Wann ist ein Bild fertig? Tilo Schulz hat darauf eine ungewöhnliche Antwort: vielleicht nie.
Museum MorsbroichTilo Schulz und das Bild, das nie fertig wird

Über das Medium Film wurden die Dimensionen von Bewegung und Räumlichkeit in die malerische Struktur integriert.
Copyright: Viktoria Langenhuizen
Zwei kleine Räume hat das Museum Morsbroich für Tilo Schulz’ „Endless Canvas“ vorgesehen. Für den Künstler war das zunächst eine Herausforderung. Inzwischen findet er gerade das interessant. Aber sind die Räume nicht vielleicht doch zu klein? „Finde ich gar nicht“, sagt er. Gerade die Nähe könne etwas Besonderes sein. Seit 2024 arbeitet Tilo Schulz an „Endless Canvas“. Nun wird das Projekt zum ersten Mal in einem Museum gezeigt.
Die Bildfläche setzt sich aus einzelnen Holzmodulen zusammen. Linien und Farben laufen über die Übergänge hinweg. Die Elemente lassen sich neu anordnen und an anderen Orten zeigen. „Es gibt keinen Fixpunkt wie bei einem klassischen Gemälde“, erklärt Tilo Schulz.

Auf der Abbildung sind alle Module zu sehen.
Copyright: Viktoria Langenhuizen
Ein eigener Zugang zur Kunst
Der 54-Jährige arbeitet an mehreren Teilen gleichzeitig, drei bis sechs können es sein. „Es ist viel leichter, an vier bis sechs Modulen gleichzeitig zu arbeiten, als nacheinander.“ Einige seiner aktuellen Werke liegen bei Thilo Schulz zu Hause in der Dachgeschosswohnung auf Stöcken.
Er wurde in Leipzig geboren und lebt und arbeitet heute in der Uckermark. Seine künstlerische Praxis hat er sich selbst angeeignet. Einen selbstverständlichen Zugang zur Kunst hatte Thilo Schulz zunächst nicht, vielleicht war das auch ein Vorteil: Die Ehrfurcht vor der Kunst, die den Mut und die Lust am eigenen Ausprobieren mitunter hemmen kann, fehlte ihm ein Stück weit. Seine Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Malerei und Installation und erweitern dabei den klassischen Bildbegriff.
Canvas ohne klassische Leinwand
Erst im Laufe der Arbeit hat Tilo Schulz erkannt, dass die Idee des Endlosen bereits in seinen bisherigen Kunstwerken angelegt war. „Vom Denken her ist es ja das Endlose.“ Begeistert fügt er hinzu: „Ich fühle mich teilweise wie 19 oder 20. Ich habe das Gefühl, ich habe das neue Ding entdeckt. Ich weiß natürlich, dass es nicht so ist, aber ich fühle mich so.“
„Canvas“ heißt Leinwand. Tilo Schulz arbeitet aber auf Holz. Das Material ist bewusst gewählt. Holz lässt sich bauen, zusammensetzen und verbinden. Die einzelnen Module können so eine größere Fläche bilden, ohne dass deren endgültige Form festgelegt wäre. Was dabei genau entsteht, lässt er offen. „Es geht um Bilder. So ganz geklärt ist das nicht.“ Der Begriff ist flüssig und kann sich zum Beispiel auch auf die Himmelsleinwand und einen Schritt in eine andere Dimension beziehen.

Mit jeder Präsentation verändern sich die räumliche Anordnung und die Anzahl der Module.
Copyright: Viktoria Langenhuizen
Farben, Töne und Systeme
„Endless Canvas“ bleibt nicht bei der Malerei. Mit dem ungarischen Komponisten und Medienkünstler Gábor Lázár hat Tilo Schulz 16 Kompositionen erstellt. Elektronische Klänge werden über Lautsprecher Teil der Arbeit. Jede Komposition ist eigenständig. Auch ein Film gehört zum Projekt. Mathilde Bonnefoy und Dirk Wilutzky haben ihn entwickelt. Zu sehen ist eine verschlossene Tür.
Du hast ein Bild in Oschatz und eins in Kapstadt. Das kann im besten Fall Leute zusammenbringen.
Zur Kunst gehören für Tilo Schulz auch politische und gesellschaftliche Fragen. Politische Aussagen versteht er als „Zeitaussagen und Kontextaussagen“. Sie sind nicht für alle Zeiten gleich, weil sich die Menschen und ihre Zusammenhänge verändern. Sein Interesse gilt deshalb den „Störungen im System“. „Ich denke immer, dass Störungen im System das System erhalten.“

Über im Kunstwerk versteckte Soundboxen werden die elektronischen Kompositionen von Gábor Lázár abgespielt.
Copyright: Viktoria Langenhuizen
Tilo Schulz kann sich vorstellen, dass die Bilder zum Schluss über die ganze Welt verstreut sind. „Du hast ein Bild in Oschatz und eins in Kapstadt. Das kann im besten Fall Leute zusammenbringen.“ Die einzelnen Teile wären dann räumlich getrennt und trotzdem miteinander verbunden. „Ich habe das Gefühl, dass die Endless Canvas nicht nur in der Kunst eine Rolle spielen kann.“ Was daraus entsteht, bleibt offen. Je größer die Idee wird, desto weniger möchte Tilo Schulz selbst offenbar im Mittelpunkt stehen. „Mein Wunsch ist, dass ich bei dem Projekt demnächst immer weniger eine Rolle spiele. Man kann so etwas wie Endless Canvas gar nicht alleine denken.“
Die Ausstellung „Endless Canvas“ von Tilo Schulz ist im Museum Morsbroich in Leverkusen zu sehen. Zur 22. Leverkusener Kunstnacht am Freitag, 2. Oktober 2026, ist das Museum von 18 bis 24 Uhr geöffnet. Die Ausstellung wird um 18 Uhr eröffnet. Um 20 Uhr spricht Tilo Schulz mit Kuratorin Thekla Zell über seine Arbeit.
