Abo

AmateurtheaterFreudenberger Freilichtbühne zieht tausende Zuschauer an

5 min
Piratendarsteller auf dem Bühnenschiff.

Beim „Störtebecker“ gibt es 18 Sprechrollen, dazu eine Tanzgruppe und einen kleinen Chor, insgesamt rund 50 Darstellerinnen und Darsteller. Dazu kommen noch einmal so viele Theatermacher hinter der Bühne.

Störtebecker und Peter Pan als Theaterspektakel: Die Freilichtbühne Freudenberg hat in Oberberg viele Fans. Ein Blick hinter die Kulissen.

Beim Klabautermann! Dieser Kanonendonner geht durch Mark und Bein. Ein Feuerstoß blitzt auf, Wasser spritzt, eine Kugel schlägt am Steuerruder ein. Der Bühnenzauber, mit dem die Seeschlacht vor Stockholm inszeniert wird, muss sich nicht verstecken vor den  wilden Cowboy-und-Indianer-Gefechten in Elspe.

Nur dass hier, anders als bei den sauerländischen Karl-May-Festspielen, alles ehrenamtlich gemanaget wird. Die Südwestfälische Freilichtbühne Freudenberg ist ein Verein, dessen rund 300 aktiven Mitglieder in jedem Sommer etwa 50 Open-Air-Vorstellungen auf die Bühne bringen. Christian Wallhäuser ist Pressesprecher und zugleich einer der beiden Hauptdarsteller der aktuellen Inszenierung. Er sagt: „Wir machen Theater nicht als Beruf, sondern aus Berufung.“

Eine Freilichtbühne mit Aufbauten.

Das große Freibeuterschiff ist das Prachtstück der Störtebecker-Inszenierung.

Die Freilichtbühne ist weniger als eine halbe Autostunde entfernt von Bergneustadt, Reichshof und Morsbach, etwa tausend der   alljährlich knapp 30.000 Besucherinnen und Besucher kommen aus Oberberg, sagt Christian Wallhäuser. Und es können gern noch ein paar mehr werden, auch wenn die Aufführungen gut ausgelastet sind. „Die Leute schätzen die Freiluftstimmung und die familiäre Atmosphäre.“

Gespielt wird bei jedem Wetter, die Zuschauer sitzen trocken unter einem großen Dach. Wie in jedem Jahr gibt es ein Kinder- und ein Erwachsenenstück, diesmal „Nimmerland – Die Suche nach Peter Pan“ und „Störtebecker – Im Auftrag der Hanse“. Beide Bühnenwerke hat Britt Löwenstrom der Freilichtbühne auf den Leib geschrieben. Denn es gilt, besondere Anforderungen zu erfüllen, erläutert die Regisseurin und Autorin.

Ich weiß, was das Publikum mag.
Britt Löwenstrom, Autorin und Regisseurin

Zum einen sollen möglichst viele Mitglieder mitspielen. Beim „Störtebecker“ gibt es 18 Sprechrollen, dazu eine Tanzgruppe und einen kleinen Chor, insgesamt rund 50 Darstellerinnen und Darsteller. Dazu kommen noch einmal so viele Theatermacher hinter der Bühne.

Zum anderen sollen die Stücke einen spektakulären Schauwert haben und die Möglichkeiten der drei Drehbühnen ausnutzen. „Ich weiß, was das Publikum mag“, sagt Britt Löwenstrom und lacht. Die Fans werden in dieser Spielzeit nicht enttäuscht. Ein riesiger Zweimaster steht mitten auf der 400 Quadratmeter großen Bühne, dazu kommen Schauplätze wie das dänische Schloss und das Hamburger Rathaus mit einer acht Meter hohen Fassade.

Ein Schiff, zwei Kapitäne

Bei „Peter Pan“ stellt dieselbe Kulisse ein Londoner Stadthaus dar, und das Schiff wird von einem anderen Seeräuber kommandiert, nämlich Captain Hook. Eine dritte Anforderung an die selbst geschriebenen Stücke ist, dass Kinder- und Erwachseneninszenierung im gleichen Bühnenbild stattfinden, alles andere wäre viel zu aufwendig. So tummelten sich in früheren Jahren auch schon Robin Hood und Biene Maya im selben Wald.

Ein Mann und eine Frau vor dem Bühnenportal.

Regisseurin Britt Löwenstrom und Hauptdarsteller Christian Wallhäuser schwärmen vom Teamgeist des ehrenamtlichen Ensembles.

500 Kostüme müssen für die Darsteller beider Stücke in Doppelbesetzung geschneidert werden. Der Bau des wetterfesten Bühnenbilds verschlingt in jedem Jahr 15 Prozent des Etats von rund 500.000 Euro.   Der Verein ist stolz darauf, dass er 80 Prozent seiner Kosten über das Eintrittsgeld refinanziert.

Vor der Vorstellung und in der Pause versorgen die Ehrenamtler ihre Gäste noch mit Getränken, Brezeln und Bockwürsten. Alles läuft wie am Schnürchen, die Routine der vielen Aufführungen zahlt sich aus. Und Regisseurin Löwenstrom ist sich nicht zu fein, beim Verkauf mitzuhelfen. Die oberbergischen Besucher treffen auf die vertrauten Erzeugnisse der Erzquell-Brauerei, diese unterhält im nahen Mudersbach ihre Siegerländer Zweigstelle. Aus aktuellem Anlass gibt es auch „Störtebecker“-Bier.

Freudenberger Bühne wurde 1954 gegründet

Nach der Pause schafft die Dämmerung noch einmal eine ganz neue Stimmung, im blauen Bühnenlicht treten nun auch noch Meeresgeister auf. Die Freudenberger Stücke sind eine wilde Mischung aus Heldendrama und Tanzmusical, aus Schwank und Märchenspiel. Alles ist erlaubt, außer Langeweile.

Die Freilichtbühne Freudenberg wurde 1954 gegründet. Zunächst musste auf dem Gelände mitten in der Natur   eine Spiel- und eine Zuschauerfläche geschaffen werden. 1955 gab es vor 700 Zuschauern die erste Premiere: „Wandulf der Waldschmied“. Mehr als 125 Inszenierungen sollten bis heute folgen. 1961 wurde die erste Zuschauerüberdachung errichtet, 1964 das Schauspielerheim. 1982 bekommen die Freudenberger von den Karl-May-Spielen in Elspe die erste drahtlose Übertragungsanlage mit Ansteckmikrofonen geschenkt.

Heute gehören zum weitläufigen Gelände eine große Werkstatt, ein Lager und ein Kostümfundus und was ein Theater sonst so braucht. Schon nach Weihnachten starten hier die Vorbereitungen, Ende Januar gibt es die ersten Leseproben, Mitte März geht es auf die Bühne. Von nun an wird zweimal in der Woche geprobt, andere Hobbys müssen zurückstehen. Nicht wenige Darsteller haben Partner und Kinder im Ensemble und verlegen das Familienleben auf die Freilichtbühne.

Auch die Zuschauer gehören irgendwie zur Familie. Als in der Coronapandemie kurz vor der Premiere alle Aufführungen abgesagt wurden, hätten viele Theaterfans ihre Karten nicht storniert, um den Verein zu retten, berichtet Christian Wallhäuser. „Da haben wir gemerkt, wie viele Freunde wir haben.“

Die nächsten Vorstellungen sind am Freitag und Samstag, 10. und 11. Juli, 20 Uhr (Störtebecker), und Sonntag 12. Juli, 15 Uhr (Peter Pan). Karten gibt es über die Homepage.


Wiehlness

Britt Löwenstrom hat auch schon mehrmals für das Wiehler Schauspielstudio Regie geführt und würde es gern wieder tun, wenn es ihre Zeit zulässt. Sie kennt Michael Albrecht, den Vorsitzenden der oberbergischen Amateurbühne, über eine Zusammenarbeit mit der Freudenberger Schule, die er damals leitete. Löwenstrom inszenierte 2016 in Wiehl „Amber Hall“ und 2018 „Die Wiehlness-Oase“, das Stück zum 25-jährigen Bestehen. „In Wiehl spielen Ehrenamtler, die mit 1000 Prozent dabei sind“, sagt Britt Löwenstrom. „Ich bewundere das Schauspielstudio dafür, dass es sich traut , auch mal anspruchsvolle Stücke zu spielen. Hier in Freudenberg haben wir ein so großes Budget, da müssen wir sichergehen, dass auch Leute kommen.“