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Psychologin„Einsamkeit kann unsere Demokratie gefährden“

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Symbolbild Einsamkeit

Symbolbild Einsamkeit

Einsamkeit wird als „die neue soziale Frage unserer Zeit“ (Hendrik Wüst) bezeichnet. Die Psychologin Maike Luhmann über die Gefahren von Einsamkeit für die Gesellschaft. 

Frau Luhmann, Einsamkeit war lange ein Thema, über das man nicht gerne gesprochen hat. Haben Sie das Gefühl, dass sich das verändert?

Ja, vor allem die Corona-Pandemie hat da einen großen Unterschied gemacht. Vorher wurde tatsächlich sehr selten in den Medien und auch in der Politik über Einsamkeit gesprochen. Und dann waren wir plötzlich alle zu Hause - und fühlten uns einsam.

Die Pandemie ist zu Ende, aber das öffentliche Interesse hat sich gehalten?

Ja, auch wenn Einsamkeit bei all den Krisen natürlich nicht immer das Thema Nummer Eins ist. Aber mir begegnen regelmäßig Berichte über das Thema. Und ich werde selber sehr viel mehr als Interviewpartnerin angefragt, als das noch vor einigen Jahren der Fall war.

Warum, glauben Sie, ist es wichtig, dass wir das Thema nicht wieder aus dem Blick verlieren?

Weil Einsamkeit mit einer ganzen Reihe von negativen Folgen einhergehen kann, die auch gesellschaftlich relevant sind.  Es ist zum Beispiel sehr gut belegt, dass Einsamkeit mit einer ganzen Reihe von Erkrankungen einhergehen kann - bis hin zu einer verkürzten Lebenserwartung. Und das belastet natürlich auch unsere Gesundheitssysteme. Dann gibt es Forschung, die zeigt, dass einsame Menschen weniger produktiv, weniger leistungsfähig sind. Es gibt also auch ökonomische Gründe, warum man sich mit dem Thema beschäftigen sollte. Und eine ganz neue Forschung deutet auch darauf hin, dass Einsamkeit Menschen anfälliger machen könnte für Verschwörungserzählungen oder auch für eine politische Extremisierung. Wenn sich das so bestätigt, dann zeigt das nochmal, dass Einsamkeit auch für unsere Demokratie gefährlich ist.

Inwiefern?

Wenn man sich lange einsam fühlt, entwickeln viele ein Misstrauen gegenüber anderen Menschen. Es fällt ihnen schwerer, sich auf andere einzulassen, sich anderen anzuvertrauen. Und dieses Misstrauen, wird dann manchmal generalisiert – auf die Gesellschaft als Ganzes. Und wenn ich mit so einem allgemeinen Misstrauen durch die Welt gehe, macht mich das natürlich anfälliger für zum Beispiel eben politisch extreme Richtungen oder Gruppierungen.

Man spricht ja heute oft von den Bubbles, in denen man sich bewegt. Mit einer negativen Tendenz – aber kann so eine Bubble, in der man sich mit ähnlich denkenden Menschen austauscht und vernetzt nicht auch etwas Positives sein?

Die Bekämpfung von Einsamkeit sollte nicht das einzige Motiv sein, unseren Alltag zu gestalten. Und für das Gefühl der Zusammengehörigkeit, des Zusammenhaltes in der Gesellschaft ist es essentiell, die eigene Blase zu verlassen und sich über verschiedene Bevölkerungsgruppen hinweg auszutauschen. Aber natürlich ist es kein Zufall, dass es diese Blasen gibt: Weil wir mit Menschen, die uns ähnlich sind, sehr viel schneller eine Verbindung aufbauen und Freundschaften knüpfen können. Und mit Menschen, mit denen wir Interessen teilen, finden wir schneller eine Grundlage, auf der sich dann aufbauen lässt. Das kann der gemeinsame Sport oder auch Musik sein.

Im Extremfall aber auch, dass man gemeinsam der Überzeugung ist, dass die Erde eigentlich flach ist...

Ja, und das ist auch genau die Erklärung, warum Einsamkeit möglicherweise manche Menschen für Verschwörungstheorien anfällig macht. Gar nicht unbedingt wegen der Verschwörungstheorie selber - sondern einfach, weil es auch ein Weg ist, über den man so eine Verbundenheit mit anderen Menschen finden kann.  Und deswegen ist es so wichtig, dass wir Angebote schaffen für Menschen, die nach Anschluss suchen, die gesellschaftlich inklusiv sind und nicht demokratiegefährdend. Egal ob online oder offline.

Politik kann das Problem nicht alleine lösen.
Maike Luhmann

Politik hat da also durchaus eine Rolle?

Ich sehe die Politik da auf jeden Fall als einen ganz wichtigen Player. Und sie hat sich des Themas ja auch schon angenommen. In NRW wird das vom Ministerpräsidenten Hendrik Wüst schon seit Jahren vorangetrieben, auch finanziell. Und auch die Bundesregierung beschäftigt sich inzwischen damit. Politik kann Rahmenbedingungen verändern, Geld in die Hand nehmen um Angebote zu schaffen oder zu fördern. Aber Politik kann das Problem nicht alleine lösen. Gerade in der Zivilgesellschaft gibt es wahnsinnig viele Menschen, die sich für dieses Thema interessieren - oft kommen daher sogar die besten Ideen. Ich sehe Einsamkeit als eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Was bedeutet, dass jeder Player mitmachen muss: Bildungssystem, Schulen, Hochschulen und das Gesundheitssystem sind genauso in der Verantwortung. Um zum Beispiel stark vereinsamte Menschen zu identifizieren. Und Unternehmen werden leider in der Debatte oft vergessen – dabei können auch sie ihren Teil beitragen.

Was war zuerst da: Die Sozialen Medien oder die Einsamkeit?

Die wenigen Studien, die sich das Phänomen Einsamkeit mit komplexeren Forschungsmethoden angeschaut haben, kommen eher zu dem Schluss, dass Menschen erst einsam sind und quasi als Folge ihrer Einsamkeit einfach mehr Zeit mit dem Handy verbringen.  Und nicht andersherum, sie die Handynutzung erst einsam macht. Vermutlich trifft beides irgendwie zu. Der Zusammenhang ist auf jeden Fall viel komplizierter, als es die Berichterstattung in den Medien oft nahelegt.

Das Schlagwort „Einsamkeitsepidemie“ trifft es also nicht?

Einsamkeit betrifft tatsächlich viele Menschen und insbesondere heutzutage auch junge Menschen mehr als früher. Deswegen sollten wir uns das als Gesellschaft auch auf jeden Fall anschauen und etwas dagegen tun. Aber in der medialen Erzählung wird der Begriff „Einsamkeitsepidemie“ oft so verwendet als wäre das jetzt etwas ganz Neues. Und das kann man nicht pauschal sagen. Zum einen, weil es von Früher - was auch immer früher ist - gar nicht so viele gute Daten gibt, dass man überhaupt solche Vergleiche ziehen könnte. Und Einsamkeit nichts ist, was sich plötzlich wie so ein Flächenbrand ausbreitet - eben eine Epidemie.

Welche Rolle können Kultur- oder auch Sport-Events spielen?

Es gibt die „kollektive Einsamkeit“: Wenn man das Gefühl hat, dass man mit den Menschen um sich herum nichts gemeinsam hat, dass man irgendwo so richtig zugehört, fehl am Platz ist. Verbindende Ereignisse wie Konzerte oder ein großes Sportevent können das verändern. Auch Theater oder andere Kulturereignisse vermitteln das Gefühl: Ich bin nicht komplett allein auf der Welt mit meinen Interessen. Stadtbüchereien finde ich besonders erwähnenswert, weil sie als Begegnungsräume noch viel mehr leisten können. Viele haben das auch schon als Auftrag erkannt und bieten wahnsinnig viel: Veranstaltungen und einfach Räume, wo man sein darf - egal ob man Geld hat oder nicht.

Sehen Sie Künstliche Intelligenz eher als Chance oder als Risiko?

Die KI bietet Chancen gerade für Menschen, die wirklich nirgendwo anders Anschluss finden können. Weil sie zum Beispiel eingeschränkt sind aufgrund chronischer Erkrankungen. Oder die Sprache vor Ort nicht sprechen. Für solche Menschen kann die KI eine wunderbare Lösung sein, um zumindest akute Einsamkeitsgefühle ein bisschen abzumildern. Gerade in den ostasiatischen Ländern gibt es auch schon Ideen, in der Pflege von Senioren Roboter einzusetzen. Und das scheint gut zu funktionieren. Aber natürlich sollten die KI nicht unsere echten menschlichen Beziehungen ersetzen.

Der Umgang mit KI ist natürlich viel bequemer, als sich mit einer echten Person abzugeben, die auch mal anderer Meinung ist oder etwas anderes möchte.
Maike Luhmann

Könnte das ein Risiko sein?

Ich fürchte schon, dass das bei einigen passieren könnte - weil es so viel einfacher ist. KI ist immer da, sie widerspricht nicht, bestätigt nur. Sie erfordert weder Konfliktfähigkeiten noch andere soziale Fähigkeiten. Also ist der Umgang mit KI natürlich viel bequemer, als sich mit einer echten Person abzugeben, die auch mal anderer Meinung ist oder etwas anderes möchte. Wenn es also zum Trend werden sollte, dass immer mehr Menschen wirklich auf die menschlichen Begegnungen verzichten zugunsten der KI - dann kann das für uns als Menschheit nur schlecht sein.

Sie haben selber eine Zeit lang in Köln gewohnt – eine Stadt die sehr stolz auf ihre Geselligkeit und Kontaktfreudigkeit ist. Glauben Sie, dass es tatsächlich in manchen Städten einfacher ist, Kontakte zu knüpfen als in anderen?

Ja, das glaube ich tatsächlich. Und das kann ich auch mit Daten unterfüttern. Wir haben nämlich selber mal Daten aus Deutschland ausgewertet, wo wir uns angeschaut haben, in welchen Regionen Einsamkeit stärker ausgeprägt ist. Da gab es immer so einen grünen Fleck – das Rheinland. Und grün stand für: „Am wenigsten einsam“.

Da stimmt also die Selbstwahrnehmung mit den Daten überein.

Ja, genau. Meine persönliche Erfahrung in Köln ist auch, dass es dort viel einfacher ist, mit Menschen in der U-Bahn, auf der Straße oder in der Nachbarschaft ins Gespräch zu kommen, als ich das an anderen Orten der Welt und auch in Deutschland erlebt habe. Im Ruhrgebiet, wo ich jetzt wohne und an der Universität lehre, ist es aber zum Glück auch sehr gesellig.


Maike Luhmann

Maike Luhmann

Maike Luhmann, geb. 1981, ist Professorin für Psychologische Methodenlehre an der Ruhr-Universität Bochum und hat sich mit zahlreichen Publikationen zum Thema Einsamkeit einen Namen gemacht. Zuvor forschte und lehrte sie an der Universität zu Köln, der University of Illinois at Chicago, der University of Chicago sowie der Freien Universität Berlin. Ihr Buch „Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft“ ist im März im Fischer-Verlag erschienen. Als Teil des Kompetenznetzes Einsamkeit berät Maike Luhmann die Bundesregierung bei ihrer Strategie zur Bekämpfung von Einsamkeit. Sie lebt in Bochum.

Über Einsamkeit und Lebenssinn sprechen die Psychologin und der Philosoph Michael Zichy auf der phil.Cologne am Samstag, 13. Juni um 17.30 im Comedia Theater. Tickets kosten 24/21 Euro im Vorverkauf. Es moderiert Jürgen Wiebicke.