An 14 Stationen lässt sich in der Morsbacher Ortschaft nicht nur Geschichte kurzwillig erleben. So manche Anekdoten gibt's dort obendrauf.
LehrpfadWenn in Holpe der Lehrer den Löffel abgibt und die Zeit aus dem Takt gerät

Anno dazu mal leben Mensch, Kuh und Huhn gemeinsam unter dem Dach dieses heute schmucken Fachwerkhofes: Haus Schild ist die dritte Station am Geschichtslehrpfad durch Morsbach-Holpe.
Copyright: Jens Höhner
Klemmt am frühen Morgen ein Löffel am Küchenfenster, dann weiß die Familie: Heute sitzt der Lehrer mit am Mittagstisch. Wer um 1850 in der kleinen Ortschaft Holpe Kinder unterrichtet, der wird von seinem Lohn ganz sicher nicht reich: Zwischen 140 und 160 Taler reichen damals für den Alltag, Wohlstand beschert dieses Einkommen aber nicht. 1875 steigt das Gehalt – und es gibt sogar 15 Taler für Ofenholz zum Heizen. Ein eigenes Schulhaus hat Holpe bereits seit 1847.
Die Geschichte mit dem Löffel, den der Lehrer nach seiner Liste von Haus zu Haus wandern lässt, ist eine der Lieblingsanekdoten von Sabine Stamp-Eschrig: Die 61-Jährige ist Vorsitzende des Heimatvereins, seit dem Mittelalter gehört das Dorf zu Morsbach. 330 Menschen leben heute dort. „Und es gibt viel zu entdecken“, freut sich Stamp-Eschrig, die an der Offenen Ganztagsschule arbeitet – also mitten in ihrem Heimatort. Weil sich die Historie da nahezu aufdrängt, hat der Verein einen Geschichtslehrpfad eingerichtet.

Der Heimatverein von Morsbach-Holpe hat einen Geschichtslehrpfad durch den kleinen Ort eingerichtet. Die Autorin Jutta Ramackers (links) und Sabine Stamp-Eschrig (Vorsitzende des Heimatvereins) stehen dort vor dem historischen Pfarrhaus.
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Am Samstag, 25. April, wird dieser eingeweiht mit einem ersten Rundgang, er startet um 14 Uhr am Fritz-Wingen-Platz. Auf einer bequemen Strecke von etwa zweieinhalb Kilometern geht es durch Holpe hinauf nach Oberholpe – da zu finden ist die letzte der 14 Stationen. Gute 8000 Euro hat der detailreiche und liebevoll gestaltete Pfad gekostet. Fertig geworden ist dieser im Herbst, nun stehen auch die Schilder. Und für das Smartphone gibt es überdies eine interaktive Karte.
Das Besondere: Nicht nur Tafeln an den Orten unterwegs führen tief hinein in die Geschichte des malerischen Ortes – man horcht sogar in die Vergangenheit: Über QR-Codes kann ein Audioguide abgerufen werden. Dann erklärt eine angenehme Stimme, was man gerade vor Augen hat, Geräusche und Musik erwecken das alte Dorfleben zu Leben, reichhaltiges Bildmaterial ziert zudem die eckigen Tafeln an den Stationen.

An der evangelischen Kirche beginnt in Morsbach-Holpe der neue Geschichtslehrpfad. Am Samstag, 25. April 2026, wird dieser offiziell eingeweiht.
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Die Idee zu diesem Lehrpfad ist vor zwei Jahren entstanden: In jenem Jahr gibt Jutta Ramackers ihrer Liebe zu Holpe endlich nach, sie verlässt die Nachbarstadt Waldbröl und zieht um. „Und da habe ich eigentlich auch gleich mit der Arbeit begonnen“, erzählt das 72 Jahre alte Vereinsmitglied. Kennengelernt hat Ramackers den Ort im südlichsten Zipfel Oberbergs bereits vor langer Zeit – zu Pferd bei ausgiebigen Wanderritten.
„Immer schon hat mich fasziniert, wie die Menschen einst gelebt haben – zum Beispiel ohne Kühlschrank“, verrät sie mit Blick auf ihre Recherchen, bei denen sie tatkräftige Unterstützung durch den Morsbacher Heimatkundler Christoph Buchen erfahren hat. „Jeder Bauer hatte früher Tiere – und wenn die geschlachtet wurden, hat die Familie Pakete mit Fleisch geschnürt und an die Nachbarn abgegeben. So war jeder versorgt.“
1582 ist in Morsbach-Holpe der Kalender völlig aus dem Takt geraten
Auch weiß Jutta Ramackers, dass die Holperinnen und Holper eine ganze Zeit lang nicht richtig ticken – nämlich, als 1582 der Gregorianische Kalender eingeführt wird und den Julianischen Kalender ablösen soll. „Da hat das evangelische Holpe einfach mal nicht mitgemacht.“ Die Folge: Die Zeit gerät um 13 Tage aus dem Takt, Holpe hinkt hinterher. Wenn die Menschen in Morsbach am Sonntag also faul die Füße hochlegen, ackern und schuften die Holper Nachbarn auf den Feldern. Und wenn in Holpe Weihnachten gefeiert wird, ist nebenan längst ein neues Jahr angebrochen.

Dem wohl bekanntesten Sohn von Morsbach-Holpe ist heute nicht nur ein Platz gewidmet, sondern natürlich auch eine der 14 Station auf dem Geschichtslehrpfad. Der Gedenkstein erinnert an den Unversialkünstler Fritz Wingen (14. Mai 1889 in Holpe, gestorben wahrscheinlich am 23. Januar 1944 im KZ Majdanek).
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Solche Geschichten und Anekdoten will Ramackers nicht nur bewahren, sie möchte sie auffrischen und verbreiten: „Sonst verschwindet die Vergangenheit.“ Am Einweihungstag wollen sie und ihr Mittexter Johannes Klüser drei der 14 Stationen den Eröffnungsgästen besonders nahebringen. In der evangelischen Kirche soll ein Film diesen kleinen Rundgang beenden. Die erste Tafel steht an diesem Gotteshaus, die zweite am Pfarrhaus gegenüber und Nummer 3 ist dem Haus Schild gewidmet.
Davor erstreckt sich der – so der Holper Volksmund – Kurpark, eigentlich Schilds Weiher. Und wer dort den Siefen sucht, der findet ein eher tröpfelndes Rinnsal. Anno dazu mal leben Mensch, Kuh und Huhn gemeinsam unter dem Dach dieses schmucken Fachwerkhofes. Und um die Ecke können sich Schaulustige daran versuchen, die älteste Türinschrift in ganz Morsbach zu entziffern, sie stammt aus dem Jahr 1608.
Mit Musik und dem Gesang von Tenor Johannes Klüser endet der lehrreiche Spaziergang in Oberholpe, und die Gastgeber laden dazu ein, mal die Augen zu schließen: Dann könne man den Klang der Hämmer hören, den Geruch von Holz und Erde schnuppern und ahnen, wie es war, als vor Jahrhunderten dort der Alltag pulsierte.
Zahlen und Fakten aus Morsbach-Holpe
Gekostet hat der Geschichtslehrpfad knapp 8000 Euro, dafür hat der Holper Heimatverein im vergangenen Jahr fast 6300 Euro aus der Kasse des Förderprogramms Leader erhalten. Der Pfad sei eines von 24 Kleinprojekten in Oberberg, die 2025 eine solche Unterstützung erfahren haben, sagt Heike Brand vom Leader-Regionalmanagement in Nümbrecht. „Anfang Mai wählen wir die Projekte für dieses Jahr aus.“ Genau 100 Vorhaben dieser Art seien seit 2021 gefördert worden.
Am Sonntag, 3. Mai 2026, ist der Geschichtslehrpfad auch Teil der Bergischen Wanderwochen. Die geführte Tour startet um 14 Uhr am Fritz-Wingen-Platz (Ende gegen 16.30 Uhr). Weitere Rundgänge dieser Art sollen folgen.

