Jedes dritte Kind hat laut Statistik ein psychisch krankes Elternteil. Claudia Gliemann hat darum Depressionen zum Thema eines Kinderbuchs gemacht.
LesungOberbergische Schüler lernen den Umgang mit psychischen Krankheiten

Mitreden, mitsingen und mitbasteln können die Kinder bei der Lesung von Claudia Gliemann. Am Donnerstag tritt sie in der Wiehler Bücherei auf.
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Ein Kind zeigt auf. „Mein Vater hatte das schon mal. Er ist dann zur Therapie gegangen. Er hat auch geweint, ist jetzt aber wieder glücklich.“ Claudia Gliemann scheint es nicht zu überraschen, dass unter den 14 Kindern in dieser dritten Klasse der Oberwiehler Grundschule sich eines mit einem psychisch kranken Elternteil findet. Die Musikerin und Autorin weiß, dass laut Statistik etwa jedes dritte Kind in Deutschland betroffen ist.
Und Gliemann freut sich, dass das Oberwiehler Kind so offen von der Depression seines Vaters berichtet. Denn die Kernbotschaft ihrer Lesung ist: Psychische Krankheiten und Suchterkrankungen sind ganz normal, kein Grund sich zu schämen. Und es gibt Hilfe.
Oberwiehler Grundschule macht Angebote
In der Oberwiehler Grundschule können sich die Kinder an ihre Lehrer wenden. Zudem gibt es die Sprechstunde der Schulsozialarbeiterin, einmal in der Woche lädt die evangelische Pfarrerin Judith Krüger zur „Herzstunde“ ein. Dennoch ist Schulleiterin Nadine Safarik-Rohr dankbar, dass die Kinderbuchautorin Gliemann zum Auftakt ihrer Lesereise Station in Oberwiehl macht und zumindest einem kleinen Teil der Grundschulkinder mit dem heiklen Thema vertraut macht.
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„Papas Seele hat Schnupfen“„Papas Seele hat Schnupfen“ heißt Gliemanns Buch, mit dem sie bis zum 19. März in 16 Schulen und Kindergärten auftritt. Bei 36 Lesungen in Wiehl, Nümbrecht und Waldbröl wird sie rund 800 Kinder erreichen. Am Donnerstag, 5. März, 19 Uhr, liest sie für alle interessierten Eltern und Fachkräfte in der Wiehler Stadtbücherei.
Wiehler Verein organisiert Lesereise
Wie schon in den vergangenen beiden Jahren wird die Lesereise der Karlsruher Autorin vom Wiehler Verein „Lebensfarben“ organisiert. Vereinsvorsitzende Sandra Karsten berichtet, dass die Veranstaltungen sich als wirksame Werbung für einen offenen Umgang mit dem Thema erwiesen haben. Kinder und Eltern überwinden in dieser Weise Hemmschwellen. In vielen Fällen gaben die Lesungen den Anstoß, erstmals Hilfe anzunehmen.
2014 hat Claudia Gliemann das Kinderbuch „Papas Seele hat Schnupfen“ veröffentlicht. Als ihre Heimatstadt Karlsruhe sie damals bat, daraus vor Kindern zu lesen, schrieb die Autorin ein paar passende Lieder. Das schwierige Thema wird so bekömmlicher. Und manchmal sogar ein bisschen lustig.
Im Oberwiehler Klassenzimmer wird es ganz still
So greift der Gast im Oberwiehler Klassenzimmer immer wieder zu Gitarre und singt – ganz leise, denn alle hören gespannt zu. Ihre Geschichte kennt Gliemann längst so gut, dass sie frei erzählen kann. Den Rest erklären die Illustrationen von Nadia Faichney. Zu Beginn klärt Gliemann mit den Kindern, was das überhaupt ist, diese „Seele“. Und was es wohl bedeutet, wenn sie Schnupfen hat. Und warum spielt die Geschichte ausgerechnet in einem Zirkus?
Neles Eltern sind nämlich Hochseilartisten. Papa Adam kommt aber seit einiger Zeit morgens kaum aus dem Bett. Und ausgerechnet, als der Circus Miraconda bei der großen Zirkusolympiade auftritt, kann er nicht mehr. Vor aller Augen bricht er zusammen und muss aus der Manege geführt werden. Scham und Wut steigen in Nele auf und so viele Fragen. Da hilft es, dass sie beim Zirkusclown ein offenes Ohr und guten Rat findet. Der Dumme August gibt kluge Antworten: „Genauso wie der Körper krank sein kann, kann auch die Seele krank sein.“ Der Vater muss denn auch ins Krankenhaus und danach weiter behandelt werden. Aber so langsam kommt er wieder auf die Beine.
Im zweiten Teil der Doppelstunde fertigen die Kinder ein eigenes Büchlein an, schreiben über die Vorzüge ihres Körpers und malen eine „Gefühlspizza“. In der Gesprächsrunde vergleicht Claudia Gliemann das kranke Gehirn mit einem Straßennetz, in dem eine Brücke eingestürzt ist. Erstaunlich viele Drittklässler im Raum haben schon einmal von dem Begriff „Depression“ gehört. Sie wissen, dass sie sich an die Schulsozialarbeiterin wenden können.
Und sie haben ihre eigenen Rezepte, wenn sie mal traurig sind: „Dann kuschele ich mit meiner Katze.“
Gegen das Tabu
Die Lesereise „Papas Seele hat Schnupfen“ soll möglichst zur dauerhaften Einrichtung werden, sagt Sandra Karsten vom Verein „Lebensfarben“. Unterstützt wird das Projekt von der Sozialstiftung der Kreissparkasse Köln, der Hans-Hermann-Voss-Stiftung und der Software -AG-Stiftung. Darüber hinaus kooperiert der Verein dank der Förderung der Rhein-Energie-Stiftung Familie in Köln mit Schulen und Kindergärten, um das Thema seelische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und Familien auch sonst zu enttabuisieren und die Kinder nachhaltig zu stärken.

