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DemokratieExperten diskutieren in Gummersbach über Extremismus in der Gesellschaft

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Peter Reinecke am Rednerpult in der Alten Vogtei vor den zahlreich erschienen Gästen.

Historiker Peter Reinecke (l.) spannte den Bogen von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart.

In der Alten Vogtei in Gummersbach ging es um die Frage, wie Demokratie heute geschützt werden kann.

80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs am Freitag, 8. Mai, hatten Vertreter der oberbergischen Kreisverbände von Bündnis 90/Die Grünen, CDU, SPD und FDP gemeinsam in die Alte Vogtei in Gummersbach eingeladen. Unter dem Titel „Nie wieder ist jetzt: Demokratie gemeinsam schützen“ diskutierten Experten aus Politik, Wissenschaft und Bildungsarbeit über Extremismus, gesellschaftliche Polarisierung und die Frage, wie Demokratie gestärkt werden kann.

Besonders persönlich wurde der Vortrag des aus Nümbrecht kommenden Historikers Peter Reinecke. Er erinnerte an einen antisemitischen Angriff in Gummersbach im Jahr 2008, bei dem ein jüdischer Jugendlicher lebensgefährlich verletzt wurde. Reinecke erklärte: „Der Jugendliche war mein Sohn.“

Die sind doch demokratisch gewählt – und wenn sie nicht verboten sind, dann können sie ja so schlimm nicht sein
Marco Wanderwitz über Wähler der AfD

Der Historiker spannte anschließend den Bogen von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart und warnte vor gesellschaftlichen Mechanismen, die sich wiederholten: Krisen, Vertrauensverlust in Politik und die gezielte Ansprache verunsicherter Bevölkerungsgruppen.   Reinecke erinnerte daran, dass die Nationalsozialisten ihre Siegesfeier 1933 im evangelischen Gemeindehaus in Gummersbach gefeiert hätten.

Nadine Lindörfer, Leiterin der Koordinationsstelle des Netzwerks gegen Rechts Oberberg, richtete den Blick vor allem auf junge Menschen und den Alltag an Schulen. Demokratie müsse vorgelebt werden, sagte sie und fragte: „Wie leben wir jungen Menschen Demokratie eigentlich vor?“

Demokratie beginnt im Alltag junger Menschen

Radikalisierung entstehe nicht im luftleeren Raum. Viele Jugendliche suchten Zugehörigkeit, Anerkennung und Beteiligung. Besonders anschaulich wurde das bei einem Projekt mit Schülern. Dort sei der häufigste Wunsch gewesen, „dass der Döner wieder 3,50 Euro kostet“. Hinter solchen Aussagen steckten oft soziale Fragen und der Wunsch nach Teilhabe, erklärte Lindörfer. Gleichzeitig warnte sie vor rechtsextremen Klassenchats und zunehmender Ausgrenzung an Schulen.

Auch Anne Schulz, stellvertretende Leitung Politische Bildung am Gustav Streseman Institut, betonte die Bedeutung politischer Bildung. Es gehe nicht darum, Menschen bestimmte Meinungen vorzuschreiben, sondern sie handlungsfähig zu machen. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Marco Wanderwitz sprach schließlich über den Umgang mit der AfD und warb erneut für ein Verbotsverfahren. Mit Blick auf die Bundestagswahlergebnisse sagte er, er habe „tief durchgeatmet“, als er die Zahlen aus Gummersbach gesehen habe.

Die AfD erreichte dort 21,5 Prozent. In seiner sächsischen Heimat seien Ergebnisse von fast 40 Prozent inzwischen „sächsische Lebenswirklichkeit“. Wanderwitz warnte vor einer zunehmenden Normalisierung extremistischer Positionen. Viele Menschen sagten inzwischen: „Die sind doch demokratisch gewählt – und wenn sie nicht verboten sind, dann können sie ja so schlimm nicht sein.“

Zum Abschluss diskutierten die Besucher mit den Referenten. Immer wieder ging es dabei um die Frage, was jeder Einzelne konkret tun könne, um Demokratie im Alltag zu stärken – in Schulen, Vereinen, Familien oder im persönlichen Gespräch. Genau dort beginne demokratischer Zusammenhalt, darin waren sich die Teilnehmer des Abends einig.