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ZandersBergisch Gladbach und sein neues Stadtviertel

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Das Foto zeigt die Zanders-Schornsteine

Blick auf die Zanders-Schornsteine

Vor fast fünf Jahren, am 30. April 2021, stellte die Bergisch Gladbacher Papierfabrik Zanders den Geschäftsbetrieb ein. Die Neuordnung des Areals hat begonnen. Ein Überblick.

 Die Firma Zanders bestand genau 70.206 Tage. Der Todestag seines damaligen Kompagnons Gottfried Fauth am 11. Februar 1829 markierte für Firmengründer Johann Wilhelm Zanders den Beginn einer neuen Ära. 1822 hatten die beiden Verwandten gemeinsam ein erstes Unternehmen gegründet.

Das Foto zeigt die Zentralwerkstatt

Die Zentralwerkstatt wird zu eine Kulturzentrum

Aus dem Start-up, wie man heute sagen würde, wurde eine Weltmarke. Mit der zweiten Insolvenz zum 30. April 2021 endete die Geschichte. Fünf Jahre ist dies in wenigen Wochen her. Bis 2021 war Bergisch Gladbach einer der führenden Hersteller von Feinpapieren. Exporte gingen in alle Welt. Mit der Betriebsschließung endete die Papiergeschichte der Stadt.

Streetfoodanbieter auf dem Zanders-Gelände

Streetfood auf dem Zanders-Gelände

Den besten Blick über das ehemalige Betriebsgelände hat man vom Parkdeck der RheinBerg-Galerie. Der Blick trifft auf die große Werkshalle, die vom himmelblauen Schriftzug „Gohrsmühle“ geschmückt wird. In der Ferne ragen die beiden Betriebsschornsteine in die Höhe. Das Kraftwerk, erbaut von Baumeister Dominikus Böhm, ist benachbart zu erahnen. Kleinere und größere Werkshallen füllen das Bild. Die jetzt leerstehende Industriehalle für die riesige Papiermaschine folgt Richtung Schnabelsmühle.

Das Foto zeigt das historische Verwaltungsgebäude von Zanders

Das historische Verwaltungsgebäude der Firma Zanders

Das große Lagerhochhaus sticht auch heraus. Der Blick geht weit ins Hinterland, zu den Schuppen. Irgendwo weit in der Ferne sind die Becken der Kläranlagen zu sehen. Zanders war immer auch eine eigene Welt, das mussten sich die Planer der Stadt schnell verdeutlichen. „Zanders ist schon da“, hieß ein Leitspruch der ersten Jahre nach der Schließung. Ja. Aber richtig angebunden war das Gelände nie.

Das Foto zeigt den Büstengarten auf dem Zanders-Gelände

Der Büstengarten auf dem Zanders-Gelände

Das ist jetzt ein Problem. Ende April wird die Stadt die städtebauliche Entwicklungsplanung vorstellen. Zunächst den Politikerinnen und Politikern und der interessierten Öffentlichkeit in einem Fachausschuss, voraussichtlich am 30. April. Für den Samstag, 9. Mai, ist ein großes Bürgerforum angekündigt auf dem Zanders-Gelände, auf dem die Fachplaner des Büros „Albert Speer + Partner“ (ASP) die Planungsdinge ausführlich präsentieren und über die nächsten Schritte informieren. Eröffnet wird an diesem Tage auch die sogenannte Gleisharfe, im Bereich Gohrsmühle auf dem 37 Hektar großen Gelände. Ein Freizeitpark ist dort in den vergangenen Wochen entstanden, allerlei Freizeit- und Spielgelände sind aufgestellt worden. Fördergelder aus den Städtebaumitteln des Landes, aus dem Paket der Regionale 2025/Bergisches RheinLand, sind zur Gleisharfe geflossen.

White Dinner im Büstengarten.

White Dinner im Büstengarten

Der Umbau dieses Areals ist, gemeinsam mit den Planungen für die Zentralwerkstatt, ein erster Schritt in die Zukunft von Zanders. Die Neuplanung der Zentralwerkstatt ist ein Regionale 2025-Leuchtturmprojekt. 3000 Bewohner, 3000 Arbeitsplätze. Das ist die Skizze, die die Planer verfolgen. Was noch? Ein „Exzellenzbaustein“ für die Bestenförderung des Berufskollegs wird kommen, parallel auch ein Berufsbildungszentrum. Irgendwann später der Umzug des gesamten Berufskollegs. Aber wie gelingt die Anbindung an die riesige Papiermaschinenhalle, die beim angestrebten Bildungscampus eine Schlüsselrolle spielen soll?

Das Foto zeigt das Zanders-Forum

Das Zanders-Forum, die ehemalige Kantine, demnächst Stadtbücherei

Die Stadtbücherei soll in die ehemalige Kantine umziehen, sofern deren Größe passt. Die Zentralwerkstatt wird ab Ende 2026 umgebaut, zu einem neuen Veranstaltungs- und Kulturzentrum der Stadt. Auch zu den Branchen, die sich ansiedeln könnten, muss es Entscheidungen geben. Zanders bewegt sich und wird sich weiter bewegen. Viel, sehr viel ist noch zu tun. Es gibt im Grunde keine Infrastruktur, die die Stadt mal eben so übernehmen kann. Die Industrie-Kläranlagen führten das Schmutzwasser zum Rechtsrheinischen Randkanal, aber nicht in das städtische Netz der Kanalisation.

Das Foto zeigt die Dampflok Emma

Die restaurierten Dampflokomotive Emma

Alles muss neu gedacht, neu gemacht werden. Fürs Energiemanagent hat sich die Stadt den heimischen Energieversorger Belkaw an die Seite geholt, hier hält die Stadt ja große Anteile. Zwischennutzer sind eingezogen an einigen Stellen, eine Entsorgungsfirma hat ein Plätzchen gefunden; das repräsentative Verwaltungsgebäude ist vielfältig vermietet. Radfahrer und Fußgänger freuen sich, dass sie zwischen dem Stadtteil Gronau und der Stadtmitte über die Hauptachse „Main Street“ eine Abkürzung bekommen haben.

Das Foto zeigt eine illuminierte Werkshalle

Illumination alter Werkshallen

Aber auch dies wird nicht auf Dauer bleiben können. Mit dem Umbau des Geländes, großflächig und das bisherige Bild verändernd, kann die „Main Street“ nicht geöffnet bleiben. Wenn die Bautätigkeit einsetzt, beginnt die entscheidende Phase. Wann das sein wird, lässt sich aus heutiger Sicht nicht absehen. Seit November letzten Jahres gibt es ein Fachgremium zusätzlich zur städtischen Zanders-Entwicklungs-Gesellschaft (ZEG). Renommierte Persönlichkeiten gehören diesem „Entwicklungsbeirat“ an, Raumplaner, Experten für Gebäudelehre, für Städtebau und für das Entwerfen neuer Stadtviertel.

Dreigestirnsempfang2023  der Redaktion an der Gohrsmühle

Dreigestirnsempfang 2023 der Redaktion auf dem Zanders-Gelände

Zwei Tage brüteten die Fachleute über den Planungen, stellten die Ausgangslage dar und gaben Ausblicke auf die kommenden Jahre. Dass nicht alle Gebäude, die momentan auf Zanders zu sehen sind, erhalten bleiben, könnte ein roter Faden der Debatten gewesen sein. Das Areal ist aufgeteilt in Bereiche für Wohnen und für Arbeit. Die Strunde soll als blaues Band offengelegt werden.

Lesertour über das Zanders-Gelände im Sommer 2022

Lesertour im Sommer 2022 über das Gelände

Der Gebäudebestand wird nicht überall passen zu den Vorstellungen der Planer. In einer der letzten Sitzungen des Zanders-Ausschusses, der vor der jüngsten Kommunalwahl eingestellt wurde, hieß es aus fachlicher Sicht, dass sich das Areal verändern werde. Erhalt ja, bitte, aber nicht zwingend oder um jeden Preis. Die Denkmalensembles, zahlreich zu finden vom Kraftwerk bis zur Dampfspeicherlok, sind gesetzt. Manches andere muss mit Fragezeichen versehen werden. Wer in diesen Zeiten, fünf Jahre nach der Betriebsschließung, über das Gelände wandelt, erlebt noch den Arbeiter-Charme der Industriefabrik Zanders, für den Tausende Mitarbeitende zwischen 1829 und 2026 stehen. Neues Leben wird kommen, neues Leben muss kommen. In weiteren fünf Jahren wird für das Areal eine Metamorphose begonnen haben, tiefgreifend, raumverändert und prägend für die Stadt.

Eine Anknüpfung zur Innenstadt hin ist das Ziel der Planer. Zanders soll sich integrieren in die Stadtmitte, diese aufwerten und ergänzen. Ein großer Solitär abseits der Stadt ist nichts, was sich die Planer wünschen. Zanders soll das neue Stadtquartier werden, in fünf, zehn oder 15 Jahren. Dann könnte es heißen: Bergisch Gladbach, die Zanders-Stadt.