Keine sechs Jahre ist es her, da wog Heidi Kalteier noch 206,7 Kilogramm. Nun ist sie sportlich und sprüht nur so vor Lebensfreude.
„Abnehmen beginnt im Kopf“Wie eine Brühlerin 126,7 Kilogramm verloren hat

Diese Hose hat Heidi Kalteier einmal richtig gut ausgefüllt. Jetzt wiegt sie nur noch 80 Kilogramm.
Copyright: Margret Klose
Die schweren Hanteln für die Zwischendurch-Übungen hat Heidi Kalteier immer griffbereit im Wohnzimmer liegen. „Damit halte ich mich hier zu Hause fit“, sagt sie. Es macht ihr nämlich richtig viel Spaß, sich auch schon mal vor dem Fernseher ein bisschen auszupowern. Kraftsport, aber auch viel Bewegung an der frischen Luft und mindestens 10.000 Schritte am Tag haben in ihrem Alltag einen festen Platz.
Jeder Spaziergang war für die Brühlerin ein Kraftakt
„Dreimal in der Woche besuche ich zusätzlich das Fitnessstudio“, sagt sie. In der Tat wirkt Heidi Kalteier nicht nur sportlich und durchtrainiert, sie sprüht auch nur so vor Lebensfreude. „Ich habe auch allen Grund, dass es mir gut geht“, sagt sie. Vor allen Dingen sei sie ihrem Körper dankbar, dass er ihr die Sünden der Vergangenheit bisher nicht nachgetragen hat.

Heidi Kalteier in ihrem alten Leben – damals wog die Wesselingerin noch 206,7 Kilogramm. (Repro)
Copyright: Margret Klose
Tatsächlich war Heidi Kalteier nicht immer so schlank und sportlich. Im Gegenteil. Keine sechs Jahre ist es her, da war es ihr körperlich nicht einmal möglich, sich zwischendurch einfach so im Wohnzimmer auf den Teppich zu legen. Jeder Spaziergang war für sie ein Kraftakt. Damals wog Heidi Kalteier 206,7 Kilogramm.
Sogar alltägliche Dinge wie Schuhe binden und Socken anziehen sind ihr schwergefallen. Und shoppen – heute eine wirklich wunderbare Sache für sie – war ehemals eher ernüchternd. „Oft stieß ich mit meiner Körperfülle sogar in speziellen Fachgeschäften an die Grenze“, erinnert sie sich.
Dicke Menschen brauchen in unserer Gesellschaft ein dickes Fell
Als Dicke war der Sitzcheck im Internet vor jedem Restaurantbesuch Routine. Und um ihre Sitznachbarn im Flieger nicht zu belästigen, hat sie lieber direkt zwei Plätze für sich gebucht. Hinzu kam, dass sie sich ständig und überall angegafft fühlte. „Dicke Menschen brauchen in unserer Gesellschaft ein dickes Fell“, bilanziert sie.
Sie hat gelernt, fiese Anmerkungen zu ignorieren – achtete aber auch darauf, keinerlei Vorlagen zu liefern. „Selten habe ich mir draußen ein Eis oder was Süßes auf der Hand gegönnt“, erzählt sie. Und wenn doch, dann hatte sie mitunter das Gefühl, dass die Passanten neben oder hinter ihr tuschelten. „Nur wenige sprachen laut aus, was sie dachten: Ist die nicht schon dick genug?“
Brühl: Ohne Magen-OP 126,7 Kilogramm abgenommen
Noch genau erinnert sich Heidi Kalteier an den Tag, an dem sie im September 2020 in der Adipositas-Abteilung im Dreifaltigkeits-Krankenhaus in Wesseling vorsprach. Heute sagte sie: „Das war der Start in ein neues Leben.“ Doch nicht im Traum hätte sie sich vorstellen können, dass sie sich in den folgenden 20 Monaten gewichtsmäßig sogar mehr als halbieren sollte. Ohne Magen-OP hat sie das sogar für Fachleute und Ärzte fast Unglaubliche wahrgemacht und 126,7 Kilogramm abgenommen – auf 80 Kilogramm.
Abnehmen beginnt im Kopf
„Abnehmen beginnt im Kopf“, sagt die Brühlerin. Selbst gut gemeinte Ratschläge von Freunden und der Familie nützten nichts, wenn es im Kopf nicht auch „Klick“ macht. „Ich wusste doch schon lange, dass mein Übergewicht meinen gesamten Organismus belastet“, erklärt sie. Auch vieles, was sie in der Adipositas-Gruppe im Dreifaltigkeits-Krankenhaus in den dann folgenden Wochen und Monaten gelernt hatte, war ihr eigentlich längst bekannt.
„Ich war ja nicht plötzlich dick“, sagt sie. Der Speck sei auch bei ihr langsam gewachsen. Schon als Kind sei sie immer ein bisschen mollig gewesen – viele Jahre hat sie sich einfach auch so akzeptiert – bis die Waage die 200-Kilo-Marke anzeigte. Schon im März 2020 hatte sie einen ersten Versuch, abzunehmen, gestartet. Dann jedoch kamen Corona und die Lockdowns. „Bis September habe ich dann sogar noch weitere Kilo zugenommen“, berichtet sie. Einen Plan, wie viel sie letztendlich abnehmen wollte, hatte die Brühlerin damals nicht.
„Zuerst habe ich meine Ernährung komplett umgestellt“, erzählt sie. Statt der kalorien- und kohlenhydratlastigen Fertiggerichte wie Snacks, Chips und Cola begann sie, ihre Mahlzeiten für die Arbeitswoche vorzukochen – proteinreich mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten, Quark und Joghurt.
„Mein erstes Fitnessprogramm war dann eine Steigerung der Alltagsbewegungen“, so die Brühlerin. Bewusst parkte sie ihr Auto nicht mehr direkt am Ziel, und statt Aufzug oder Rolltreppe nutzte sie die Treppe, um nach oben oder unten zu gelangen. „Das mache ich im Übrigen auch heute noch so“, sagt sie. Schließlich war es ihr ja nicht nur wichtig, abzunehmen. „Ich möchte dieses Gewicht auch weiterhin halten“, sagt sie.
Lebensstil, psychische Probleme oder Genetik
Adipositas ist eine Krankheit. Menschen, die einen Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30 kg/m² haben, sind adipös. Der Body-Mass-Index ist die Zahl, welche die Größe und das Gewicht mit einbezieht. Die Erkrankung geht mit einer Vermehrung des Körperfettgewebes einher.
Die Ursachen für Adipositas können im Lebensstil liegen. Möglich sind auch psychische Probleme oder genetische Faktoren. „Auf dem Weg zum Normalgewicht führt jedoch kein Weg an einer langfristigen Veränderung des Lebensstils vorbei“, sagt Professor Dr. Jacobi. Er ist Ansprechpartner Nummer eins im Adipositas-Zentrum im Dreifaltigkeits-Krankenhaus in Wesseling.
Dort bekommen die Patienten einen individuellen Therapieplan, der genau zu ihren Voraussetzungen, ihren Begleiterkrankungen und ihren Lebensumständen passt. „So hat vor Jahren hier in unserer Abteilung ein Patient nach einer Magen-OP sogar rund 250 Kilogramm abgenommen“, erinnert sich Jacobi an den Mann, der mit einem Gesamtgewicht von 350 Kilogramm bei ihm vorgesprochen hatte. Weitere Informationen hier. (mkl)

