Mit der Verwendung und Weiterentwicklung gefundenen Materials knüpft der 30-Jährige an die von Max Ernst genutzten Techniken an.
Ausstellung in BrühlFynn Ribbeck ist der neue Max-Ernst-Stipendiat

Fynn Ribbeck (30), diesjähriger Max-Ernst-Stipendiat, vor seinem wandfüllenden Webteppich, der derzeit in Brühl zu sehen ist.
Copyright: Hanna Styrie
Stattliche 6,50 mal 3,60 Meter misst der Wandteppich, der in Fynn Ribbecks Ausstellung im Leonora-Carrington-Saal zu sehen ist. Man erkennt ein Blumenmotiv, das aber von einem Flimmern überblendet wird, das an die wackligen Bilder einer Überwachungskamera erinnert. Das Werk ist ein markantes Beispiel für die künstlerische Praxis des 30-Jährigen, dem in diesem Jahr das Max-Ernst-Stipendium zuerkannt wurde.
Als Ausgangspunkt dienen ihm historische Fotografien, die er in Bildarchiven findet. Dieses Material wird dekonstruiert, neu montiert und in andere Kontexte überführt. „Gethsemane“ ist der Teppich betitelt, in dem er das serielle Dekor einer Tapete aus einer Fotografie aufgreift und mit einer Bildstörung verbindet, wie man sie auch aus den Anfängen des Fernsehzeitalters kennt. Das Tapetenmotiv entstammt einem Polizeiarchiv der 1970er und 1980er Jahre. Die Bilder dokumentieren Menschen, Orte und Situationen ausschließlich aus staatlicher Perspektive.
Brühl: Ausstellungstitel „Horses“ verweist auf Gefühle, die Pferde auslösen können
Neben Demonstrationen, Hausdurchsuchungen und Reiterstaffeln finden sich darauf so beiläufige Gegenstände wie eben Tapeten, Uhren und Schaufenster. Der Ausstellungstitel „Horses“ verweist auf die unterschiedlichen Gefühle, die Pferde auslösen können: Einerseits treue Gefährten des Menschen, andererseits Mittel für Polizei und Militär zur Ausübung staatlicher Macht.
Mit der Verwendung und Weiterentwicklung gefundenen Materials knüpft Ribbeck an die von Max Ernst genutzten Techniken an. „Ich bin ein Fan von Max Ernst, wir sind uns ähnlich in der Arbeitsweise“, teilte Ribbeck bei der Verleihung des Stipendiums mit, die traditionell am 2. April, dem Geburtstag des Surrealisten, stattfindet.

Im Kreise von Juroren und Kuratoren verlieh Bürgermeister Marc Prokop das das Max-Ernst-Stipendium 2026 an Fynn Ribbeck (5. und 7. v.l.). Das Preisgeld in Höhe von 10 000 Euro wird zu gleichen Teilen von der Stadt Brühl und der Max-Ernst-Gesellschaft zur Verfügung gestellt.
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Auch auf den aus Architekturfilz genähten Objekten entdeckt man bei genauem Hinsehen verfremdete Archivmotive wie einen Pferdekopf und ein Fahndungsfoto, die von einer dunklen Körnung überlagert werden. Die verzerrten Proportionen verleihen den Textilskulpturen zudem eine geheimnisvolle Anmutung.
Im Zentrum der Ausstellung steht der zwölfminütige Videofilm „Eggshell Mind“, mit dem er die Jury beeindruckte, die sich einstimmig für ihn entschied. In dem Video, für das er historisches Bildmaterial collagiert und durch digitale Techniken animiert hat, entwirft er in kühler Ästhetik eine beängstigende, bedrohliche Welt, die von Stummfilmen inspiriert ist und an Vorbilder wie Fritz Lang erinnert.
Durch die Verfremdung öffne Ribbeck „neue Räume der Assoziation und Irritation“, lobt die Jury in ihrer Begründung. Seine Bilder machten sichtbar, dass jede Dokumentation auch Konstruktion sei, bekräftigte die Kuratorin und Autorin Linnéa Bake in ihrer Laudatio. Der Preisträger stelle den Wahrheitsgehalt von Bildern in Frage und fordere zur Mündigkeit im Umgang damit auf, befand Bake.
Bürgermeister Marc Prokop übergab Ribbeck die Urkunde und das Preisgeld in Höhe von 10 000 Euro, das zu gleichen Teilen von der Stadt und der Max-Ernst-Gesellschaft kommt. „Mögen Sie Ihr Werk mit weiteren Bildfindungen anreichern, die faszinieren und zum Nachdenken bewegen werden“, so der Bürgermeister.
Die Ausstellung
Die Ausstellung „Horses“ ist bis zum 3. Mai im Max Ernst Museum, Comesstraße 42, zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr. Weitere Informationen hier.

