung richtete er an den Landtag in Düsseldorf jedoch ohne Erfolg. „Dann habe ich mir gedacht: Wenn es ein FSJ im Landtag gibt, dann bestimmt auch im Bundestag.“ Also schrieb er das Büro der Leverkusener Abgeordneten Nyke Slawik (Grüne) direkt an. Mit Erfolg: Im September 2024 zog der damals 18-Jährige nach Berlin und begann sein „Abenteuer Bundestag“. Das Programm war auf 18 Monate angelegt und endete offiziell Ende Februar 2026. Unterstützt wurde er dabei von der IJGD, einer gemeinnützigen Organisation, die Freiwilligendienste vermittelt.
Social Media und Sitzungen
Der Umzug war für ihn ziemlich aufregend. Vor allem die Wohnungssuche bereitete Probleme. „Ich habe lange mit meiner Mutter durchgerechnet, ob ich mir das leisten kann“, sagt er. Die Freiwilligen erhalten mindestens 600 Euro Honorar. Schließlich fand er ein bezahlbares Zimmer in einer kommerziellen WG für internationale Studierende. Drei Tage vor seinem ersten Arbeitstag zog er um.
Im Büro lag sein Schwerpunkt auf Öffentlichkeitsarbeit: Videos schneiden, Social-Media-Inhalte erstellen, Webseiten pflegen. Gleichzeitig wollte er verstehen, wie Politik funktioniert und bereitete Sitzungen mit vor. „Ich habe nichts tief Inhaltliches geschrieben“, sagt er. „Aber man lernt, was politische Öffentlichkeitsarbeit bedeutet.“ Der Montag startete meist mit einer Teambesprechung, in der die Woche geplant wurde: Welche Termine stehen an? Was für Sitzungen laufen?
Da hätte ich schon gerne mal meine eigene Meinung gesagt.
In die Arbeit kam Vincent Ludewig nach und nach rein. „Ich habe zum Beispiel Reden geschnitten, die online sehr oft angeschaut wurden. Das war schon ein gutes Gefühl“, erzählt er. Auch Pressetermine gehörten zum Alltag dazu: von Interviews für Podcasts bis hin zu Aufzeichnungen in TV-Studios. Zu sehen wie Medienproduktion im politischen Umfeld funktioniert, hat ihm besonders gut gefallen: „Ich möchte nämlich Ton und Mediengestalter werden.“ Im Plenum selbst fiel es ihm allerdings manchmal schwer neutral zu bleiben. „Da hätte ich schon gerne mal meine eigene Meinung gesagt“.

„Am ersten Tag haben wir einen Rundgang gemacht, das Büro kennen gelernt und uns eine Plenardebatte angehört,“ sagt der 20-Jährige.
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In den sitzungsfreien Wochen fuhr er regelmäßig zurück in die Heimat. Und begleitete Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern sowie lokalen Organisationen. Dabei lernte er viele Initiativen kennen, die er vorher gar nicht auf dem Radar hatte, darunter soziale Projekte, aber auch zivilgesellschaftliche Gruppen wie die „Omas gegen Rechts“. „Wenn man direkt mit den Leuten vor Ort redet, merkt man, was sie beschäftigt, und möchte eine Lösung finden.“

Im Rahmen des FSJs besuchte Vincent Ludewig auch den CSD in Leverkusen.
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Deutlich werde das bei Themen wie kommunalen Haushalten oder Infrastrukturprojekten. Ein gemeinsamer Termin mit Karl Lauterbach (SPD) bei dem es um eine Autobahnbrücke im Zusammenhang mit einem Naturschutzgebiet ging, blieb ihm besonders in Erinnerung.
Auch sein Blick auf Politik und Politikerinnen und Politiker hat sich verändert. „Man versteht besser, welche Verantwortung hinter dem Beruf steckt, aber auch, dass Politiker und Politikerinnen ganz normale Menschen sind.“ Am Ende des FSJ bleibt vor allem eines hängen: das Gefühl, einen Blick hinter einen oft geschlossenen Apparat bekommen zu haben. „Ich verstehe jetzt viel besser, warum politische Prozesse manchmal so lange dauern und wie viele Schritte dazwischen liegen.“ Inzwischen arbeitet er im Bereich Öffentlichkeitsarbeit für Nyke Slavik und Denise Loop.
