Die Stadt sucht Familien für Bereitschafts- und dauerhafte Pflege. Ein Leverkusener Paar erzählt von seinen Erfahrungen.
Stadt sucht PflegefamilienWie Leverkusener Pflegeeltern ihre Familie erleben

Ralf Kurtz und Almud Faust haben zwei Kinder bei sich aufgenommen, von Pflegekindern sprechen sie nicht: „Das sind unsere Kinder.“
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„Wir haben uns Kinder gewünscht, wir haben Kinder bekommen.“ So einfach fasst Ralf Kurtz zusammen, was für ihn „ein ganz normaler Weg“ ist. 15 Jahre ist es her, dass er und seine Partnerin Almud Faust auf einen Zeitungsartikel hin entschieden haben, dass Pflegekinder für sie eine Option sein könnten. Sie besuchten eine Informationsveranstaltung, nahmen Kontakt mit dem Jugendamt auf, setzten den ganzen Prozess in Gang, vom Führungszeugnis und ärztlichen Attest bis zum Aufschreiben der eigenen Lebensgeschichte.
Was anstrengend klingt, hat Almud Faust rückblickend positiv in Erinnerung: „Man setzt sich noch einmal anders mit sich selbst auseinander“, sagt sie. Sehr ausführlich habe sie ihren bisherigen Werdegang dargelegt, für sich selbst, aber auch, damit das Jugendamt eine gute Grundlage hat, um festzustellen, ob ein Kind in die Familie passt. Heute haben die beiden zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, 13 und zehn Jahre alt. Deren Namen sollen zum Wohle der Kinder nicht genannt werden, eins aber ist klar: „Wir sind eine ganz normale Familie. Unsere Kinder sind unsere Kinder, nicht Pflegekinder. Und wir sind ihre Eltern, auch wenn sie noch mehr Eltern haben“, sagt Ralf Kurtz. Denn der Kontakt sowohl zu den leiblichen Eltern als auch zu den Eltern in der Bereitschaftspflege, in der die Kinder ihre ersten Lebensmonate verbracht haben, besteht weiterhin.
Bereitschaftspflege ist der Anker in der aktuellen Krise.
Wenn Kinder nicht bei ihrer „Herkunftsfamilie“ bleiben können, springt zunächst der Allgemeine Soziale Dienst des städtischen Jugendamtes ein. 170 zu begleitende Pflegekinder und junge Volljährige hat die Stadt Leverkusen derzeit. „Kinder zwischen null und sechs Jahren versuchen wir auf jeden Fall in einer Familie unterzubringen“, erklärt Eva-Maria Mielke, Mitarbeiterin im Pflegekinderdienst der Stadt. Dafür gibt es zunächst Bereitschaftspflegefamilien, die Kinder kurzfristig aufnehmen und so lange betreuen, bis eine längerfristige Lösung gefunden wird. Eigentlich soll das drei Monate nicht überschreiten, aber gerade, wenn die Justiz im Spiel ist, dauere es häufig doch deutlich länger. „Die Bereitschaftspflege ist der Anker in der aktuellen Krise“, erklärt Mielke. Pflegefamilien dagegen sollen eine dauerhafte Bindung zu dem Kind aufbauen, die bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt.
Wochenlange Besuche
So war es schließlich auch bei Almud Faust und Ralf Kurtz. Für ein Kleinkind, das in einer Kurzzeitpflegefamilie untergebracht war, wurden dauerhafte Pflegeeltern gesucht. Das Paar nahm wochenlang täglich den Fahrtweg von einer Stunde auf sich, um das Kind zu besuchen, erst nur kurz, dann länger. Es folgten erste gemeinsame Ausflüge mit den Pflegeeltern, dann alleine, schließlich Besuche bei dem Paar zu Hause. Bis der kleine Junge schließlich blieb. Nach einem Jahr war den Eltern klar: Er soll nicht als Einzelkind aufwachsen, ein weiteres Jahr später kam die Schwester in die Familie.
„Das alles geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem Jugendamt“, erklärt Clarissa Ottinger, die beim Pflegekinderdienst seit vier Jahren für Vollzeitpflegefamilien zuständig ist. Aktuell sucht die Stadt wieder interessierte Familien, sowohl für die Bereitschafts- als auch für die Vollzeitpflege. Einige Bereitschaftspflegefamilien hätten entschieden, ein Kind dauerhaft bei sich aufzunehmen. „Das ist zwar sehr schön, dann fällt für uns aber der Platz für Bereitschaftspflege weg“, sagt Eva-Maria Mielke. Weil es zu wenige gebe, komme es mittlerweile schon vor, dass auch Kinder unter sechs Jahren in Wohngruppen untergebracht werden müssten. Von Pflegeeltern erwartet sie Kooperationsbereitschaft. Und vor allem viel Geduld und einen liebevollen Umgang mit Kindern, die nicht selten „einen Rucksack mitbringen“. Die eigene Familiensituation sei kein entscheidendes Kriterium, sagt Ottinger, jede Konstellation sei willkommen: „Alleinstehend, gleichgeschlechtliche Paare, jung oder alt.“
Die Sorge, ein Kind könne der Familie wieder „weggenommen“ werden, bestehe bei vielen Eltern. In ihrer vierjährigen Zeit auf der Position sei das aber noch nie vorgekommen, sagt Ottinger. „In den allermeisten Fällen gibt es schon einen gerichtlichen Rahmen, bevor ein Kind in eine Pflegefamilie kommt.“ So war es auch bei Ralf Kurtz, der aber nicht nur deswegen keinen Gedanken an eine solche Situation verschwenden wollte: „Man kann das nur gut machen, wenn man es mit Haut und Haar macht, ohne Angst.“
Ralf Kurtz und Almud Faust haben zugestimmt, ihre Geschichte zu erzählen, weil sie auch andere Familien dazu ermutigen möchten. „Wir waren auch nicht mehr die Jüngsten, als wir uns dazu entschieden haben“, sagt Faust. „Es war zu 100 Prozent der richtige Weg“, ergänzt Kurtz. Den Kontakt sowohl zur Herkunftsfamilie der Kinder als auch zu den Kurzzeitpflegeeltern empfinden sie als bereichernd. „Da bekommt man noch einmal ganz andere Einblicke.“ Und auch für die Kinder fanden sie es wichtig, dass sie ihre Wurzeln kennen. „Unser Sohn ist in der Schule mal gefragt worden, wie viele Väter er hat“, berichtet Kurtz. Seine selbstbewusste Antwort: Drei.
Für Interessierte
Wer sich für eine Kurzzeit- oder dauerhafte Kinderpflege interessiert, kann sich an den Pflegekinderdienst der Stadt Leverkusen wenden. Interessierte erhalten persönliche Beratungsgespräche und ausführliche Informationen über Voraussetzungen und den Bewerbungsprozess. (stes)
