Borkenkäferspuren, Frauen mit Schürzen und eine große Schaufel. Renate Behla verwandelt Vertrautes in eine vielschichtige Bildwelt. Die Ausstellung ist ab Sonntag im Museum Morsbroich zu sehen.
Museum MorsbroichRenate Behla zeigt Spuren von Körpern und Käfern

Renate Behla zusammen mit Fritz Emslander, dem Kurator der Ausstellung.
Copyright: Viktoria Langenhuizen
Auf den ersten Blick könnten die Linien in dem Stück Holz wie eine fremde, vielleicht jahrtausendealte Schrift wirken. Ein geheimnisvolles Alphabet, dessen Zeichen sich nicht so einfach entschlüsseln lassen. Tatsächlich stammen sie von Borkenkäferlarven. Im Holz haben sie sich ihre eigenen Wege gefressen – unsichtbar für lange Zeit, bis Renate Behla sie entdeckte.
Die Düsseldorfer Künstlerin fand Treibholz am Rhein, das von den kleinen Tieren zerfressen wurde. Abdrücke davon übertrug sie auf Papier. Vom Buchdruck inspiriert ließ sie die Spuren der Käfer, wie eine Schrift aussehen.

Ein geheimnisvolles Alphabet aus Spuren von Borkenkäferlarven, die Renate Behla im Holz entdeckte.
Copyright: Renate Behla
Reduzierte Bildsprache und eine verzweigte Gedankenwelt
Es ist ein typischer Gedankengang der Künstlerin. Ein einzelner Gegenstand eröffnet eine ganze Reihe neuer Bedeutungsebenen. Renate Behla interessiert sich für Dinge, die mehr sein können als das, was sie zunächst darstellen. Ein Gefäß ist bei ihr nicht einfach ein Gefäß, eine Schürze nicht bloß ein Kleidungsstück, eine Schaufel nicht nur ein Werkzeug. Ihre Bildsprache ist reduziert, ihre Gedankenwelt dagegen weit verzweigt. Seit rund 35 Jahren entwickelt die in Dresden geborene und heute in Düsseldorf lebende Künstlerin ihren eigenen Bildkosmos. „Meine Arbeiten erschließen sich erst, wenn man sie in einem größeren Zusammenhang sieht“, sagt sie selbst.
Mythen und Geschichten, Philosophie und die Wissenschaft der Wortherkunft treffen darin auf Alltagsgegenstände, Naturbeobachtungen und den menschlichen Körper. Es geht um Verbindungen und die Frage danach, was diese mit Menschen machen. „Eine Verbindung kann auch einengen“, so die Künstlerin.

Rot steht in den Werken von Renate Behla vor allem für Kraft und den Fluss von Lebensenergie, aber auch für Schmerz.
Copyright: Viktoria Langenhuizen
Rot als wichtigste Farbe
Verbindung kann Nähe und Ganzheit bedeuten, aber auch Abhängigkeit. Schutz kann Geborgenheit schaffen und zugleich Begrenzung sein. Das zeigt sich besonders an der Schürze, die in verschiedenen Arbeiten auftaucht. Sie wird zur schützenden Hülle für den verletzlichen Körper, zu einer Grenze zwischen Innen und Außen. Doch dieselbe Hülle kann den Körper auch in eine vorgegebene Form pressen. In einer Arbeit scheint sich die Schürze selbst in eine weibliche Figur zu verwandeln.
Kleidungsstück und Körper gehen ineinander über. Überhaupt sind ihre Figuren häufig Frauen, die sie alleine in den Zeichnungen darstellt. Der Rest der Bilder ist oft leer und die Figuren scheinen isoliert. Auch die Farbgebung spielt eine wichtige Rolle. Am häufigsten verwendet sie die Farbe Rot. In den meisten ihrer Werke steht die Farbe vor allem für Kraft und den Fluss von Lebensenergie, aber auch für Schmerz.
Ein Blick in den Körper
In ihren neuen, digital generierten Bildern erkundet Renate Behla die vielfältigen Beziehungen zwischen Mensch und Welt, Mikro- und Makrokosmos sowie zwischen Teil und Ganzem. Die Grundlage einer Arbeit war ein MRT ihres verstorbenen Mannes. Die medizinische Abbildung zeigt das Innere des menschlichen Körpers. Plötzlich wird Verborgenes sichtbar. Renate Behla bearbeitet diese Strukturen weiter. Adern und Gewebe werden zu Linien und Punkten, einzelne Anordnungen sind unscharf und verpixelt.

Ein MRT des verstorbenen Mannes der Künstlerin, diente als Vorlage für das Bild.
Copyright: Viktoria Langenhuizen
Graben, verbinden, ergänzen
Auch die Objekte folgen diesem Prinzip. Eine Schaufel „Der Graber - Hiatus“ ist ungewöhnlich groß und passt fast nicht mehr in den Ausstellungsraum hinein. „Man muss tief graben, um an etwas dranzukommen“, erklärt Renate Behla. Gleichzeitig soll das Objekt Himmel und Erde miteinander verbinden.
Das titelgebende Werk der Ausstellung ist „Die Ergänzerin“. Darauf führt eine weibliche Figur zwei Formen zusammen. Die Arbeit lässt sich als Alter Ego der Künstlerin lesen und zugleich als Bild ihres eigenen Arbeitsprozesses: Renate Behla nimmt Vorhandenes auf, verschiebt es, verbindet es mit etwas Neuem und lässt daraus eine andere Form entstehen.
Geöffnet bis 7. Februar 2027
Renate Behla, Die Ergänzerin. Zeichnungen und Objekte: Die Ausstellung ist vom 20. September 2026 bis zum 7. Februar 2027 im Museum Morsbroich in Leverkusen zu sehen. Die Eröffnung findet am Sonntag, 20. September, um 15 Uhr statt. Die Ausstellung wird von der Kunststiftung NRW gefördert. Weitere Informationen finden Sie unter: www.museum-morsbroich.de
