Den Raum, in dem sich Philippe Kratz an diesem Vormittag befindet, kennt er natürlich nur zu gut. Der Start-Akademie-Alumnus von Bayer Kultur macht sich gerade bereit für eine Probe im Erholungshaus. Und auch wenn der Raum vertraut ist, hat sich für den 40-Jährigen zuletzt viel verändert.
„Es fühlt sich nach einem großen Neuanfang an“, sagt Kratz. Nicht nur ein bisschen. Denn nach 17 Jahren in Italien ist der Tänzer und Choreograf zurück in der Heimat. Ein kurzer Abriss: Kratz wurde 1985 in Schlebusch geboren, er besuchte das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium, machte eine klassische Ballettausbildung an der Staatlichen Ballettschule in Berlin, lernte in Québec (Kanada), arbeitete später am Theater in Dortmund und ging 2008 als Mitglied der Compagnie Aterballetto nach Italien.
Jetzt wohnt Kratz zwar nicht in seiner Heimatstadt Leverkusen, aber in unmittelbarer Nähe, nämlich in Köln. Aus privaten Gründen sei er zurückgekommen, näher an die Familie. Dennoch fühle sich die Rückkehr hier und da noch ein bisschen seltsam an. Manchmal habe er das Gefühl, er könne seine Muttersprache nicht mehr, wenn im Alltag nach 17-jähriger Gewohnheit zuerst das italienische Wort in den Kopf komme.

Choreograf und Tänzer Philippe Kratz, hier eine Szene aus „Die roten Schuhe“.
Copyright: Philippe Kratz
Auch beruflich müsse er sich jetzt natürlich erst einmal neu orientieren. Die Kontakte und das Netzwerk, die er sich in Italien aufgebaut hatte, fehlen ihm gerade noch ein bisschen. Dass er dennoch nach wie vor welche hat, wird klar, als die Tür zum Saal im Erholungshaus aufgeht. Donnie Duncan kommt herein, ein Tänzer aus Illinois (USA). Drei Wochen lang haben Kratz, Duncan und Alberto Terribile zusammen geprobt. Mit Duncan sei das die erste Zusammenarbeit. „Das wollte ich aber schon seit Jahren. Das war ein kleiner Traum in der Schublade und hat jetzt gut gepasst“, sagt Kratz. Mit Terribile hat Kratz schon unter anderem bei „Tanzmainz“, dem zeitgenössischen Tanzensemble des Mainzer Staatstheaters, zusammengearbeitet, das auch schon häufiger in Leverkusen zu Gast war.
Die drei arbeiten an dem Stück „Strike two“, das Kratz als Choreograf über das Pianotrio Nr.2 für Klavier, Violine und Cello von Dmitri Schostakowitsch ausgearbeitet hat. Der Vorschlag dazu kam von Bayer-Kultur-Chef Christoph Böhmke. Am 19. Mai 2027 werden die drei Tänzer „Strike two“ im Konzerthaus Berlin aufführen. Das Stück von Schostakowitsch bedeutet Philippe Kratz nach eigener Aussage persönlich viel, das habe er schon als Kind häufig gehört, wenn seine Mutter das abgespielt habe. Vor allem das Allegretto mit seiner Kraft und seinen vielen Wendungen habe ihn immer sehr mitgenommen.
Das Stück hatte Schostakowitsch 1944 seinem Freund Iwan Sollertinsk gewidmet. Verlust spielt also eine große Rolle. Kratz hat aus den vier Sätzen ein knapp 30-minütiges Tanzduett gemacht: Dabei gehe es besonders darum, tänzerisch darzustellen, was Verlust bedeutet. Die Beziehung der Personen spiele gar nicht so eine große Rolle, eher der Körper. Kratz formuliert das so: „Was bleibt, wenn einer nicht mehr da ist? Wie reagiert ein Körper, wenn der andere nicht mehr da ist?“ Womöglich versuche einer, den bekannten Zustand, den es aber nicht mehr gibt, zu bewahren.
Ein Reiz im Stück liegt für Kratz auch im „Hämischen“, im „Verspotten des Todes“ im vierten Satz, dem Schostakowitsch 1944 jüdische Volks- und Tanzmusik zugrunde gelegt hat. Kratz spricht von „Anmaßung und Arroganz“, die entstehe, wenn die beiden Körper vor diesem Hintergrund aufeinanderprallten. Auch wenn am Ende zumindest musikalisch die leise Verzweiflung bleibt.
Drei Wochen lang, etwa sechs Stunden am Tag, haben die Tänzer das Stück im Erholungshaus einstudiert. Es gebe „wilde Schritte und Zählzeiten“, sagt Kratz. Und auch wenn „Strike two“ zunächst in Berlin zu sehen sein wird: Philippe Kratz ist ab jetzt wieder häufiger auf Bühnen in und um Leverkusen zu sehen.

