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Wiederaufbau nach der FlutWie ein Tennisclub aus Erftstadt zum Vorbild für Inklusion wurde

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Das Foto zeigt die beiden Vereinsmitglieder auf dem Tennisplatz.

Alexandra Rörig fühlt sich im Tennis-Sport Erftstadt rundum wohl. Vorsitzender Ferdinand Uhde hat den behindertengerechten Bau der sechs Plätze und des Vereinsheims maßgeblich vorangetrieben.

Tennis-Sport Erftstadt setzt auf Barrierefreiheit. Der Vorsitzende und eine Spielerin mit Handicap erklären, wie das gelingt.

Der Tennis-Sport Erftstadt (TSE) wurde mehrfach ausgezeichnet: als nachhaltiger Sportverein, als Referenzanlage für modernen Sportstättenbau, als Stützpunktverein „Integration durch Sport“. Am Samstag (12. September) lud der Verein zum Schnuppertag auf die Anlage An der Schwarzau 7 in Liblar ein. Hobbyspielerin und Rollstuhlfahrerin Alexandra Rörig erzählte Beate Schwarz, warum sie sich auf der Anlage in Liblar so wohlfühlt. Der Vorsitzende Ferdinand Uhde erklärte, warum der Verein behindertengerecht gebaut hat und Inklusion voranbringen möchte.

Die Aktion Mensch definiert Inklusion so: „Inklusion ist, wenn alle mitmachen dürfen. Egal wie du aussiehst, welche Sprache du sprichst oder ob du eine Behinderung hast.“ Herr Uhde, was braucht es, damit Inklusion gelingt?

Ferdinand Uhde: Barrierefreies Denken. Mein Vorstandskollege Ralf Schüssler hat einmal gesagt: Inklusion ist leicht. Man muss es bloß machen.

Seit wann „macht“ der TSE Inklusion?

Uhde: Eine sichtbare Aktion sind die Feriencamps für Kinder. Direkt an der Zufahrt zum Vereinsgelände stehen seit über zehn Jahren Unterkünfte für Geflüchtete. Da fährt man jeden Tag vorbei. Wir wollten für die Kinder, die dort leben, etwas anbieten. Dann sagte jemand: Es gibt auch viele sozialschwache Familien, die sich solche Feriencamps nicht leisten können. Also haben wir das Jobcenter angesprochen, und es hat Kinder vermittelt. Vereinsmitglieder nehmen ebenfalls an den Camps teil, das mischt sich alles ganz selbstverständlich. 2017 haben wir als erster Erftstädter Verein vom Deutschen Olympischen Sportbund das Siegel „Integration durch Sport“ bekommen.

Werden Kinder aus geflüchteten oder sozial schwächeren Familien anschließend auch Mitglieder?

Uhde: Ja, nach jedem Camp treten zwei, drei in den Verein ein. Bei Bedarf helfen wir bei der Finanzierung des Trainings aus einem dafür eingerichteten Spendenpool.

Frau Rörig, Sie sind seit dem Sommer im Verein. Warum haben Sie sich für den TSE entschieden?

Rörig: Die Barrierefreiheit, die der TSE mir und anderen Menschen mit Handicap bietet, ist beispiellos. Dass ein Breitensportverein gleich zwei barrierefreie Umkleiden mit Dusche und Toilette hat, dazu einen Hublift zur Terrasse im Obergeschoss, ist sehr ungewöhnlich. Bisher habe ich in Bonn Rollstuhltennis gespielt. Nach meinem Umzug nach Erftstadt habe ich einen neuen Verein gesucht. Ich bin sehr froh, dass ich beim TSE in Liblar so nett aufgenommen worden bin.

Man spürt, dass beim TSE in erster Linie der Mensch zählt. So muss Inklusion!
Alexandra Rörig, Spielerin mit Handicap

Mit wem spielen und trainieren Sie?

Rörig: Andreina Varela-Parra führt den Trainingsbetrieb beim TSE. Sie war Profispielerin auf internationalem Niveau und hat eine Ausbildung für Parasport. Das Training mit ihr ist super. Beim Generationenturnier Ende August habe ich im Doppel mit und gegen Fußgänger gespielt. Die Regeln unterscheiden sich beim Rollstuhltennis ja nur minimal vom reinen Lauftennis. Das war eine schöne Erfahrung und hat viel Spaß gemacht.

Die Flut 2021 hatte die komplette Tennisanlage zerstört. Warum hat sich der TSE für einen barrierefreien Neubau entschieden?

Uhde: Das Grundstück gehört zwar dem Verein, gilt aber als öffentliches Gelände. Barrierefreiheit ist daher eine Auflage. Aber die kann man natürlich mehr oder weniger konsequent umsetzen. Der Vorstand hat sich bei den Mitgliedern die Zustimmung zum Konzept geholt. Ökologische Nachhaltigkeit war uns ebenfalls sehr wichtig.

Wussten Sie denn, wie man barrierefrei baut?

Uhde: Nein. Ralf Schüssler, der stellvertretende Vorsitzende, und ich haben uns tief eingearbeitet. Bei der Gold-Kraemer-Stiftung und anderen Institutionen haben wir gute Unterstützung erhalten.

Wo auf dem Gelände sehe ich umweltschonende Lösungen?

Uhde: Der Belag der sechs Außenplätze besteht aus Keramiksand, nicht aus Asche. Er braucht kein Wasser, wir sparen so mindestens 750.000 Liter pro Jahr. Regen läuft sofort in die Drainage ab. Die Plätze sind durch den Belag das ganze Jahr über bespielbar und für Rollstuhltennis geeignet, weil die Reifen selbst bei Feuchtigkeit keine Kuhlen hinterlassen. Die Linien sind nicht gespannt, sondern in den Boden integriert. Es gibt also keine Stolperfallen. Außerdem haben wir energieeffizientes, insekten- und vogelfreundliches LED-Flutlicht. Das Vereinsheim wurde in Holzbauweise errichtet, verfügt über Wärmepumpe und Solarthermie. Im Grünbereich wurden in Abstimmung mit dem Landschaftsschutz über 100 heimische Sträucher gepflanzt. Die moderne Anlage hat sicher dazu beigetragen, dass wir heute deutlich mehr Mitglieder haben als vor der Flut.

Was hat das alles gekostet?

Uhde: Von der Entsorgung der alten Bauten bis zum letzten Türschloss ungefähr 1,5 Millionen Euro. Aus Fluthilfe- und anderen Förderprogrammen kam knapp die Hälfte. 800.000 Euro zu sammeln, war für unseren kleinen Tennisverein mit damals rund 200 Mitgliedern nicht einfach. Unternehmen und Stiftungen aus ganz Deutschland haben große Summen beigetragen, viele kleinere private Spenden kamen dazu. Die Flut hat eine große Hilfsbereitschaft freigesetzt. Nicht zu vergessen: Es wurden ehrenamtlich an die 10.000 Arbeitsstunden geleistet.

Auch die Website des Vereins ist barrierefrei.

Uhde: Ja, man kann die Schriftgrößen einstellen, Leichte Sprache wählen oder sich Texte vorlesen lassen. Barrierefreiheit, ob im Gebäude oder auf der Website, unterstützt auch ältere Mitglieder, nicht nur Menschen mit körperlicher oder kognitiver Einschränkung.

Gelingt Inklusion im TSE?

Rörig: Ich bin mit unglaublicher Herzlichkeit und Offenheit aufgenommen worden. Man spürt, dass beim TSE in erster Linie der Mensch zählt. So muss Inklusion! Uhde: Wenn man als Sportverein die Möglichkeit hat, Begegnungsräume zu schaffen für alle, die teilhaben möchten, dann sollte man das tun. Wir können als TSE nicht die ganze Welt verändern, aber in unserem Mikrokosmos tun wir, was wir können. Wenn das jeder machen würde, ginge es uns allen ein kleines bisschen besser.


Zu Person

Alexandra Rörig lebt in Erftstadt-Dirmerzheim. Sie spielt seit über 20 Jahren hobbymäßig Rollstuhltennis, bis zum Sommer in Bonn.

Ferdinand Uhde ist seit 2016 Vorsitzender des Tennis-Sport Erftstadt. Er war bis 2025 Mitglied im Integrationsrat und im Seniorenbeirat der Stadt Erftstadt.