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MordprozessTagelang mit einer Toten in der Opladener Wohnung

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Der Angeklagte im Opladener Mordprozess wird in den Gerichtssaal geführt

Der Angeklagte beim Prozessauftakt am 19. Juni. Am Freitag werden schreckliche Details der Tat bekannt und manches über das Leben des 34-Jährigen.

Der Mann, der seine Freundin auf brutalste Weise getötet hat, bricht sein Schweigen. Und zeigt, dass er die Wahrheit ausblendet.

Am zweiten Tag des Mordprozesses zeigt der Angeklagte ein völlig anderes Gesicht. Christos F. (Name geändert), der vor knapp zwei Wochen offenkundig komplett überfordert war mit dem Prozess vor dem Kölner Landgericht, kaum sprechen und auch einen anderen Verteidiger wollte, ist an diesem Freitag durchaus gesprächig. Aber es zeigt sich, dass seine Wahrnehmung der grausamen Tat nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun hat. Allerdings: Zu Beginn sagt er, dass er zu dem furchtbaren Geschehen am 21. November vorigen Jahres nichts sagen kann: „Ich hatte einen Filmriss.“

Tatsächlich stand der heute 34-Jährige ganz erheblich unter Alkohol und Cannabis, als er seine Freundin auf brutalste Weise tötete. Zunächst schlug er ihr mit einer Hantel viele Male auf den Hinterkopf, dann setzte er die blutüberströmte Frau in die Duschtasse und filmte sie. Da war sie noch bei Bewusstsein. Schließlich versetzte er ihr immer wieder Tritte, auch ins Gesicht. Wegen des Blutverlusts starb sie, so die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft.

Ich habe gar nicht gecheckt, was ich gemacht habe.
Der Angeklagte

Was sich dann im Lauf der Verhandlung am Freitag offenbart, ist noch erschütternder: Mehrere Tage brachte Christos F. mit der Toten in seiner Opladener Wohnung zu. Offenbar in dem Glauben, dass die Frau, von der er sagt, dass er sie geliebt habe, noch lebe. „Ich habe gar nicht gecheckt, was ich gemacht habe“, sagt er dazu.

Ansonsten zeigen seine Aussagen, dass er noch immer phasenweise in einer Phantasiewelt lebt. Mehrmals ermahnt ihn Richter Peter Koerfers: „Bleiben Sie in der Wirklichkeit.“

Er will noch Atmung bemerkt haben

Die hatte er allerdings auch nach der Tat komplett ausgeblendet: Die Polizei hat ermittelt, dass er sich im Internet mit Sportwetten befasst hatte, Pornos geschaut, aber auch Wiederbelebungsvideos. Christoph F. ist auch heute noch der Ansicht, dass es ihm zwischendurch gelungen sei, sein Opfer zu retten. Am Tag nach der Tat habe er Schnappatmung bei ihr bemerkt. Das kann nicht sein.

Wie weit sich der 34-Jährige von der Realität entfernt hat, kann sein Halbbruder bezeugen. Ihn hat er Tage nach dem grausamen Geschehen angerufen: „Du musst mir sofort helfen. Es geht um Leben und Tod“, habe er eher geschrien als gesagt. Erst viel später habe er in einem Nebensatz fallengelassen, dass seine Freundin sich eingekotet habe. „Da wusste ich: Sie ist tot.“

Hilferuf an den Halbbruder

Daraufhin habe er alles daran gesetzt, dass sein Halbbruder sich der Polizei stellt. „Du lässt Dich jetzt festnehmen“, aber darauf habe Christos nicht reagiert. Zwischendurch habe er die Polizei in Opladen alarmiert. Es hätte ja doch sein können, dass die Freundin seines Halbbruders noch lebt.

Es muss sehr aufwendig gewesen sein, den Täter dann festzusetzen. Als er gemerkt habe, dass sein Halbbruder mit der Polizei zusammenarbeitet, sei seine Stimme umgeschlagen: „Da war wieder dieser pure Hass.“ 

Das kennt er seit Jahrzehnten. Immer wieder mache ihm Christos Vorwürfe: Er sei schuld, dass sein Leben nicht funktioniert, dass er nichts auf die Reihe bekommt. Denn er habe ihm nicht genug geholfen. Obwohl er doch immer wieder Geld überwiesen habe. Es zeigt sich aber auch, dass die beiden Halbbrüder völlig unterschiedlich sind. „Er lebt wie ein Höhlenmensch“", fasst der Ältere zusammen. „Er ist total unstrukturiert.“ 

Acht Jahre im Kinderheim

Woran das liegt, wird in Umrissen klar. Mit acht Jahren musste Christoph F. ins Kinderheim. Der Vater war nicht mehr da. Seine Mutter litt unter Depressionen und war ganz offensichtlich mit dem Kind überfordert. Die Diagnose: ADHS.

Im Heim habe er Ritalin bekommen, später auch Amphetamin, sagt der Angeklagte dazu. Sein Halbbruder will enorme Schwankungen bemerkt haben. Zwischendurch sei er auch manchmal stabil gewesen. Die Zeit im Heim sei hart gewesen. „Der wurde gemobbt und verprügelt“, weiß sein Halbbruder. Von anderen Kindern, wohl auch von einem Betreuer.

In den sechs Jahren im Kinderheim habe er die Mutter extrem vermisst, weiß sein Halbbruder: „Das war ein gegenseitiger Liebesentzug.“ Als die Mutter im Herbst 2018 an einem Krebsleiden stirbt, stürzt das beide Söhne in die Krise. Von der sich der Jüngere offenbar noch weniger erholt. Das alles zusammen sei wohl die Erklärung, warum Christos F. so ist, wie er ist: „Da ist enorme Verzweiflung, dann kommt enorme Wut.“